Ausgabe November 2012

„Geld hat man nie genug.“

Als Kind sang er im Kirchenchor, öffentliche Bekanntheit errang er erstmals durch Auftritte in „Dallas”. Der Durchbruch gelang Brad Pitt anno 1991 als junger Liebhaber von Geena Davis in „Thelma & Louise” sowie als Serienkiller in „Kalifornia”. Mit „Interview mit einem Vampir” und „Legenden der Leidenschaft” wurde Pitt zum Publikumsliebling. Dass er nicht nur für Popcorn-Kino gut ist, zeigte er in ambitionierten Werke wie „12 Monkeys”, „Fight Club”, „Babel” oder „Inglourious Basterds”. Nun kommt der Schauspieler und Produzent mit „Killing Them Softly” in die Kinos.

Killing Them Softly
Killing Them Softly

Mister Pitt, Sie spielen in „Killing Them Softly” den coolen Killer – ist das die perfekte Rolle für Ihr Image?
Ich weiß nicht. (lacht) In solchen Kategorien denke ich eigentlich überhaupt nicht. Bei einer Rolle interessiert mich vor allem, ob sie das Potenzial von neuen Erfahrungen bietet.

Ein Genre-Krimi mit untypisch viel Sozialkritik – wie wichtig war Ihnen diese politische Komponente?
Das ist ganz sicher ein provokativer Stoff, der seinen Nachhall findet, und das gewiss nicht ohne Grund. Ich persönlich würde das Bild von Amerika zwar nicht ganz so definieren, gleichwohl möchte ich diese kritischen Töne keinesfalls kleinreden. Der Film zeigt, dass Politiker sich nicht mit den eigentlichen Problemen beschäftigen, sondern lediglich mit der öffentlichen Wahrnehmung dieser Probleme und ihre vermeintlichen Lösungen – und das ist ein kontraproduktiver Weg.

„America is not a country, it’s a business”, sagen Sie am Schluss als Killer Jackie an der Theke. Sehen Sie das ähnlich?
Jackie verurteilt dieses System keineswegs, er sagt nur: „So läuft der Laden eben, nach diesen Regeln muss man spielen.” Jackie versucht, mit möglichst wenig Gefühlen seinen Job zu machen. Amerika hat viele Facetten, und für mich ist es ein großartiges Land. Es gibt Ideale wie Innovation, Integrität, Gerechtigkeit und Fairness – aber diese Ideale müssen verteidigt werden.

Haben Demokratie und Kapitalismus versagt?
Ich kenne kein besseres System, aber es muss besser geschützt werden. Ungezügelter Kapitalismus kann Amok laufen. Ich bin Kapitalist und glaube an dieses System. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass dieses System korrumpierbar ist, ob nun durch die menschliche Natur oder durch bewusste Absicht. Wir benötigen also auf alle Fälle strengere Regulierungen. Die Frage ist, was ist verantwortlicher Kapitalismus? Wenn Chevron seit Jahrzehnten sein Öl in Ecuador abkippt, weil sie mit dieser Umweltverschmutzung ungeschoren davonkommen? Da stellt sich die Frage nach Gesetzen, zugleich gibt es immer eine persönliche Verantwortung. Allerdings bin ich kein Ökonom und will hier nicht den Experten geben.

Welche gesellschaftliche Verantwortung haben Künstler?
Mich interessieren Geschichten, die von unserer Zeit handeln und davon, wer wir sind. Wenn man die Möglichkeit bekommt, sich zu aktuellen Themen zu äußern, dann macht man das. Kunst sagt etwas darüber aus, wer wir sind und wo wir heute stehen – ein Film sagt nicht alles, aber doch einiges.

Steht Hollywood nicht eher für Kommerz als für Kunst?
Diesen alten Kampf zwischen Kunst und Kommerz wird es immer geben. Da wird es nie eine Einigung geben, aber das ist auch gar nicht entscheidend, weil beide benötigen sich gegenseitig. Kunst und Kommerz bilden eine Symbiose.

Sie gehören zu den Bestverdienern von Hollywood, sind zudem als Produzent an den Einnahmen beteiligt – wie wichtig ist Geld für Sie?
Geld hat man nie genug – allerdings verschwinden damit ja nicht die Probleme, sondern es ergeben sich ganz neue damit. Geld eröffnet natürlich Möglichkeiten und gibt dir Freiheiten. Du kannst reisen und neue Länder kennenlernen – das würde ich jedem wünschen und gönnen, denn dann wäre die Welt ein besserer Ort.

Was haben Sie beim Reisen gelernt?
Je mehr ich reise, desto deutlicher wird mir diese Ungerechtigkeit, dass dein Geburtsort dein Schicksal bestimmt. Ich hatte das Glück, an einem Ort aufzuwachsen, der mir die besten Chancen bot. Erst dadurch kam ich in die Lage, den Jackpot der Lotterie zu gewinnen. Für mich ist das eine Verpflichtung, etwas von diesem Reichtum abzugeben.

Der Film fällt nicht so gewalttätig aus wie Tarantino, aber auch hier haben Sie einige brutale Szenen. Wie stehen Sie zur Gewalt?
Wir leben nun einmal in einer Welt voller Gewalt. Ich muss dazu ja nur meine eigenen Kinder betrachten, wenn sie gerne raufen. Gewalt gehört zur Welt der Gangster, da kann ein Mord durchaus passieren. Ich hätte größere Probleme, einen Rassisten zu spielen.

Wie viel Einfluss machen Sie bei Dreharbeiten geltend?
Film ist Mannschaftssport. Aber am Ende des Tages ist der Regisseur der Macher, und deswegen begebe ich mich gerne in dessen Hände.

Was reizt Sie an Ihrer kommenden Aufgabe, „The Counselor” von Ridley Scott?
Ich habe nur ein paar Drehtage. Aber ich bin ein absoluter Fan von Cormac McCarthy und habe alles von ihm gelesen – das meiste davon mehrfach. Außerdem freue ich mich auf ein Wiedersehen mit Ridley Scott, der mir damals den Durchbruch ermöglichte. Last but not least bin ich ein Fan von Michael Fassbender.

Welche Rolle spielt Loyalität für Sie?
Hollywood hat da ja einen schlechten Ruf. Es stimmt schon, dass es hier eine ziemliche Oberflächlichkeit gibt und sich alles um Geld dreht. Zugleich habe ich in Hollywood die interessantesten Menschen getroffen: Intellektuelle, wissbegierige und nachdenkliche Leute, mit denen man gerne zusammen ist.
Dieter Oßwald

Killing Them Softly, Start: 29.11.