Ausgabe November 2013

Adel verpflichtet

Adel Tawil und Annette Humpe alias Ich + Ich haben geschafft, wovon viele Musiker träumen: Ihre Popsongs sind aus der deutschen Radiolandschaft nicht mehr wegzudenken. Nun hat der Berliner mit ägyptischen und tunesischen Wurzeln sein erstes eigenes Album aufgenommen.

Album Lieder - CMS Source

Im Presseinfo zu Ihrem Soloalbum „Lieder“ ist von einer „dunklen Hölle“ die Rede. Wie tief sind Sie in jungen Jahren gefallen?
Es war schon ein tiefer Fall. Wir hatten damals mit der Band The Boyz die falschen Leute kennengelernt, wir waren ja vollkommen unerfahren. Solche Abstürze von Teeniestars sind ja nicht neu. Deswegen war es so besonders, dass mir später Ich + Ich passierte. Ab dem Zeitpunkt konnte ich mich über Erfolge wieder riesig freuen. Auf der anderen Seite wurde mir bewusst, dass mir dieser ganze Hype mit den roten Teppichen und Preisverleihungen überhaupt nichts bringt, weil es nichts mit mir persönlich zu tun hat. Mit 17 wusste ich das noch nicht. Deswegen fiel ich sehr tief, hatte Existenzängste und keine Kohle.

Haben Sie sich das anmerken lassen?
Nein. Innerlich war ich deprimiert, aber äußerlich spielte ich eine Show nach dem Motto: Ich bin doch kein One-Hit-Wonder! In Wirklichkeit fühlte ich mich drei, vier Jahre lang völlig wertlos. Trotz allem habe ich mich weiter um mein Studio gekümmert und im Auftrag Remixe gemacht. Es war ein ständiger Wechsel zwischen „on“ und „off“. Zum Glück hat mich damals meine heutige Frau aufgefangen, und so ging es mir langsam besser. Ich glaube, Annette Humpe fand es interessant, dass ich schon richtig was durchgemacht hatte, trotzdem aber etwas Positives ausgestrahlt habe. Deswegen fiel das erste Ich + Ich-Album auch so düster und melancholisch aus.

Auf „Lieder“ singen Sie nun sehr gefühlvolle Songs. War es für Sie immer selbstverständlich, offen über Gefühle zu sprechen?
Mein Vater, der Philosophie studiert hat, ist zwar ein sehr nachdenklicher Mensch, aber keiner, der seine Gefühle nach außen trägt. Genau so bin ich erzogen worden. Meine erste Band, The Boyz, war eher ein Showprojekt: Fünf Jungs singen und tanzen. Erst bei Ich + Ich habe ich mich wirklich öffnen können. Angefangen hat es mit „Du erinnerst mich an Liebe“.

Plötzlich sollten Sie Liebeslieder singen, die eine Frau geschrieben hatte. Fiel Ihnen das leicht?
Ich erinnere mich, wie ich zu Annette sagte: „Annette, ich finde den Song super. Aber das Wort ‚Liebe‘ singe ich nicht. Das geht gar nicht!“ Sie meinte, ich sollte es trotzdem mal probieren. Was ich dann auch tat. In dem Moment betrat ihre süße Nichte den Raum – und fand meinen Gesang sofort toll. Wenn das so einen Effekt hat, dann wollte ich es gern mal ausprobieren. Und wenn ich mir jetzt mein Album anhöre, dann ist es tatsächlich voller Liebe! Das hohe Niveau bei Ich + Ich hat mich geprägt. Das alles hatte nichts mehr mit der Welt zu tun, aus der ich kam.

Was war das für eine Welt?
Es war eine Scheinwelt. Über Annette habe ich dann ganz andere Leute kennengelernt. Auf einmal stand Udo Lindenberg vor mir. Oder Peter Maffay. Alte Hasen, die mit dem Musikgeschäft relativ entspannt umgehen und mit beiden Beinen auf dem Boden stehen.

Sie leben zwischen zwei Kulturen. Ein Spagat?
Die jüngsten Besuche in Kairo haben mir einen völlig neuen Blick auf meine Wurzeln eröffnet. Früher hat mich das überhaupt nicht interessiert. Ich fand es nervig, in den Ferien jedes Mal zu meinen Großeltern zu fahren. Für ein Kind ist Kairo nur irgendeine Millionenstadt mit viel Smog und ohne Spielplätze. Meine Klassenkameraden fuhren nach Schweden, Italien und Spanien – aber ich musste nach Kairo! Heute interessiere ich mich wieder für die Entwicklungen in Ägypten und Tunesien.

Wegen der arabischen Revolution?
Ja, unter anderem. Heute habe ich eine ganz andere Perspektive auf Nordafrika. Kairo ist eine unfassbar kreative, riesige Stadt. Es war ein tolles Gefühl, in Kairo im Zuge der Revolution mit Studenten, Künstlern und anderen Intellektuellen zu sprechen. Durch den Song mit Mohamed Mounir habe ich einen ganz neuen Zugang zu der ägyptischen Kultur bekommen.

Der Musiker Mohamed Mounir gilt als Stimme der ägyptischen Revolution. Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?
Um ihn habe ich mir richtig Sorgen gemacht. Er lebt im Botschaftsviertel unweit des Tahrir-Platzes. Als ich das letzte Mal in Kairo war, brannte es in seinem Viertel Garden City. Mounir war einer der wenigen Künstler, die es gewagt hatten, gegen Mubarak ihre Stimme zu erheben. Wäre Mubarak im Amt geblieben, wäre Mounir sicher kein freier Mann mehr.

In „Zuhause“ träumen Sie von einer Welt ohne Nationen und ohne Vaterländer. Ist in der Realität nicht eher eine Zunahme des Nationalismus zu beobachten?
Ich habe kein Problem damit, dass es verschiedene Länder gibt. Ich fühle mich überall zu Hause, solange die Menschen um mich herum mir nur das Gefühl geben, akzeptiert zu sein. Die Welt wäre ein Stück weit besser, wenn niemand mehr das Gefühl hätte, anders zu sein, nur weil er von einem anderen Kontinent kommt. In erster Linie sind wir doch alle Menschen und nicht Bürger eines Staates.

Fühlt Ägypten sich wie Heimat an?
Nein. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und fühle mich hier manchmal noch ein bisschen fremd. Aber in Ägypten fühle ich mich noch viel fremder. Die Mentalität dort ist eine andere. Zudem spreche ich einen Misch­masch aus Ägyptisch und Tunesisch. Ägypter halten mich deshalb manchmal für einen Algerier.

Wie denken eigentlich Ihre Eltern über die arabische Revolution?
Tunesien ist ein kleines Land mit einem lebenslustigen, unfassbar herzlichen Volk. Auf der anderen Seite die Ägypter: stolze Pharaonen. Bei uns zu Hause war es ein großes Thema, dass dieses kleine Tunesien es geschafft hatte, seinen Diktator zu stürzen. Schlägt Tunesien Ägypten im Fußball, tanzt meine Mutter in der Wohnung und mein Vater wird ernsthaft sauer. Und dann startet Tunesien auch noch die arabische Revolution! Das konnten die Ägypter natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Deswegen war es nur eine Frage der Zeit, bis sie nachzogen. Jetzt hoffe ich inständig, dass sich die Lage in Ägypten irgendwann bessert. Was in Kairo gerade passiert, vermittelt aber ein ganz falsches Bild: Die Ägypter sind eigentlich ein herzliches, gastfreundliches Volk. Sie müssen jetzt schauen, von wem sie regiert werden und welchen Lebensstil sie haben wollen.

Ihre erste Solotournee führt Sie in die größten Hallen. Macht Ihnen das ein bisschen Angst?
Insgesamt ist es für mich eine große Herausforderung, sowohl psychisch als auch physisch. Aber ich freue mich schon sehr, wenn ich wieder auf der Bühne stehen kann. Mein Ziel ist es, auch in einer großen Halle die Zuschauer, die im obersten Rang sitzen, noch zu erreichen!
Olaf Neumann

Adel Tawil: Lieder (Universal, VÖ: 8.11.), Live: 1.4., LANXESS arena