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Das komplette Interview mit Adnan G. Köse, dem Regisseur von "Unter Tage"
Sie sind nicht nur Regisseur, sondern auch Autor des Stücks „Unter Tage“. War es Ihr eigenes Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen, oder ist man im Rahmen der Kulturhauptstadt-Offensive auf Sie zugekommen?
Das Stück habe ich bereits vor einiger Zeit geschrieben. Ich komme aus einer Bergarbeiterfamilie, habe selber für kurze Zeit unter Tage gearbeitet, bevor ich in Köln die Schauspielschule besucht habe. Irgendwie hatte ich schon lange das Bedürfnis, eine Hommage an diese Region und ihre Menschen zu schreiben. In Deutschland gab es, im Gegensatz zu anderen Ländern, bisher kein Theaterstück, das sich auf erzählerische Weise mit der Welt der Bergwerkarbeiter auseinandersetzt. Das Kulturamt, das von dem Stück wusste, ist dann aber tatsächlich im Rahmen der Kulturhauptstadt-Thematik auf mich zugekommen.
Worum geht es in dem Stück und wie lautet seine Botschaft?
Im Zentrum der Handlung steht der Niedergang einer Region und ihrer Kultur. Die Zeche, in der das Stück angesiedelt ist, wurde kurze Zeit nachdem ich es fertig geschrieben hatte, geschlossen – ein Beweis für die Aktualität des Stoffes. Es geht aber auch darum, dass jedes Ende die Chance auf einen Neubeginn birgt. In „Unter Tage“ habe ich diese Thematik in einen spannenden Thriller verpackt. Im Zentrum steht ein Brüderdrama, wodurch sich die zuvor genannte Problematik auch auf die zwischenmenschliche Ebene übertragen lässt: Der eine Bruder hat dem anderen etwas genommen und damit sein Leben zerstört – eine Variante der Kain-und-Abel-Geschichte.
Beim Lesen Ihrer Vita hat man den Eindruck, dass Ihre Arbeit stark von Ihrem eigenen Lebensumfeld bzw. kulturellen Hintergrund geprägt ist. So spielen die Geschichten häufig im Ruhrgebiet und es tauchen immer wieder multikulturelle Elemente auf. Ergibt sich das eher zufällig oder wollen Sie bewusst eigene Erfahrungen schildern?
Am Anfang steht immer die Frage, welche Geschichte ich erzählen will. Die eigene Erfahrung spielt dann irgendwann ganz automatisch mit hinein. So arbeite ich auch, wenn ich als Schauspieler selber vor der Kamera stehe – meiner Ansicht nach kann man erst dann wirklich kreativ und ausdrucksstark sein, wenn man auf bestimmte Lebenserfahrungen zurückgreifen kann. Das passiert aber nicht immer bewusst. Aber es ist schon richtig – bestimmte Elemente tauchen in meinen Arbeiten immer wieder auf. Diese werden allerdings nicht jedes Mal von Neuem herausgestellt und kommentiert, sondern sie gehören einfach dazu.
Es fällt auf, dass Sie bei der Arbeit offenbar großen Wert auf Authentizität und hohen realen Bezug zu legen. Ein Paradebeispiel war der Film „Lauf um dein Leben“, die wahre Geschichte eines Ex-Junkies, der zum erfolgreichen Marathonläufer wird. Ihr nächstes Filmprojekt mit dem Arbeitstitel „Homies“ wird aber, so konnte man lesen, ein komödiantisches Musical-Märchen. Ist das eine besondere Herausforderung bzw. gehen Sie dieses Projekt anders an als die bisherigen?
Lassen Sie uns einmal bei dem Begriff „Authentizität“ verweilen – ein interessantes Thema! Für mich entsteht Authentizität durch das Spiel der Darsteller, daher kann man in einem Genrefilm ebenso authentisch sein wie in einem Biopic. Die Schauspieler müssen wahrhaftig sein, es muss sich einfach alles „echt“ anfühlen, glaubhaft sein. Das ist das Ziel, auf das ich in allen meinen Projekten hinarbeite.
Zu Köln haben Sie ja einen konkreten Bezug: In der Schule des „Theaters Der Keller“ haben Sie eine Ausbildung zum Schauspieler abgeschlossen. Wie kam es, dass Sie schließlich doch in der Regie Ihre Bestimmung gefunden haben?
Als ich in Köln die Schule des Theaters absolviert habe, bedeutete die Schauspielerei mir wirklich alles. Nach ein paar Jahren aber beschlich mich so ein Gefühl: „Das kann es noch nicht gewesen sein, da fehlt noch etwas.“ Obwohl ich bereits Theaterengagements hatte und damals auf dem Sprung nach Hamburg war, habe ich meiner inneren Stimme nachgegeben und zunächst das Abitur nachgeholt. Während dieser Zeit habe ich bereits begonnen, Theaterstücke und Drehbücher zu verfassen. Eines davon, „Mein großer Freund“, bot ich Günter Lamprecht an, der sich tatsächlich bereit erklärte, an dem Film mitzuwirken. Damit hatte ich nach dem Abitur direkt wieder einen Anknüpfpunkt und habe zunächst weiter als Drehbuchautor gearbeitet. Die Initialzündung mit der Regie kam dann, als ich einmal mit der Umsetzung meines Stoffes nicht zufrieden war. Daraus resultierte für mich die Erkenntnis: Wenn du deine Stoffe wirklich so realisiert sehen willst, wie du sie dir vorstellst, musst du sie selber inszenieren. Über erste Schritte als Kurzfilmregisseur habe ich mich dann zu dem vorgearbeitet, was ich heute mache.
Sind Sie heute noch dann und wann als Schauspieler aktiv?
Im Augenblick hat die Inszenierung und das Schreiben Vorrang für mich. Die Schauspielerei beschränkt sich derzeit auf kleine Auftritte, die ich in meinen Filmen für mich selber einbaue. Dennoch leugne ich nicht, dass ein Teil meines Herzens für immer an der Schauspielerei hängt. Ich kann mir also durchaus vorstellen, eines Tages auch wieder größere Rollen zu spielen.
Obwohl Ihre Wurzeln beim Theater liegen, sind Sie – bisher – in erster Linie als Filmregisseur erfolgreich. Wird man Sie künftig wieder häufiger im Theater erleben?
Man muss natürlich abwarten, wie das Ganze läuft und wie gut das Stück ankommt. Grundsätzlich aber: Sehr gerne. Mein Traum wäre es, Stücke zu inszenieren, wie sie früher waren – als es wirklich noch darum ging, im Theater Geschichten zu erzählen. Ich persönlich kann nichts damit anfangen, wenn ein Stück bis zur Unkenntlichkeit gekappt und verändert wird, nur weil der Regisseur ihm im jeden Preis seinen eigenen Stempel aufdrücken will. Mir geht es viel mehr darum, den Geist der Autoren zu wahren und die Zuschauer mit einer Geschichte zu berühren. Ich denke, ein Mensch der von einem Schauspielstück im Herzen berührt wird, nimmt viel mehr mit als derjenige, der nur über den Kopf angesprochen wurde. So etwas wirkt immer belehrend - das will ich nicht! Am liebsten möchte ich beides machen, Film und Theater.
Kann man Film- und Theaterregie überhaupt vergleichen?
Sicherlich kann man Vergleiche ziehen – letztlich geht es doch immer darum, eine Geschichte zu erzählen. In meinen Augen ist eigentlich immer die Schauspielarbeit entscheidend, egal ob in einem Theaterstück oder einem Film: Das Gezeigte muss das Publikum bewegen. In meinen Augen ergänzen sich Film und Theater sogar, weil sie mir erlauben, Geschichten auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Techniken zu erzählen. Natürlich hat beides seine speziellen Herausforderungen – so muss man im Theater alle Zuschauer direkt und unmittelbar erreichen. Man kann also sagen, beim Theater müssen die Schauspieler immer etwas „mehr“ machen und beim Film etwas „weniger“ – aber beides ist faszinierend. Theater ist für mich Licht, Film aber auch.
Was genau meinen Sie, wenn Sie sagen „Theater ist Licht“?
Es wird heute überall – gerade auch im Kulturbetrieb – von Kosten und Sparmaßnahmen geredet. Um einmal beim Theater zu bleiben: Ich finde, man muss eine Bühne nicht mit aufwendigen Bühnenbildern und teuren Requisiten überladen. Theater sollte wieder so funktionieren, wie es früher einmal funktioniert hat: Über die Schauspieler, den Raum und – in Bezug zum Raum - das Licht. Licht gibt Raum und schafft damit eine Fläche für die darstellende Kunst. Licht schafft Stimmung und Atmosphäre und lässt dabei Raum für Fantasie. So kann man Geschichten erzählen, ohne dass dabei die Kosten explodieren. Ich glaube, wenn man das einmal erkannt und verinnerlicht hat, kommt man ganz automatisch auch zu den Wurzeln des Theaters zurück: Letztendlich will man doch immer „nur“ eine Geschichte erzählen. -da
