Ausgabe Februar 2014

Zwischen Emotion und Information

Die britische Band Maximo Park hat sich nach einer Kreativpause grundsätzliche Fragen gestellt: „Was ist Maximo Park? Wie klingt die Zukunft? Darf ein Popsong politisch sein?“ Antworten fanden die Musiker in der Vergangenheit, der Weltliteratur und beim NSA – nachzuhören auf dem neuen Album „Too Much Information“. Olaf Neumann sprach mit Frontmann Paul Smith.

Foto: Steve Gullick
Foto: Steve Gullick

Paul Smith, ist Ihr Album „Too Much Information“ als Kritik am Zeitalter der totalen Vernetzung zu verstehen, in der fast jeder permanent online ist und die direkte Kommunikation mehr und mehr verkümmert?
Es ist nicht wirklich eine Kritik, der Titel bezieht sich einerseits auf das Zeitalter der totalen Vernetzung, andererseits stecken in unseren Texten und in unserer Musik viele Informationen. Ich hoffe aber, nicht zu viele. Es ist unsere fünfte Platte, sie soll beschreiben, was für eine Band wir sind. Wir versuchen in unsere Songs immer so viele Hooks und Melodien wie möglich einzubauen, gleichzeitig sind sie voller Drehungen und Wendungen. Wir mögen Popsongs mit Strophen und Refrain, aber bei uns klingt es immer ein bisschen anders. Die Phrase „Too Much Information“ taucht in dem Song „Midnight on the Hill“ auf, wo jemand einem Fremden das größte Geheimnis seines Lebens anvertraut.

Gab es im Studio irgendwelche Überraschungen?
Nun, als Künstler ist man immer bestrebt, sich selbst zu überraschen. Der Ball muss am Rollen bleiben. Weder darf man sich auf seinen Lorbeeren ausruhen noch den Spirit der Band verraten. Mich persönlich hat der Song „Brain Cells“ ziemlich überrascht, weil er von unserem Gitarristen Duncan stammt, aber kaum Gitarren darauf zu hören sind. Er fügt sich perfekt ein in die nächtliche Stimmung anderer Titel des Albums. Zudem experimentiere ich hier mit Falsettgesang.

Wie experimentell darf ein Popsong sein?
Beim Schreiben im stillen Kämmerlein experimentiert jeder von uns gerne, aber am Ende muss ein Song allen fünf gefallen. Unsere neuen Songs strahlen eine große Lockerheit aus. Wir werden nie eine experimentelle Band sein, obwohl ich privat seltsame Nischenmusik liebe. Aber auch als Popband darf man mit den traditionellen Song­strukturen spielen, man muss sich nur mal unsere Nummer „Brain Cells“ anhören. Sie hat eine nostalgisch-futuristische Atmosphäre. Ich fände es gut, wenn sich der Hörer fragt: „Ist das wirklich ein Refrain, oder sind wir schon bei der nächsten Strophe angekommen?“ Ein simpler dreiminütiger Popsong kann dich im besten Fall in eine andere Dimension beamen.

In den 1980er Jahren befreite sich die Popmusik von der Herrschaft der Gitarre. Was fasziniert Sie als Spätgeborener an dieser Ära?
Ich mag die Art, wie Sade, The Blue Nile oder Mantronix damals ihre Alben produziert und wie sie Synthies und Keyboards in ihrer Musik eingesetzt haben. Ich liebe den verschrobenen und wahnsinnigen Gesang eines Billy Mackenzie von The Associates. Ich glaube, die 1980er haben uns schon sehr beeinflusst. Und das, obwohl wir dieses Jahrzehnt ja gar nicht bewusst erlebt haben.

Ist es besser, der Zeit voraus oder hinterher zu sein?
(lacht) Ich denke, man sollte am besten in seiner Zeit leben, ohne die Vergangenheit zu ignorieren. Wenn ich heute etwas von Otis Redding oder Marvin Gaye auflege, dann sagen diese Künstler immer noch etwas zu mir. Unser Gitarrensound ist geprägt von Bands, mit denen wir aufgewachsen sind: Pavement, Sonic Youth, Wire und diverser Grunge-Stoff. „Midnight on the Hill“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir arbeiten. Der Song beginnt ganz minimalistisch nur mit Gitarre und Schlagzeug. Nach und nach kommen andere Elemente dazu und das Ganze klingt ziemlich verschroben. Plötzlich geht der Song in eine völlig andere Richtung und klingt am Ende wie eine moderne Version von „Eight Miles High“ mit miteinander flirtenden Gitarren. Natürlich wollen wir alles andere als die Byrds kopieren, es ist einfach eine überwältigende Soundcollage. Manchmal geht man mit einem extrem professionellen Ton­ingenieur ins Studio und die Arbeit läuft wie von selbst. Aber das Resultat klingt irgendwie zu poliert. Ich bevorzuge einen rauen, ehrlichen Sound.

Setzen Sie im Studio auf historische Aufnahmetechniken?
Unser Gitarrist Duncan schaute sich im Vorfeld eine Dokumentation über das legendäre Hitsville U.S.A.-Studio an, in dem die ganzen Motown-Platten aufgenommen wurden. Manche der alten Aufnahmetechniken haben wir adaptiert, das Ergebnis klingt aber nicht nostalgisch, sondern streckenweise wie eine bizarre Mischung aus uns und Jonathan Richman. Ich finde, eine Band sollte immer nur mit den Möglichkeiten spielen, die ihr real zur Verfügung stehen. Deshalb wird es bei uns niemals ein Saxofonsolo geben. Dafür hat unser Keyboarder Lukas ein paar schöne Sounds kreiert.

Wie kommt die Literatur in Ihre Songs?
Nun, ich lese einfach viel. Diesmal wollte ich u.a. der Autorin Lydia Davies Tribut zollen. Ihre Kurzgeschichten sind zum Teil wirklich kurz, manchmal bloß einen Absatz lang. Trotzdem gelingt es ihr immer wieder, eine ganze eigene Stimmung zu kreieren, und als Leser fragt man sich, was den Protagonisten wohl antreibt. Alan Warner, der große schottische Romancier, hinterließ seine Spuren bei „Leave This Island“, und „Drinking Martinis“ ist eine Reminiszenz an Don DeLillo. Vielleicht bin ich nicht besonders gut darin, meine Songs zu erklären, aber bei „Drinking Martinis“ habe ich das Gefühl, mich so ausgedrückt zu haben, dass es einfach jeder versteht. Es ist eine Ballade, die durch meinen Gesang wahrhaftig wird.

Lesen Sie auch deutsche Autoren?
Aber ja. Von Hermann Hesse habe ich einiges gelesen, und Günter Grass will ich mir in nächster Zeit vornehmen. Unser Keyboarder Lukas hat während einer unserer Tourneen mal den ganzen „Zauberberg“ durchgeackert. Auch liebe ich die Gedichte von Rainer Maria Rilke. Wir zitieren ihn sogar auf einer unserer Plattenhüllen.

Sollte Popmusik politisch sein?
Ich finde, man sollte über das schreiben, was einen interessiert. Manchmal sehe ich etwas in den Nachrichten und denke, darüber müsste man eigentlich mal einen Song machen. Bis mir klar wird, dass ich persönlich unter ganz anderen Umständen lebe und überhaupt keinen Insiderblick auf das Gesehene habe. Manche Themen gehören in die Zeitung, aber nicht in ein Lied. So einfach ist das. Aber Slogans wie „Free Nelson Mandela!“ funktionieren immer. Solche Lieder wollen ja keine Hintergrundinformationen zu einem politischen Thema liefern, sondern eigentlich nur ein positives Statement zum Mitsingen. Ich schreibe vor allem über Gefühle, meine Texte lassen jedoch so viel Interpretationsspielraum, dass man sie auf die verschiedensten Situationen anwenden kann. Ich bin kein politischer Künst­ler, dennoch schreibe ich über so­ziale Aspekte, die ich für relevant halte. Das Private ist politisch und das Politische privat.

Maximo Park: Too Much Information (Universal, VÖ: 31.1.)
Live: 19.2., Live Music Hall