Ausgabe Februar 2015

Party, Party, Party!

Bei ihren berüchtigten Konzerten veranstalten Deichkind ein Remmidemmi wie sonst keine andere Band. Ihr neuestes Album heißt „Niveau Weshalb Warum“. Olaf Neumann traf die Deichkinder Kryptic Joe, Porky und La Perla zu einem Interview der anderen Art.

Foto: Studio Schramm Berlin
Foto: Studio Schramm Berlin

Mit Ihrem Albumtitel „Niveau Weshalb Warum“ spielen Sie auf den Titelsong der Kindersendung „Sesamstraße“ an. Was haben Sie aus Ihrer Kindheit in die Gegenwart gerettet?
La Perla: Alles. Deichkind ist identitätsstiftend. Das klingt vielleicht esoterisch, aber ich finde gerade diesen Aspekt spannend. Mich persönlich würde keine Band interessieren, die mich nicht dazu herausfordert, Dinge über mich selbst herauszufinden. Deichkind öffnet diesen Prozess nach außen und macht ihn im nächsten Moment schon wieder zu. Es gibt bei uns die private und die öffentliche Person und das Spiel dazwischen. Gerade das macht uns sehr viel Spaß.

Die taz behauptet, Deichkind mache Musik, die man zu Hause nicht hören müsse, sondern die nach draußen gehöre. Fühlen Sie sich verstanden?
La Perla: Mir ist sehr wichtig, dass Deichkind von außen als eine Feier- und Saufband wahrgenommen wird. Ich habe selber Schwierigkeiten damit, mich manchmal so richtig gehen zu lassen, aber wenn es mir doch mal gelingt, ist es wirklich etwas Tolles. Mich regt es auf, dass vor drei Jahren die Feuilletons auf einmal behaupteten, Deichkind sei Kunst. Welche Referenzen die in unserer Musik auch entdeckt haben wollen: Wir fühlen uns missverstanden.

Und deswegen haben Sie bei Ihrem neuen Album das Niveau wieder ein bisschen runtergeschraubt?
La Perla: Ja! Wir sind natürlich nicht ganz so dumm. Promotion, Marketing und Marktforschung sind bei uns große Themen. Das haben wir uns bei Firmen wie Mercedes abgeguckt. Selbst Quentin Tarantino macht Testvorführungen und lässt dabei das Publikum Bewertungsbögen ausfüllen. Und dann wird der Film nach den Bewertungen hin umgemodelt.

Und genau das haben Sie mit Ihrem Album auch gemacht?
La Perla: Genau. Wir haben einfach hundert Lieder aufgenommen und 500 Leute eingeladen, aber nicht nur Deichkind-Fans. Die mussten die Stücke bewerten und diese Informationen wurden dann ausgewertet. Wir arbeiten mit Marktforschungsunternehmen zusammen. Inzwischen gibt es einen Pool von 5.000 Leuten, die bereit sind, sich immer wieder befragen zu lassen. So ist der Albumtitel entstanden. Den haben wir uns gar nicht selbst ausgedacht.

Sie haben jetzt Ihr eigenes Label gegründet: Sultan Günther Music. Wer ist Sultan Günther?
Porky: Wir spielten mal in der Nähe eines Safariparks. Dort wurden wir gefragt, ob wir als Paten ein Dromedar taufen wollten, das gerade geboren worden war. Es wurde von uns „Sultan Günther“ genannt. Und jetzt trägt auch unsere Plattenfirma diesen Namen.

Sind Deichkind nur Sprücheklopfer, oder findet man bei Ihnen auch eine Prise politisches Bewusstsein in Form von Gesellschaftskritik?
La Perla: Ich möchte an dieser Stelle betonen: Deichkind ist lebensbejahend. Wir drücken eine Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturen aus. Bei Deichkind hat mich immer das sehr unterschiedliche Publikum gereizt. Bei uns ist jeder willkommen: ob er nun musikinteressiert ist oder einfach nur Party machen will, um aus dem Alltag auszubrechen. Man darf sich bei uns gern das Recht nehmen, mal nicht zu funktionieren und nicht so zu sein, wie das erwünscht ist.

Wollen Ihre Fans nachhaltige Kunst oder nur schnelle Befriedigung?
La Perla: Sie wollen Party, Party, Party. Wir haben ja diese Marktforschung gemacht. Da will keiner Kunst. Die meisten wollen saufen und Mädchen. Wir dachten die ganze Zeit, wir könnten auf dem Kunstmarkt was holen, aber wir wollten uns nicht von fünf, sechs Sammlern abhängig machen, sondern uns lieber auf das Demokratische der Popkultur einlassen. Lieber flexibel bleiben und auf kleine Kunden setzen. Auch wenn es allgemein mal nicht so gut läuft, werden die Leute immer noch nach Party verlangen. Das ist ein Dauerbrenner, da geht was.

Welche Ansprüche haben Sie als Musiker und Künstler an sich selbst?
Porky: Wir haben diesmal versucht, die Niveaulatte ganz unten zu halten, und trotzdem hat diese Platte noch Niveau.
Kryptic Joe: Bei den ersten beiden Alben war das noch anders, danach haben wir eigentlich nur noch rumgekloppt. Aber gerade das macht Spaß. Man geht in Hypnose bei diesem afrikanischen Rumgeklöppel auf Baumstämmen.

Wie wird die neue Show?
La Perla: Wir haben zu einem vergünstigten Preis 5.000 Smartphones gekauft und sie auf Kostüme genäht. Damit wollen wir diese ganze Konnektivität noch einmal übertreiben und aufzeigen, wie man morgen lebt. Müllsack war gestern, Deichkind ist endlich im Hightech-Jahrhundert angekommen. Die Kostüme hat ein sehr bekannter Designer aus Paris entworfen, der nicht namentlich genannt werden will. Wir glauben, dass die Leute in fünf Jahren wirklich so rumlaufen werden. Warum nur noch ein Handy, wenn man auch 40 haben kann, die an der Jacke kleben? Auf diese Weise verpasst man keine Twitter-Nachricht mehr. Unser Ziel war, dass die O2-World in Hamburg für unsere Bühnenshow zu klein wird. Und das ist tatsächlich passiert. Nun nehmen die extra für uns das Dach ab, um es 20 Zentimeter höher zu legen.

Layout_COVERNWW_offiziel.indd

Deichkind: Niveau Weshalb Warum (Sultan Günther Music/Universal), VÖ: 30.1., Live: 10.4., Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf, 11.4., Westfalenhalle, Dortmund. Karten auf www.koelnticket.de