2007 September

Andrea De Carlo: Wenn der Wind dreht

Diogenes, 426 S., 22,90 €

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Roman Viel verbindet sie nicht, die fünf Personen, die sich mit dem Auto gemeinsam von Mailand aus ins italienische Niemandsland aufmachen, das erkennt der Leser des neuen Romans von Andrea De Carlo bereits nach den ersten Kapiteln. Die Großstadtmenschen haben sich kaum etwas zu sagen. Alle haben ihr Handy am Ohr und können sich so wenig von den Alltagsproblemen und wichtigen Terminen trennen, dass der Zweck der Reise überrascht: Die zickige, selbstsüchtige Fernsehmoderatorin Margeritha, die gestrenge politisch superkorrekte Frau Luisa, ihr Ehemann, der bürgerlich-etablierte Architekt Enrico, und der bodenständige Arturo möchten sich gemeinsam abseits vom geschäftigen Treiben der Metropole Ferienhäuser zulegen, wo sie entspannen und ihre alte Freundschaft wiederbeleben können. Und so wittert der schnöselige, oberflächliche Immobilienmakler Alessio das große Geschäft und fährt sie zu dem vermeintlich perfekten Objekt. Als er das Auto in einen Graben steuert, werden sie mit der gewünschten Abgeschiedenheit in ihrer härtesten Form konfrontiert. Ein Funkloch verhindert jedes Telefonat, so auch das mit dem Abschleppdienst. Zu Fuß müssen sie sich bei Wind und Regen aufmachen, um Hilfe zu suchen. Was sie finden, sind die Häuser, die sie kaufen wollten, die nun allerdings von ein paar Hardcore-Hippies besetzt sind. Kein Telefon, kein Auto, kein fließendes Wasser und eine gewalttätige Fehde mit den Nachbarn der Kommune, die an den Aussteigern wenig Gefallen finden, sind alles andere als paradiesische Zustände. Die Schwierigkeiten des alternativen Lebensentwurfs bleiben ebensowenig unerwähnt wie die Charakterschwächen der Menschen, die sich in diesem Fall für ihn entschieden haben. Eitelkeit, Ignoranz und Selbstgerechtigkeit sind hier nicht nur den Großstädtern zu eigen. Jeder der beteiligten Charaktere wird in verschiedensten Facetten beleuchtet und eine läppische Aufteilung in Gut und Böse vermieden. Andrea De Carlo erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern stellt die verschiedenen Lebenseinstellungen auf packende Weise zur Diskussion. -se