2007 September

Ian McEwan: Am Strand

Diogenes
206 S., 18, 90 Euro

Roman Kürzlich war zu lesen, Ian McEwan sei eigentlich kein Erzähler, sondern ein Soziologe, der Romane schreibe, um soziologische Thesen zu illustrieren. Tatsächlich erscheint das grandios klägliche, erschütternde Scheitern eines unerfahrenen Brautpaars in der Hochzeitsnacht wie die unabwendbare Folge von Zwängen und Beklemmungen vor der sexuellen Revolution der 60er. Doch McEwan ist ein viel zu gewiefter Geschichtenerfinder und Wortsetzer, um sich damit zufriedenzugeben. Der Mann will mehr und am Ende leider zu viel. Schon beeindruckend, wie er eine ganze Epoche und das halbe Leben seiner Liebenden in ein so schmales Buch bannt. Weniger beeindruckend aber, wie er dabei seinerseits an einem Übermaß sozialkritischer Schablonen und literarischer Gemeinplätze scheitert. Darüber hinaus schimmert ein schlimmes Kindheitsgeheimnis durch das Plotgespinst, so dass man schließlich nicht weiß, ob er die Ehekatastrophe auf britische Standesunterschiede, die Sprachlosigkeit der Zeit oder psychologisch auf eine Tragödie in der Vergangenheit zurückführen will. Ferner kann man sich fragen, was heute an dieser überfrachteten, streckenweise unerwartet kraftlosen Geschichte über ein durch Unterlassung misslingendes Leben interessieren könnte: Dürfen wir uns schadenfroh dafür preisen, solche Prüderie überwunden zu haben? Oder sollen wir uns prüfen, ob wir im Zeitalter der Bekenntniszwänge nicht erneut in „tausend unausgesprochenen Regeln" befangen sind und ob vielleicht auch unter unserem Pflaster noch der Strand wartet? -rs