Marina Barth (Foto: Volker Stanossek/Marina Barth)Marina Barth (Foto: Volker Stanossek/Marina Barth)

Der Begriff „politisches Kabarett" ist leider vielfach immer noch mit n Klischees behaftet. Dabei kann auch diese Kleinkunstform im positiven Sinne „massentauglich" sein und sich gleichzeitig eine kritische Haltung zu bewahren. Den Beweis liefert Marina Barth regelmäßig in ihrem Klüngelpütz-Theater mitten in der City. Ihr Engagement hört aber nicht an der Theatertür auf: Wo immer sie kann, bezieht sie Stellung und mischt sich ein.

Als Sie das Theater der ehemaligen „Machtwächter" übernahmen, traten Sie in ziemlich große Fußstapfen. War das für Sie anfangs eher ein Ansporn oder ein Hemmnis?

Sicherlich war es anfangs schon schwierig. Ich muss dazu sagen, dass mir die Machtwächter und ihr großer Ruf immer schon ein Begriff waren, ohne sie näher zu kennen. Erst als die Entscheidung anstand, das Haus zu übernehmen, habe ich mir erstmalig eines ihrer Bühnenprogramme angeschaut. Das half mir, meinen anfangs sehr großen Respekt auf Normalmaß zu reduzieren, indem ich feststellte: Die kochen ja auch nur mit Wasser, das kannst du schaffen.

Hat es lange gedauert, bis Sie das Gefühl hatten, akzeptiert zu werden?

Nein, das ging eigentlich recht schnell. Die Resonanz war von Anfang an gut und ist es bis heute noch. Natürlich gibt es immer mal ein paar Schwankungen, aber insgesamt bin ich zufrieden. Was ich allerdings bedauert habe, ist, dass das Stammpublikum der Machtwächter nahezu komplett mit seinen Lieblingen in Rente gegangen ist. Da hätte ich schon ein bisschen mehr Neugier erwartet, denn schließlich machen auch wir politisches Kabarett.

Was haben Sie vor der Übernahme des Theaters gemacht?

Ich bin ausgebildete Sozialpädagogin und Journalistin. Damit habe ich zu Beginn meiner kabarettistischen Tätigkeit auch noch meinen Lebensunterhalt gesichert. Irgendwann musste ich aber eine Entscheidung treffen. Das war etwa zwei, drei Jahre vor der Gründung des Klüngelpütz-Theaters. Während dieser Zeit bin ich als Kabarettistin aufgetreten und habe mich nebenbei nach einer festen Spielstätte umgesehen.

Im Klüngelpütz gibt es überwiegend Eigenproduktionen. Bei den Gastspielen stehen Sie häufig selber mit auf der Bühne. Daneben bringen Sie Kurzgeschichtenbände heraus und veranstalten kabarettistische Stadtführungen, um nur einige Ihrer Aktivitäten zu nennen. Das klingt nach einem stets vollen Terminkalender. Wie kriegen Sie alles unter einen Hut?

Da geht es mir wie allen anderen Kollegen. Wer sich entscheidet, ein kleines Privattheater zu leiten, weiß in der Regel, dass dies ein 24/7-Job ist. Da hilft dann nur Disziplin. Ich habe einen genauen Zeitplan, den ich rechtzeitig festlege. Auch private Auszeiten, wie die tägliche Runde mit meinem Hund, stehen als feste Termine in meinem Kalender. Das funktioniert! Hinzu kommt, dass ich mir dieses Konzept, das überwiegend auf Eigenproduktionen beruht, schließlich selber ausgesucht habe. Es gibt in der Kölner Kleinkunstszene einige sehr gute Gastspielhäuser. Ich aber habe mich mit der Zeit bewusst dagegen entschieden, mich da einzureihen. Damit wären wir schließlich nur ein Gastspieltheater unter vielen gewesen. So aber haben wir etwas eigenes, einmaliges, auch wenn es viel Arbeit bedeutet. Aber natürlich gibt es auch bei uns spielfreie Zeiten. So ist das Klüngelpütz um Karneval immer eine Woche geschlossen. Weihnachten versuche ich, zumindest zwei Tage frei zu machen. Im Sommer habe ich dann vier Wochen frei - das ist doch fast wie tarifgebundener Urlaub, oder? (lacht)

Welche Neuheiten sind für die nächste Spielzeit geplant?

Da wird es einiges geben! Das Projekt, auf das ich selber am meisten gespannt bin, ist aber sicherlich „Mischen Impossible", das im Oktober stattfindet. Dort werden sich Nachwuchskünstler aus dem Kleinkunstbereich über mehrere Runden der Gunst des Publikums stellen. Wir haben dabei bewusst auf ein Casting oder ähnliches verzichtet. Wer sich rechtzeitig angemeldet, hat ist dabei - Basta. Daher weiß ich im Vorfeld noch nicht einmal, wie gut - oder auch nicht - die Teilnehmer tatsächlich sind. Aber gerade das gefällt mir: Etwas auf mich zukommen lassen, viel Raum zum Ausprobieren, für Spontaneität. Auch wenn es am Ende einen Sieger geben wird, der einen Soloabend in unserem Theater bestreiten darf: Für mich ist es entscheidend, dem Kabarett-Nachwuchs eine Chance, eine Möglichkeit des Ausprobierens, zu geben. Ermutigt dazu hat mich letztendlich unsere Reihe „Rock 'n' Read". Dort hat es ähnlich angefangen und auch heute noch passiert dort viel Spontanes, Unvorhergesehenes. Trotzdem oder gerade deshalb ist diese Reihe mittlerweile extrem beliebt und stets ausverkauft. Es wird daher - auch das ist neu in der kommenden Spielzeit - künftig zwei „Rock 'n' Read"-Abende im Monat geben. Außerdem gibt es, wie in jeder Spielzeit, ein neues Programm. Dieses Jahr ist das „Iss nich" - das Programm des zivilen Ungehorsams oder passiven Widerstands. Ich denke, danach steht spätestens nach Veröffentlichung des neuen Haushalts allen Kölnern der Sinn. (lacht) Im März 2011 steht ein weiteres Projekt an, auf das ich ebenfalls sehr gespannt bin. Unter dem Titel „Rat reloaded" werde ich einmal monatlich einen satirischen Rückblick auf die vergangenen Ratssitzungen wagen. Mit zur Seite steht der Politologe und Journalist Frank Überall. Ein neuer Kölnkrimi und neue Stadtführungen sind ebenfalls in Arbeit.

Nachwuchsarbeit ist offenbar ein Thema für Sie. Sie haben sicherlich dazu beigetragen, das Improtheater Clamotta in Köln bekannt zu machen. Jetzt haben Sie mit „Mischen Impossible" wieder eine ganz neue Idee entwickelt. Was ist Ihre Motivation?

Für mich muss Kunst lebendig sein, immer in Bewegung bleiben. Dazu gehört eben auch, dass die derzeit erfolgreichen Kabarettisten älter werden. Schon alleine deshalb ist Nachwuchsarbeit enorm wichtig. Selbstverständlich will ich damit nicht sagen, dass die etablierten Künstler nicht mehr gut sind. Ich bin aber selbst dieses Jahr 50 geworden und mache mir so meine Gedanken. Sicherlich könnte ich noch zehn Jahre weitermachen und dann einfach mein Theater schließen und in Rente gehen. Aber das fände ich sehr schade. Deshalb kümmere ich mich lieber rechtzeitig um den Nachwuchs. Ein weiterer Aspekt ist das Publikum. Zum einen locken junge, neue Künstler immer auch neues Publikum an. Andererseits fasziniert es mich immer wieder, mit welcher Offenheit das ältere Stammpublikum auf neue Ideen reagiert. Nehmen wir etwa „Rock 'n' Read": Eigentlich eine Low-Budget-Reihe für die jüngere Zielgruppe. Dennoch sehe ich immer zwanzig bis dreißig deutlich ältere Menschen im Publikum, die jedes Mal einen Riesenspaß haben!

A propos Low Budget: Neben diesen Veranstaltungen, die neben „Rock 'n' Read" auch noch andere Reihen umfassen, haben Hartz-IV-Empfänger in der nächsten Spielzeit freien Eintritt zu allen Veranstaltungen. Was versprechen Sie sich davon?

Diese Idee entstand aus einer ganz eigenen Motivation. Bei den Low-Budget-Veranstaltungen dachte ich vor allem an die kommende Zuschauergeneration: Junge Menschen, die zwar ein geregeltes Einkommen haben, aber noch nicht so viel verdienen, um sich häufiger die regulären Eintrittspreise zu leisten. Bei den Hartz-IV-Empfängern geht es um etwas ganz anderes. Natürlich würde es mich freuen, wenn diejenigen, die wieder in ein festes Arbeitsverhältnis kommen, mir auch als zahlende Kunden erhalten blieben. Zunächst geht es aber um folgendes: Man ist heute schnell dabei, diese Menschen pauschal als bildungsfern zu kategorisieren. Aber wie sollen sie etwas für ihre Bildung tun? Im kommenden Winter soll ihnen sogar der Heizkostenzuschuss gestrichen werden. Wo soll also jemand, der sich nicht einmal mehr eine beheizte Wohnung leisten kann, Geld für einen Theaterbesuch, einen Kinoabend o.ä. hernehmen? Für mich ein Skandal! Ein weiterer mir wichtiger Aspekt ist die gelebte Solidarität. Die unterschiedlichen Bevölkerungsschichten und -gruppen sollten nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Ich habe auch Menschen im Stammpublikum, für die selbst ein Eintrittspreis von 18,50 Euro ein Klacks ist und die auch noch mehr zahlen würden. Das können sie dann künftig auch machen: In der neuen Spielzeit wird im Theater ein „Soli-Schwein" aufgestellt. Das kann jeder so füttern, wie er kann und will. Mit dem Inhalt wird dann der Eintritt für diejenigen finanziert, die ihn aus eigener Kraft nicht aufbringen können. Außerdem werden wir über den Förderverein noch ein Sonderkonto einrichten. Ich bin sehr gespannt, wie die Aktion sich entwickeln wird - aber auch sehr zuversichtlich!

In der Diskussion um das Theater der Keller haben Sie sich sofort auf die Seite des Theaters geschlagen und öffentlich Ihre Solidarität bekundet. Wie beurteilen Sie den Umgang der Stadt mit den freien Theatern und insbesondere die jüngsten Entwicklungen?

Zunächst einmal ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, Solidarität zu bekunden, wenn sich Kollegen in höchster Not befinden. Es ist schade um jedes Theater, das von der Bildfläche verschwindet. Die Kölner Kulturlandschaft mit ihren vielen kleinen Bühnen ist einfach etwas Besonderes und Erhaltenswertes. In meinen Augen spiegelt sie die Stadt wieder. Köln ist ja irgendwie eine Ansammlung aus kleinen Dörfern, und fast jedes dieser Dörfer hat sein eigenes kleines Theater. Diese Kultur ist nun bedroht, und jeder könnte der nächste sein - das geht in dieser Szene leider sehr schnell. Meine Solidarität gilt daher ebenso dem von der Schließung bedrohten ARTheater oder dem Theater am Sachsenring und dem Rose-Theegarten-Ensemble, die bereits aufgeben mussten. Auch um den Raketenklub tut es mir leid, auch wenn dessen Schließung auf anderen Gründen beruhte. Die Gründung eines städtischen Theaterbeirates ist grundsätzlich sicherlich sinnvoll - sofern er denn mit den erforderlichen Mitteln ausgestattet wird. So aber läuft er Gefahr, dazu missbraucht zu werden, Einrichtungen zu schließen. Wie soll ein Gremium schließlich Fördergelder verteilen, die es gar nicht hat? Das Konzept scheint mir insgesamt nicht genug durchdacht. Im Moment bleibt uns nur abzuwarten, was passiert, wenn die Kürzungen tatsächlich kommen.

Interview: Daniela Abels