Ausgabe September 2014

Von Liebe und Trennung

Ende März dieses Jahres veröffentlichte Roger Cicero das Album „Was immer auch kommt“, welches er im Rahmen seiner Tour auch in Köln vorstellt. In zum Teil ungewohnt introvertierten Songs blickt er auf sein Leben zurück und sucht nach persönlichen Glücksmomenten. Olaf Neumann sprach mit dem Wahlhamburger. 

Foto: Mathias Bothor
Foto: Mathias Bothor

„Was immer auch kommt“ ist bereits Ihr fünftes Soloalbum. Mit welcher Zeile fing alles an?

Als mir die Zeile „Durch deine Augen sehen“ in den Sinn kam, wurde mir klar, dass ich das Zusammensein mit meinem Sohn unbedingt noch mal thematisieren wollte – neben dem Thema „Patchwork-Familie“. Ich fand an dieser Idee interessant, dass aus etwas, das auseinanderbricht, am Ende etwas Größeres zusammenwächst. In den Texten ist immer eine Haltung zu erkennen.

Suchen Sie immer nach Themen, die noch nie in Popsongs behandelt wurden?

Das ist irre schwer. Es geht mir nicht vordergründig darum, neue Themen zu finden, sondern einen interessanten Blickwinkel zu entdecken, aber vielleicht bin ich ja der Erste, der Patchwork-Familien besingt. Ich finde, die Haltung und die Erzählweise sind viel schwieriger als die Themen selbst. Es geht mir nicht nur um Beziehungen, sondern auch um Veränderungen, Transformationen und neue Lebensabschnitte.

Auf dem Album verarbeiten Sie die Trennung von der Mutter Ihres Sohnes Louis, mit der Sie sieben Jahre liiert waren. Was hat Ihnen geholfen, diese einschneidenden privaten Veränderungen zu bewältigen?

Ich habe Freunde, mit denen ich mich austauschen kann. Sie sind eine große Stütze. Das Leben ist für die Schicksalsschläge verantwortlich, und es ist unsere Aufgabe, damit klarzukommen. (lacht) Man muss halt versuchen, aus den richtigen Kanälen die Kraft zu beziehen, die man braucht, um da durchzugehen. Es geht nicht darum, die Situation zu verändern, die man als unangenehm wahrnimmt, sondern darum, seine Haltung gegenüber dieser Situation zu verändern. Und das dann als Chance zu nehmen, zu wachsen. So was herauszufinden, ist für mich ein persönlicher Glücksmoment. Ich versuche, nicht nur im Heute, sondern im Jetzt zu leben. Daraus sind Texte wie „Wenn es morgen schon zu Ende wär‘“ entstanden.

In dem Lied beschäftigen Sie sich mit der eigenen Vergänglichkeit. Denken Sie manchmal: Was passiert, wenn ich tot bin?

Selbstverständlich. Ich finde solche Gedanken extrem wichtig, um sich vollständig aufs Leben einlassen zu können. Auch da ist der Verstand sehr eigen und blendet einfach aus, dass es jederzeit zu Ende sein kann. Im Buddhis-mus gibt es eine Medi-tation, bei der über einen längeren Zeitraum die Verwesung des Körpers visualisiert wird. In allen Einzelheiten: das Zerfallen, die Würmer, das Wegfaulen, bis am Ende nur noch Staub übrig ist. Die Bud-d-histen meinen, dass man erst dann das Leben wirklich annehmen kann, wenn man diese Meditation praktiziert hat. Für mich ist das ein Trost bringender Gedanke.

Ihr Arzt stellte Sie einmal vor die Wahl: rauchen oder singen. Wie lange haben Sie darüber nachgedacht?

Komischerweise länger, als ich es hätte sollen. Rückblickend bin ich darüber sehr erstaunt. Damals dachte ich, es wird schon nicht so schlimm sein. War es aber. Ich habe dann auch wirklich aufgehört und meinen Lebensstil sehr geändert. Es war auch an der Zeit, denn ich habe früher oft nachts gearbeitet, zum Beispiel regelmäßig in Clubs gesungen, wo alle Party machten. Irgendwann ging das nicht mehr. Seit nunmehr zehn Jahren verzichte ich auf Alkohol und Nikotin. Ich vermisse nichts.

Zurück zum Album: Wie war die Zusammenarbeit mit Rea Garvey?

Die Treffen mit Rea sind immer sehr speziell. Den Song „Frag nicht wohin“ haben wir gemeinsam komponiert, die Idee zum Text hat Rea angestoßen. Er handelt von der Situation, wie ein Vater versucht, seinem Sohn zu erklären, dass sich seine Eltern trennen wollen. Ich habe lange überlegt, ob ich den Song aufs Album nehmen sollte.

Sie sind selbst als Scheidungskind aufgewachsen. Konnten Sie diese Erfahrung auf Ihre heutige Situation anwenden?

Meine Erfahrung war mir mahnendes Beispiel. Ich habe probiert, bei meinem Sohn Sachen anders zu machen. Natürlich findet er es manchmal doof, dass seine Eltern nicht zusammen wohnen, aber er hat nicht den Eindruck, dass sein Vater nicht für ihn da ist. Er geht mit der Situation sehr selbstverständlich um.

Inzwischen sind Sie wieder neu verliebt. Von dieser Liebe singen Sie in „Du bist mein Sommer“. Was ist diesmal anders?

(lacht) Gute Frage. Das sind Nuancen und Details. Vieles fühlt sich total anders an, aber vieles bleibt auch. Man reagiert anders. In manchen Situa-tionen hat man ein blindes Verständnis, in anderen muss man viel Zeit darauf verwenden, eine gemeinsame Sprache zu finden. Es ist sowieso jedes Mal anders.

Wenn Sie Songs über Patchwork–Familien schreiben, versuchen Sie dann, bestimmte Klischees zu vermeiden?

Das ist in der Tat das Schwierigste. Im Deutschen sind die Möglichkeiten unbegrenzt, sich präzise und einzigartig auszudrücken. Das ist Fluch und Segen zugleich. Engländer und Amerikaner haben es hierzulande leichter, denen werden schlechte Texte viel eher verziehen. Man könnte sagen, Lieder über Liebe, Trennungen und Herzschmerz sind durch, auf der anderen Seite sind das immer noch Themen, mit denen man sich auseinandersetzen muss.

Sind die neuen Nummern denn leicht zu singen?

Sie sind teilweise sehr schwierig zu singen, weil sie von einer großen Einfachheit geprägt sind. Das ist nur mit Nuancen interessant zu gestalten. Solch ein Song funktioniert nur, indem man als Interpret komplett in der Musik, im Text und in der Emotion drin ist. Diese Nummern live zu singen ist eine große Herausforderung.

Roger Cicero & Big Band – Tournee 2014; Special Guest: Gregor Meyle, 8.10., 20h, LANXESS arena, Karten auf www.koelnticket.de

Wir verlosen 5 x 2 Tickets.