Ausgabe Januar 2014

Die schöne Müllerin

Sängerin und Moderatorin Ina Müller stellt in ihren Liedern die Stereotypen über Frau und Mann auf den Kopf. Im richtigen Leben arbeitet die 48-­Jährige daran, ihren bewegten Berufsalltag und das ­private Glück mit Johannes Oerding, 33, unter einen Hut zu bekommen.

Foto: Sandra Ludewig/105 Music
Foto: Sandra Ludewig/105 Music

Ihr Freund, Johannes Oerding, ist wie Sie Sänger und Songschreiber. Bot sich da eine Zusammenarbeit für das aktuelle Album einfach an?
Müller: In diesem Ausmaß war das überhaupt nicht geplant. Aber es hat sofort funktioniert. Am Ende haben wir tatsächlich die Musik für alle Songs zusammen geschrieben. Wir sind losgefahren und haben einen Apparat gekauft, der sieht aus wie ein Keyboard. Da ist sogar ein Schlagzeug drin. Und man kann das Klavier hoch- und runterstimmen. Dann haben wir nächtelang zusammen in der Küche gesessen und die Texte vertont, die Frank Ramond und ich zuvor geschriebenen hatten. Es war eine extrem erfüllende musikalische Arbeit.

Ihre Beziehungsgeschichten sind oft beißend sarkastisch gehalten. Singen Sie stets über eigene Erfahrungen?
Ja, das kann man wohl so sagen. An dem Tag, an dem wir das Lied „Déjà Vu“ fertig hatten, standen direkt wieder zwei Promi-Paare in der Zeitung, die sich im verflixten siebten Jahr getrennt haben. Der Song klingt ein bisschen ernüchternd, aber ich selber kenne das auch: Man lernt einen Mann kennen, der ist auch irgendwie nett. Aber hat man überhaupt Lust wieder von vorne anzufangen? Seine Wohnung, meine Wohnung, seine Marotten, meine Marotten, die komplette Lebensgeschichte. Und wenn man alles kennt und voneinander weiß, trennt man sich. Das klingt sehr unromantisch, aber die Statistik gibt mir recht.

Sie sind mit einem Künstler liiert. Ist das nicht etwas ganz anderes?
Ich glaube, meine Lebensform ist generell eine andere. Auch wenn mein Freund Banker wäre, wäre ich weder mit ihm verheiratet noch würde ich mit ihm zusammen wohnen. Das Schöne ist, dass wir uns nicht ständig erklären müssen. Der Job geht bei uns oft vor, weil er uns beiden sehr wichtig ist.

In der Musik auf „48“ steckt mehr Pop drin als bisher. Eine bewusste Entscheidung?
Ja, ich wollte mit diesem Album noch musikalischer werden. Ein bisschen mehr Röhre, ein bisschen lauter, ein bisschen anders. Ich wollte auch mal Lieder auf dem Album haben, die etwas versöhnlicher sind. Zum Beispiel bei „Wenn du nicht da bist“, da haue ich dann im Refrain nicht drauf, sondern gestehe meine Liebe. Geht auch.

Und diese Versöhnlichkeit hat damit zu tun, dass Sie jetzt in einer glücklichen Beziehung leben?
Ein Album spiegelt doch immer wieder, wie man sich gerade so fühlt, aber ich habe nicht alles selbst erlebt, was ich singe, sonst wäre ich wohl nicht mehr am Leben oder in Therapie. Ich wollte auf der Platte ein bisschen mehr den Gesang zeigen, den man live auch von mir gewohnt ist.

Bei dieser Platte haben Sie erstmals mit einem externen Produzenten gearbeitet. Was hat sich dadurch verändert?
Wir haben diesmal alles in eine musikalische Hand gegeben. Stefan Garde hat sehr versierte Musiker dazugeholt, das fand ich ganz toll. Für mich war es neu, dass plötzlich jemand da war, der unsere Küchendemos musikalisch umgesetzt hat. Ich war ganz viel dabei, um zu gucken, ob das in die Richtung geht, die ich gerne wollte. Einen erdigen Song wie „Wenn dein Handy nicht klingelt“ hatte ich bisher so noch nicht.

Haben Sie darauf geachtet, dass Ihre Versöhnlichkeit nicht so weit geht, dass am Ende ein braves Ina-Müller-Album herauskommt?
Deswegen sind ja auch Songs wie „Déjà Vu“, „Spieglein, Spieglein“ oder „Teenager“ dabei. Aber eine Ballade wie „Nach Hause“ wollte ich mir unbedingt auch gönnen. Bei dem Song musste ich anfangs immer weinen. Es ist toll, ihn im Tourbus auf Kopfhörer zu hören.

Wirklich aus der Reihe fällt das traurige „Pläne“. Darin besingen Sie den Tod eines Freundes.
Es ist gar nicht so leicht, solch einen Song auf einem Pop-Album zu verpacken. Mir war es wichtig, dass es nicht die wahnsinnig traurige Nummer 13 ist. Deswegen ist sie mittig eingebettet, um das Thema nicht zu verkitschen. So hat es eine gute, hörbare Traurigkeit. Man denkt immer, der Tod kommt, wenn man alt ist. Aber es sterben jetzt schon Freunde um mich herum.

Ist das Singen Ihre Art, mit Tod und Trauer umzugehen?
Das Gefühl der Trauer ist doch so stark, dass man natürlich auf die Idee kommt, die Gedanken festzuhalten und zu erklären. Der eine schreibt drüber, der andere macht einen Film, und ich singe drüber. Tod ist immer noch ein Tabuthema, das nervt mich. Weil ich das Thema Tod wahnsinnig spannend finde – spannender jedenfalls als das Thema Urlaub.

Sie sind 48. Was interessiert Sie am Thema Tod?
Vor allem habe ich keine Angst, darüber zu reden. Ich frage auch andere, wie sie sich den Tod vorstellen und wie sich das Sterben wohl anfühlt. Mich interessiert, wie andere Menschen darüber denken. Manchmal stehe ich im Badezimmer und denke: Wenn du jetzt tot umfallen würdest, dann würde alles so weiterlaufen – sogar die Dusche. Und ich wäre später irgendwo unter der Erde und mir wäre wahrscheinlich kalt.

Wie soll man sich einmal an Sie erinnern?
Ich hoffe, dass ich bei Wikipedia zu finden bin. Dass man die nächsten 100 Jahre etwas zu meinem Namen findet, wenn man ihn googelt. Das Einzige, was am Ende von einem bleibt, sind ja die Erinnerungen. Und auch die verblassen. Deshalb Wikipedia. Ansonsten halte ich mich nicht für so wichtig. Ich bin Ehrenbürgerin von meinem Heimatdorf Köhlen. Eine Bank mit einem Messingschildchen wäre bestimmt noch drin. Und ein Bild im Schellfischpost.

Wo stehen Sie jetzt als Künstlerin?
Da, wo ich mich richtig wohlfühle. Wir hatten tolle Live-Touren, und ab Januar geht es wieder los. Ich habe ein neues Lieblingsalbum in der Hand. Manchmal läuft mir ein Glücksschauer über den Rücken.

Gönnen Sie sich eigentlich gar keine Pausen?
Bis Ende Mai nächsten Jahres stecke ich noch tief in Arbeit, danach würde ich gerne mal Pause machen. Dann habe ich drei Jahre durchge­ackert – mit Sendungen, Album machen und Touren. Mir bleibt gar keine Zeit, Erfolge mal zu genießen. Jetzt sind wir gerade dabei, neue Sendungen von „Inas Nacht“ aufzuzeichnen, obwohl ich am liebsten den ganzen Tag mit meinem Album in der Hand durch die Straßen tanzen möchte.

Was ist anstrengender – eine Platte machen oder eine Tour vorbereiten?
Das schwerste von allem ist das Programm für die Tour zu erarbeiten und zu schreiben. Ich brauche dazu ja immer ein kleines Kabarett-Programm. Ich weiß mittlerweile, wie mein Publikum und ich zusammengehen, gerade deshalb will es nicht enttäuschen. Auf Tour sein ist dann die Belohnung. 
Olaf Neumann

Ina Müller: 48 (105 Music/Sony), Live: 29.3., LANXESS arena, Kar­ten auf www.koelnticket.de
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