Klaus Schweizer, COMEDIA (in „Romeo und Julia“)
Foto: Meyer OriginalsKlaus Schweizer, COMEDIA (in „Romeo und Julia“)
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Ein Gespräch im COMEDIA Theater

Die freie Kölner Theaterszene kämpft seit Jahren gegen Mittelkürzungen und Sparzwänge. Eine Besserung der Situation ist nicht in Sicht. Durch die Medien gingen in den vergangenen Monaten vor allem jene Spielstätten, denen die Schließung droht. Hier handelt es sich jedoch nur um die Spitze des Eisberges. Es wäre ein Fehler, anzunehmen, allen anderen Häusern ginge es gut. Ein Beispiel ist das COMEDIA Theater. In dem kürzlich neu bezogenen Domizil in der Südstadt geben sich die Größen des Kabaretts die Klinke in der Hand. Ständig werden eigene Stücke für Kinder und Jugendliche produziert und das renommierte „Spielarten"-Festival wurde hier eröffnet. Also alles in bester Ordnung? Mitnichten! Daniela Abels sprach mit Klaus Schweizer (Geschäftsführer) und Jutta M. Staerk (Künstlerische Leiterin). Dabei erfuhr sie, wie schwer es ist, den Betrieb aufrecht zu erhalten und ein anspruchsvolles Programm zu bieten.

 

Den meisten Kölnern werden bei dem Begriff „COMEDIA Theater" am ehesten die Kabarett-Gastspiele einfallen. Wo aber würden Sie sich am liebsten positionieren bzw. wie sollte das Theater in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden?

Jutta M. Staerk: Meiner Meinung nach hängt die derzeitige öffentliche Wahrnehmung des COMEDIA Theaters in erster Linie damit zusammen, dass das Kinder- und Jugendtheater noch bis vor kurzem unter dem Eigennamen „Ömmes und Oimel" lief. Erst seit dem Umzug in unsere neuen Räumlichkeiten im vergangen Jahr wurde dieser Bereich mit der Kleinkunstsparte unter dem Namen „COMEDIA Theater" vereint. Dazu kommt noch das COMEDIA Schauspieltraining. Für uns haben all diese Bereiche eine gleich hohe Bedeutung.
Kaus Schweizer: Es hängt sicherlich auch mit der jeweiligen Alters- und Zielgruppe zusammen, wie wir wahrgenommen werden. Für Schulen und Lehrer spielt unser Jugendtheaterbereich seit jeher eine bedeutende Rolle. Dazu muss man aber auch wissen, dass unser Haus ursprünglich für die junge Zielgruppe gegründet wurde. Erst in den Achtziger Jahren begannen die Verantwortlichen, aufgrund freier Kapazitäten noch eine Kleinkunstsparte auf- und auszubauen. Fakt ist jedoch: Ohne das Kinder- und Jugendtheater gäbe es auch kein COMEDIA Theater. Auch die Zuschüsse, die wir erhalten, sind ausschließlich für diesen Bereich bestimmt. Um zurück zur Frage nach dem Idealzustand zu kommen: Stünde uns jährlich ein Betrag von 250.000 Euro zusätzlich zur Verfügung - diese Summe wurde rechnerisch ermittelt - würden wir den Kabarettbereich etwas reduzieren und die Kinder- und Jugendarbeit ausbauen. Ganz wichtig wäre dann auch der Aufbau eines eigenen kleinen Ensembles. Dessen Mitglieder sollten idealerweise neben einer Schauspielausbildung auch Kenntnisse in Theaterpädagogik mitbringen. Das wäre umso wichtiger, als dass Köln als einzige große Stadt in Deutschland kein kommunales Kinder- und Jugendtheater hat. Diese Aufgabe erfüllen wir - und wir erfüllen sie wirklich gerne. Gleichzeitig aber reichen unsere Zuschüsse nicht, um so zu arbeiten, wie wir gerne möchten.

Dieser Tage wird der städtische Haushalt für 2010 und 2011 verabschiedet. Der Finanzausschuss hat bereits getagt und im Anschluss an diese Sitzung wurde die teilweise Rücknahme von Kürzungen im Kulturbereich angekündigt. Nach allem, was man bisher hört, gehen diese Rücknahmen den Verantwortlichen aber nicht weit genug. Wie ist Ihre Meinung?

K.S.: In der Tat ist die zur Debatte stehende Rücknahme von Kürzungen sehr mager. Dieses Ergebnis als Erfolg zu verkaufen, wäre meiner Meinung nach vermessen. In unserem konkreten Fall sieht es so aus: Für 2010 bleibt es bei einer Kürzung von 12.000 Euro, für 2011 drohen uns sogar 25.000 Euro weniger - wohlbemerkt trotz der Rücknahmeaktion. Ein solches Ergebnis kann ich, mit Verlaub, beim besten Willen nicht als Erfolg verkaufen. Dass es seitens der Stadt dennoch versucht wird, macht mich wütend.
J.M.S.: Man muss auch bedenken, dass wir uns bereits jetzt hart am Limit bewegen. Wir sind nicht in der Lage, den Kollegen, die für uns und mit uns arbeiten auch nur ansatzweise leistungsgerechte Honorare und Gehälter zu zahlen. An einem normal subventionierten Stadttheater würde wohl niemand für dieses Geld arbeiten. Es freut uns, dass diese Menschen aus Idealismus für uns arbeiten. Aber genauso sehr ärgert es uns, dass wir dies nicht durch eine angemessene Bezahlung zum Ausdruck bringen können. Man muss ja auch einmal bedenken, dass die Stadt und ihr Image nicht unerheblich von den Arbeitsleistungen der freien Kulturszene profitieren.
K.S.: Das ist wohl wahr! Die freie Szene trägt immerhin 50% des Kulturangebotes dieser Stadt. Das ist nicht nur so dahergesagt, sondern wurde tatsächlich errechnet.

Ihre Eigenproduktionen sind bereits in der jetzigen Situation geprägt von Sparzwängen und Improvisation. Was würde im schlimmsten Fall passieren, wenn Ihre Förderungen für die nächsten Jahre weiter gekürzt würden?

K.S.: Ganz klar: Dann würde es keinen Sinn mehr machen, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Man muss ja bedenken, dass wir erst kürzlich unser neues Domizil bezogen haben. Dazu musste dieses Gebäude, das früher eine Feuerwache beherbergte, natürlich erst einmal für unsere Zwecke nutzbar gemacht werden. Diese Maßnahmen haben mehrere Millionen Euro verschlungen. Das Konzept dafür wurde aber 2004 gemeinsam mit der Stadt per Ratsbeschluss verabschiedet. Neben Stadt, Land und einigen Spenden musste dafür auch das COMEDIA Theater selber einen nicht unerheblichen Teil des Geldes bereitstellen. Für diese Summe, die über die Bank vorfinanziert wurde, hafte ich alleine und persönlich. Wenn jetzt, nachdem endlich alles fertig ist, der Zweck des Ganzen gefährdet wird, ist das für mich unbegreiflich. Es wird schon äußerst problematisch, mit den jetzt geplanten „reduzierten" Kürzungen zu arbeiten. Wenn der Sparkurs in den folgenden Jahren aber noch weiter fortgesetzt wird, macht unsere Arbeit wirklich keinen Sinn mehr.
J.M.S.: Es ist nun einmal so, dass der einzige Bereich, in dem die Einsparungen durchgeführt werden könnten, die künstlerische Arbeit wäre. Ich kann ja z.B. nicht einfach die Stromrechnung kürzen. In unserem Fall ist es aber so, dass im künstlerischen Bereich bereits alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Es ist ohnehin schon ein Kraftakt, mit nur 2.000 Euro für Bühnenbild, Kostüme und Verbrauchsrequisiten noch eine sehenswerte Produktion abzuliefern. Wenn wir da noch weitere Einsparungen hinnehmen müssten, wäre das wirklich das Ende.

Neben der Teilnahme an Festivals, wie zzt. „Spielarten", sind Sie nächstes Jahr Gastgeber des Jugendtheater-Treffens „westwind". Ist dieses Projekt im Vorhinein gesichert oder könnte eine Mittelkürzung auch da Schlimmes anrichten?

J.M.S.: Das Treffen selber sowie die Einladung der Kollegen wird zum Glück vom Land finanziert. Dennoch ist eine solche Aktion auch für uns mit finanziellen Aufwendungen und Einbußen verbunden. Wir können ja z.B. in diesem Zeitraum weder Eigenproduktionen zeigen noch Gastspiele veranstalten. Diese Verluste werden anderenorts von der Stadt getragen. Uns aber teilte die Stadt Köln auf Nachfrage mit, für ein solches Projekt sei keinerlei Unterstützung vorgesehen.

Das COMEDIA Theater hat ja auch einen Förderverein. Kommen dadurch tatsächlich genügend Mittel zustande, um wirklich etwas zu bewegen?

J.M.S.: Natürlich ist ein Förderverein immer auch ein Mittel der Solidaritätsbekundung. Unser Mindest-Jahresbeitrag ist so angesetzt, dass auch Menschen mit durchschnittlichem Einkommen mitmachen können. Neue Mitglieder und Spenden sind uns natürlich jederzeit willkommen (lacht). Zurzeit stecken wir mit dem Verein aber in einer sehr konkreten Zwickmühle ...
K.S.: ... nachdem es nämlich im letzten Jahr eine nochmalige Baukostensteigerung gab. Im Zuge dessen erging seitens der Stadt die Aufforderung, über unseren Förderverein eine Summe von 100.000 € zu akquirieren. Wohlbemerkt - alleine für den Bau, nicht für die Kunst. Zusätzlich soll der Verein die Arbeit einer Kanzlei finanzieren, die die Rechnungen, die zur Kostensteigerung führten, noch einmal prüfen soll. Das bedeutet, dass für 2010 und 2011 die Gelder des Fördervereins für die künstlerische Arbeit - ihren eigentlichen Hauptzweck - komplett wegfallen. Natürlich gibt auch die Stadt Geld für die Baukosten. Man darf aber nicht vergessen: Eigentümerin des COMEDIA Theaters ist die Stadt, nicht wir.

Sie loben immer wieder die große Hilfe, die Sie durch Privatmenschen und Unternehmen erfahren, z.B. Spenden, kostenlose Werbekampagnen, Auftragsarbeiten trotz geringer Bezahlung etc. Würden Sie sagen, dass hier engagierte Bürger die Aufgaben der Stadt übernehmen?

K.S.: So ist es. Ohne diese Bürger, ohne diese Firmen und Stiftungen, würden wir jetzt nicht hier sitzen. Insbesondere die Imhoff-Stiftung hat einen riesigen Beitrag geleistet.
J.M.S.: In diesem Fall muss man aber auch sagen, dass das nicht nur in Köln ein Problem ist. Durch mein Engagement für die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendtheater NRW höre ich so etwas - leider - häufiger. Da kürzt etwa eine Stadt den Kindertheatern die finanziellen Mittel und der Rotarierclub springt ein und füllt die Lücke. Da findet dann schon eine Verschiebung von Zuständigkeiten statt, wie es eigentlich nicht sein dürfte.

Sehen Sie dieses Engagement ausschließlich positiv oder birgt das nicht auch die Gefahr, dass die Öffentlichkeit die Geldknappheit nicht ausreichend wahrnimmt? Nehmen wir etwa die Plakatwerbung, die kürzlich in ganz Köln zu sehen war. Der Passant, der das sieht, weiß ja nicht, dass die Kampagne ein Geschenk der Agentur war und denkt vielleicht: „Solange die sich so teure Werbung leisten können, kann es ihnen ja so schlecht nicht gehen."

J.M.S.: Sie benennen da in der Tat einen recht interessanten Widerspruch. Natürlich hätten wir quer über die Plakate schreiben können: „Diese Kampagne wurde uns geschenkt." Aber das wäre doch total unsexy gewesen. Außerdem bezweifle ich, dass wir dadurch auch nur eine Karte mehr verkauft hätten. Aber es stimmt: Viele öffentliche Haushalte profitieren zurzeit vom Bestreben der Kulturschaffenden, auch bei geringem Budget bestmögliche Ergebnisse abzuliefern. Aber was wäre die Antwort? Wenn die Kunst nicht mehr strahlt, wenn sie nicht mehr selbstbewusst von ihrem eigenen Können erzählt, dann findet auch der Transfer zum Publikum nicht mehr statt.
K.S.: Sicherlich trägt auch unser neues Domizil dazu bei, uns für „reicher" zu halten, als wir tatsächlich sind. Jeder, der das Haus zum ersten Mal sieht, ist zutiefst beeindruckt. Natürlich kommen da Reaktionen wie „Euch muss es ja gut gehen!" oder „Ihr habt es wirklich geschafft." In dem Moment denkt niemand darüber nach, dass das Gebäude der Stadt Köln gehört und ein chronisch unterfinanziertes Theater beherbergt. Wir können auch nicht jeden staunenden Passanten vor dem Theater abfangen und den wahren Sachverhalt schildern. In gewisser Weise haben wir es ja auch geschafft: Nach mehrjähriger Bauphase sitzen wir jetzt in diesem wunderbaren Gebäude.
J.M.S: Vielen Bürgern ist auch gar nicht bewusst, dass die Comedia dieses Haus nicht einfach „bekommen" hat, sondern dafür enorme Eigenleistungen aufbringen musste. Das sickert erst nach und nach ins Bewusstsein der Leute. Da wäre es schon schön, wenn hin und wieder jemand käme und uns sagte: „Toll, was ihr da geschafft habt!".

Sie erwähnten eingangs bereits Ihren Traum von einem eigenen Ensemble. Gibt es weitere Wünsche, die Sie sich mit entsprechenden finanziellen Mitteln erfüllen würden?

K.S: Das eigene Ensemble und die Verstärkung der theaterpädagogischen Abteilung stehen auf der Wunschliste natürlich ganz oben. Aber auch hinter den Kulissen und in der Verwaltung wäre noch einiges zu optimieren. So haben wir z.B. kein Sekretariat, sondern müssen diese Arbeiten irgendwie nebenbei erledigen. Nicht zuletzt durch den Umzug ist unser Betrieb in den letzten Jahren stetig gewachsen. Für die dadurch entstandene Mehrarbeit fehlt jedoch das Personal.
J.M.S.: Dazu zählt auch die Technik. Um auch hier alle Veranstaltungen optimal zu betreuen, benötigen wir eigentlich zusätzliches Personal - auch da ist die Personaldecke sehr dünn. Oder nehmen Sie den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Der Entwurf unserer Corporate Identity war ebenfalls ein Geschenk der Agentur Steinle//Melches in Düsseldorf. Um die Inhalte kümmern wir uns aber alleine. Unser Budget lässt hier leider nur eine Teilzeitkraft zu, obwohl der Arbeitsaufwand es längst rechtfertigen würde, die Kollegen auf eine ganze Stelle zu setzen. Weitere Bereiche, wie die Kartenkontrolle, werden durch ehrenamtliche Mitarbeiter abgedeckt. Über dieses Engagement freuen wir uns sehr, alles kann man aber mit Ehrenamtlern nicht abfangen. Ich kann z.B. von niemandem verlangen, dass er 40 Stunden in der Woche unentgeltlich unsere Büroarbeit erledigt. Ein weiterer großer Traum wäre noch, das Kölner Kinder- und Jugendtheater für die Welt zu öffnen, etwa durch internationale Festivals.

Neben Ihrer Beteiligung am „Patenticket", das wir in unserem Magazin bereits vorgestellt haben, gibt es bei Ihnen auch noch die Aktion „Ticket für Kurze". Erklären Sie uns bitte kurz, was sich dahinter verbirgt.

J.M.S.: Das „Ticket für Kurze" ist eine unbürokratische Spendenaktion, an der sich jeder Einzelne beteiligen kann. Man erwirbt einfach an der Theaterkasse eine Eintrittskarte für 5 Euro. Wenn genügend Tickets in der Spendenbox sind, laden wir eine Schulklasse zum Theaterbesuch ein. Es handelt sich um Schulen, die überwiegend von Kindern besucht werden, die sich dieses Erlebnis selber nicht leisten könnten. Eine schöne Möglichkeit des direkten Kultursponsorings für jeden Einzelnen. Natürlich ist es auch möglich, direkt eine größere Ticketmenge zu spenden, etwa in Klassenstärke.
K.S.: Ein erfreuliches Beispiel aus der letzten Zeit: Eine Dame aus Bonn las von der Aktion in der Zeitung und spendete daraufhin spontan 1.000 Euro. Ebenso freut uns die Unterstützung einiger unserer Stammgäste, wie Wilfried Schmickler und Volker Pispers. Sie weisen die Zuschauer immer zum Ende der Vorstellung auf die Spendenaktion hin und liefern sich regelrechte Wettbewerbe, wer die meisten Tickets akquiriert.