Ausgabe Juni 2017

The 1975

Anzeige: The 1975 rocken im Juni das Palladium. 

Foto: Veranstalter

Ganze zehn Jahren feilte die vierköpfige Band aus Manchester nun schon im Proberaum an ihrem Sound, dabei sind sie alle gerade erst einmal Anfang 20. Doch gelohnt hat sich’s. Die Jungs kommen mit frischem Sound um die Ecke, der einen Hybriden zwischen Joy Division und satten Indierock-Hymnen beschwört und besonders live für Begeisterungsstürme sorgt.

The 1975 sind Matty Healy, Ross MacDonald, Adam Hann und George Daniel. Bevor Matty Healy abermals in den Kampf ziehen und sich dem Rest der Welt stellen konnte, musste er sich wohl oder übel erst mal einer anderen Baustelle widmen: dem Kampf gegen sich selbst. Was für eine Art von Kampf damit gemeint ist, das deuten die 17 Songs an, die The 1975 auf ihrem neuen Album I like it when you sleep, for you are so beautiful yet so unaware of it versammelt haben. Anhand dieser Songs könnte man ohne Probleme die eine oder andere Theorie darüber aufstellen, was in Mattys Kopf vor sich geht bzw. ging, doch letztlich wären das ja doch nur Mutmaßungen – und ehrlich gesagt bin ich mir gar nicht mal sicher, ob Matty selbst weiß, was da so alles in seinem Kopf vor sich geht… oder vielleicht weiß er es, nur ändert es sich alle paar Minuten? Warum also sollten wir Thesen darüber aufstellen?!

Wobei: Themen wie Selbstbewusstsein, quälende Selbstzweifel, krankhafte Level von Introspektion und unaufhörliche Selbstverstümmelung spielen hier ganz offensichtlich eine Rolle, was auch für Kategorien wie Arroganz, Dringlichkeit, Leidenschaft, ja sogar Panikzustände gilt. Und obwohl eigentlich kaum noch Platz für weitere Gefühle bleibt (wobei: immerhin sind’s 17 Songs), kann man auch noch Begriffe wie Ambition, Erschöpfung, Erhebung und Niedergeschlagenheit in die Runde werfen.

Ein enger Vertrauter der Band formuliert es so: „Matthew hat letztlich das, was jeder grandiose Frontmann hat: Ein riesiges Ego – gepaart mit einem mickrigen Selbstwertgefühl. Für einen Frontmann ist das eine Topmischung! Aber für die Psyche eines Individuums ist das ein hartes Los. Sein Selbstvertrauen ist beides: überdimensional riesig und hauchdünn zugleich. Er glaubt wirklich sehr an sich, er ist extrem belastbar, und seine Arbeitsmoral ist einzigartig, aber das alles wird von dieser dunklen Seite überschattet.“

Wenn Matty auf dem neuen Track „If I Believe You“ die Zeile „If I’m lost, then how can I find myself?“ singt, werden sich viele der Fans sofort damit identifizieren können. Denn die Beziehung zwischen The 1975 und ihren Fans basiert auf einer intensiven, innigen, fast schon an Telepathie grenzenden Verbindung: Auch deshalb erinnern die Konzerte dieser Band nicht selten an Veranstaltungen irgendeiner Erweckungsbewegung. Auch deshalb spürt man bei allem, was sie tun, dass The 1975, ganz egal, wie groß sie zwischenzeitlich geworden sind oder noch werden, niemals vergessen werden, wie wichtig genau diese Verbindung und diese Fanbase sind. Allein der Gedanke, etwas Besseres zu sein, entfernte Pop-Ikonen, die für immer außer Reichweite bleiben müssen, ist für sie unvorstellbar.

Matty, Ross, Adam und George haben ein Album aufgenommen, das unglaublich vielschichtig, ambitioniert und tiefschürfend ist – und das das Jahr 2016 rückblickend definieren wird, weil es vollkommen neue, vollkommen eigene Spielregeln aufstellt. Irgendwie merkt man schon, dass Matty sich ansatzweise dieser Tatsache bewusst ist. Wobei: Wenn er davon zu 100% überzeugt wäre, nun, dann wäre er wohl nicht Matty Healy, oder? Was auch bedeutet, dass wir uns fragen müssen: Würden wir das überhaupt wollen?

21.6., 20h, Palladium, 35€ zzgl. Gebühren, www.The1975.de

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