Ausgabe November 2013

„Wie ein Tier im Zoo.“

The Cult, eine der explosivsten britischen Rockbands, wird 30 und geht mit dem Klassiker „Electric“ auf Tour. Für nicht wenige Eingeweihte gilt dieses Album als ihr bestes. Olaf Neumann sprach mit dem charismatischen Frontmann Ian Astbury und erfuhr, womit man ihn so richtig auf die Palme bringen kann.

thecult

Ian, warum geht ihr mit einem über 25 Jahre alten Album auf Tour? Seht ihr „Electric“ als euer ganz persönliches Meisterwerk an?
Nein. Wir sind eine Liveband. Wir müssen spielen. Bis Anfang des Jahres waren wir mit „Choice of Weapon“ unterwegs. Die Zeit bis zum nächsten Studioalbum wollten wir mit speziellen Auftritten überbrücken, um uns frisch zu halten. Bereits 2009 haben wir das komplette Album „Love“ von 1985 erfolgreich in der Royal Albert Hall und anderswo präsentiert. Dieses Konzept setzen wir jetzt mit „Electric“ fort. Die Idee, ein komplettes Album durchzuspielen, haben wir von David Bowie geklaut, der dergleichen mit „Low“ gemacht hat. In einem zweiten Set spielen wir übrigens ausgewählte Songs aus unserer gesamten Karriere.

Ist „Electric“ in einer besonderen Phase deines Lebens entstanden?
Ich war 24, als wir mit dem Vorhaben nach New York kamen, eine direkte, aufs Wesentliche reduzierte Platte zu machen. Es war aber nicht so, dass wir diese Idee für einzigartig hielten. Auslösendes Moment war der Song „Cookie Puss“ von den Beastie Boys, den Rick Rubin produziert hatte. Hier verschmolzen HipHop-Breakbeats mit Rockelementen von Led Zeppelin und AC/DC auf völlig neue Weise.

Was machte Rubin so speziell?
Rick Rubin ließ der Musik viel Raum zum Atmen. Es war ein glühender Sound von großer Intensität. Die frühen Platten von Led Zeppelin klingen sehr aggressiv und punkig, sie sind irgendwie sexuell aufgeladen. Damals war ich auch fasziniert von Bands wie den Stooges, The MC5 und den New York Dolls. Sie standen für eine andere Auffassung von Rock ’n’ Roll.

Vor The Cult war Rick Rubin eher als HipHop-Produzent bekannt. Wie kamt ihr ausgerechnet auf ihn?
Vor uns hatte er zwar schon ein Album für Slayer produziert, aber seine Sachen wurden eher dem Under­ground zugeordnet. Rick Rubin war damals noch kein Hitproduzent; er wohnte in einer Studentenbude an der New Yorker Uni, umgeben von unzähligen Schallplatten und Videokassetten. Für „Electric“ sind wir mit ihm in Hendrix‘ Electric Ladyland Studio im East Village gegangen.

Wie war New York damals?
1986 war New York eine gesetzlose Stadt: Schießereien, Raubüberfalle, Drogendelikte. Gefährlich, aber auch extrem spannend. Es war Winter, und wir wohnten im Gramercy Park Hotel, damals eine Junkie-Absteige. Ich schlief immer bis in den späten Nachmittag, weil ich nie vor zehn Uhr früh ins Bett kam. Das haben wir zehn Wochen lang durchgezogen. Die ganze Energie floss in die Musik mit ein. Ich erinnere mich, dass die Jungs von Run DMC, den Beastie Boys und Murphy’s Law immer bei uns im Studio abhingen.
 
Welche Künstler haben dich sonst noch geprägt?
1979 durfte ich The Clash erleben. Später kamen die Ramones, die Stranglers, Stiff Little Fingers, Iggy Pop, David Bowie, Bob Dylan, Neil Young, John Lee Hooker, B. B. King und James Brown hinzu. Aber The Birthday Party 1982 im Camden Palace in London gesehen zu haben – das hat mein Leben verändert.

Kürzlich bist du bei einem Auftritt mit einem Zuschauer aneinandergeraten. Dieser soll dich die ganze Zeit mit seinem Handy gefilmt haben – und zwar direkt aus der ersten Reihe.
Ich habe kein Problem damit, wenn Fans während der Show fotografieren. Das finde ich eigentlich sogar cool. Manche sind dabei aber extrem penetrant und filmen gleich die ganze Show. Dies empfinde nicht nur ich als störend, sondern auch viele andere im Publikum. Es ist beleidigend, wenn jemand direkt vor deiner Nase ständig auf sein Handy glotzt und zwischen den Songs SMS schreibt, während ich mir vorne den Arsch abspiele. Genau dies passierte an dem besagten Abend.

Wie kamst du dir in dem Moment vor?
Wie ein Tier im Zoo. Deshalb nahm ich diesen Kerl ins Visier, worauf er mich anschaute, als sei ich ein Idiot. Ich bat ihn mehrfach, mit dem Filmen aufzuhören, weil es das Konzert­ereignis wirklich störte. Ich wünsche mir ein aufmerksames Publikum, um eine hoch konzentrierte Performance abliefern zu können. Wer sich überhaupt nicht für uns interessiert, soll lieber gleich zu Hause bleiben.

Du hast diesen Zuschauer dann vor die Tür gesetzt. Warum?
Weil der Typ mit einem Becher nach mir warf und sich mit mir prügeln wollte. (lacht) Dabei sollte er doch nur freundlicherweise sein Handy wegstecken. Manche meinen, bei Rockkonzerten sei alles erlaubt. Aber ich weiß, dass viele Zuschauer überhaupt keinen Bock auf Handys haben, weil sie die Show ungefiltert genießen wollen. Das ist wie mit dem passiven Rauchen.
 
Ist das pure Live-Erlebnis ein Auslaufmodell?
Das finde ich nicht. Wenn ich zu einem Konzert von Nick Cave gehe, geht es mir nicht darum, einen Star zu filmen, sondern ich möchte seine Performance und seine Musik wirklich erfahren. Diesen besonderen Moment, in dem ich mich in das Bühnengeschehen vollkommen miteinbezogen fühle, würde ich niemals filmen wollen. Es geht doch darum, dass Künstler und Publikum Kontakt miteinander aufnehmen und eine Verbindung eingehen, und nicht darum, irgendeinen Scheiß zu filmen, den ich dann bei YouTube hochlade. Eine Live-Erfahrung kann etwas ganz Magisches sein, etwas, das man nie wieder vergisst und dem man für den Rest seines Lebens hinterherjagt, weil man aus diesem Konzert als anderer Mensch herausgegangen ist. Ein Handy kann das nicht ersetzen.

Wie beruhigst du dich wieder, nachdem du mit jemandem aneinandergeraten bist?
Früher bin ich wie eine Furie in die Menge gesprungen und habe die Sache von Angesicht zu Angesicht geklärt. Mehr als einmal wurde ich dabei ausgeknockt. Heute bin ich viel gelassener auf der Bühne. Ich versuche immer, den Leuten höflich zu sagen, dass ich mich über ihre ungeteilte Aufmerksamkeit sehr freuen würde. Es kommt selten vor, dass ich mal wirklich ausraste.

The Cult – Electric 13 World Tour, 6.11., 20h, Live Music Hall, Karten auf www.koelnticket.de