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Das legendäre Figurentheater Mummenschanz gastiert an zwei Abenden in Köln.

Im 25. Jahr seines Bestehens gelang es den Organisatoren des Kölner Sommerfestivals, mit Mummenschanz ein Ensemble nach Köln zu locken, das das letzte Mal vor 30 Jahren in Köln gastierte und in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert. Mehr Jubiläum in einem Satz geht wohl nicht. Doch selbst wenn die Zahlen sich nicht so perfekt ergänzten, es würde der eigentlichen Nachricht keinen Abbruch tun: Das legendäre Figurentheater kommt sogar für zwei Gastspiele in die Philharmonie.

Ohne Worte und Dekor

Verglichen mit dem, was seit Juli auf der Bühne der Philharmonie zu sehen war, erscheint Mummenschanz auf den ersten Blick fast ein wenig unscheinbar. So startete das Programm diesmal mit atemberaubenden Tanz- und Musikperformances aus Kuba, gefolgt von einem perfekt inszenierten Broadway-Musical und den japanischen Trommlern von Yamato, die beim Kölner Sommerfestival fast schon zum Inventar gehören. Das Schweizer Mummenschanz-Ensemble hingegen setzt auf die leisen Töne: „Wir reden nicht. Wir singen nicht. Wir haben kein Dekor", beschreibt es Gründungsmitglied Bernie Schürch. Wer diese Aussage liest, könnte dabei den Eindruck bekommen, dass ein Abend mit Mummenschanz wenig Spektakuläres zu bieten hat. Aber Vorsicht mit vorschnellen Schlüssen! Schürchs Ausführungen gehen nämlich noch weiter: „Wir gehen mit unseren Masken auf die Bühne. Eine Maske so schnell wie das gesprochene Wort, das war unser Grundgedanke." Wer jetzt etwa süffisant lächelnd auf das Herkunftsland des Ensembles verweisen und das Klischee vom bedächtigen Schweizer Sprechtempo bemühen will, sollte genauer hinschauen. Denn auch wenn Mummenschanz offiziell als Schweizer Ensemble gilt, gehört es in Wahrheit zu den internationalsten Acts, die das Sommerfestival je erleben durfte. Sicherlich, mit Schürch und Andres Bossard sind zwei der Gründungsmitglieder tatsächlich Eidgenossen. Dritte im Bunde ist mit Floriana Frassetto jedoch eine Italoamerikanerin. Gegründet wurde das Ensemble 1972 zudem weder in der Schweiz noch in den USA. Vielmehr trafen sich die drei in Paris. Nach erfolgreich absolvierter Schauspielausbildung wollten Schürch und Bossard dort bei dem Schauspiel- und Pantomimelehrer Jacques Leloc neue visuelle Ausdrucksformen erlernen. Frassetto hingegen hatte an einer Theater-Akademie in Rom studiert. Die Begegnung der drei markierte die Geburtsstunde einer bisher noch nie dagewesenen Theaterform: Mummenschanz.

Rasanter Siegeszug

Dabei leugnen die Gründer gar nicht die Einflüsse einiger in den Siebzigern populärer Darstellungsformen wie Pantomime oder Ausdruckstanz. Ihr Ziel bestand aber von Anfang an darin, dem Ganzen etwas wirklich Neues hinzuzufügen. Das ist ihnen gelungen: Bis heute steht der Name Mummenschanz als Synonym für eine unverwechselbare Form des Maskentheaters. Schon wer sich im Internet einmal ein Kurzvideo mit Programmausschnitten angeschaut hat, wird staunend und mit offenem Mund vor dem Bildschirm gesessen haben. Tatsächlich drängt sich anhand dessen, was da auf der Bühne geschieht, die Frage auf, wie Menschen mit ganz normalen Soll-Knickstellen, sprich Gelenken, so etwas zustande bringen. Da sollte man sich die Gelegenheit des Live-Erlebens wirklich nicht entgehen lassen. In den irrwitzigsten Kostümierungen, seien es überdimensionale Hände, Würmer, Masken oder auch Fantasieobjekte, wirbelt das Ensemble über die Bühne und lässt dabei mal komische, mal nachdenkliche lebende Bilder entstehen. Das führte schnell zu großer Popularität - und zwar längst nicht nur in Europa. Bereits im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens, genauer gesagt von 1977 bis 79, dürften die Ensemblemitglieder drei Jahre lang am Broadway spielen. Das alleine ist natürlich in der Showbranche schon als ultimativer Ritterschlag zu verstehen. Um aber zu verdeutlichen, dass Mummenschanz nicht etwa nur weltferne Kulturkritiker und ein elitäres Premierenpublikum begeistert, sei hier noch ein Gastauftritt von 1976 in der „Muppet Show" erwähnt. Ein deutlicheres Indiz, dass die Botschaft der Künstler auch in den Wohnzimmern der bürgerlichen Mittelschicht angekommen war, dürfte es wohl kaum geben. So konnten die drei Gründungsmitglieder den Spielbetrieb auch nicht lange alleine aufrechterhalten. Zeitweilig war Mummenschanz sogar so populär, dass einige Jahre lang zwei Ensembles parallel tourten: Eines bereiste schwerpunktmäßig Nord- und Südamerika, während das Ur-Ensemble überwiegend in Europa unterwegs war.

MummenschanzFoto: Mummenschanz

Ungebrochene Popularität

Wer in den Genuss kommt, sich die atemberaubenden Performances live anzuschauen, wird vermutlich kaum glauben, dass zwei der Gründungsmitglieder auch nach 40 Jahren immer noch dabei sind. Andres Bossard verstarb bereits 1992, seine beiden Mitstreiter stehen - obwohl bereits beide in den Sechzigern - bis heute auf der Bühne. Für Bernie Schürch ist es allerdings die letzte Tournee, ein Nachfolger ist bereits gefunden. Philipp Egli, der dem Ensemble bereits angehört, wird künftig Schürchs Part übernehmen. Floriana Frassetto, das einzige weibliche Gründungsmitglied, steht weiterhin auf der Bühne. Bleibt noch zu erwähnen, dass trotz des überwältigenden internationalen Erfolges das Sprichwort vom Propheten, der im eigenen Land nichts gilt, auf Mummenschanz keinesfalls zutrifft. Ganz im Gegenteil: Die Schweizer sind mehr als stolz auf ihren vielleicht erfolgreichsten Exportschlager jenseits von Kräuterbonbons, Uhren und Schokolade. So gab es im vergangenen Jahr nicht nur in der Sparte Kultur den „Swiss Award", mit dem die Eidgenossen alljährlich herausragende Leistungen ihrer Landsleute auszeichnen, sondern auch den „Prix Walo", die wichtigste Auszeichnung im Schweizer Showbusiness überhaupt. Daniela Abels

Mummenschanz, 13. & 14.8., 20h, Philharmonie, Karten auf www.koelnticket.de oder www.koelnersommerfestival.de