Gerd Buurman (Foto: Daniela Abels)Gerd Buurman (Foto: Daniela Abels)

Seit 2008 leitet Gerd Buurmann das Severins-Burg-Theater in der Südstadt. Seitdem hat sich die kleine Bühne zu einem der kreativsten, Spielorte Kölns gemausert. Das Programm reicht vom Klassiker bis hin zur Montagsreihe „KGB - Kunst gegen Bares". Dann darf jeder auf die Bühne, der möchte und der Zuschauer bestimmt, was ihm die einzelnen Darbietungen wert sind - jedes Mal ein einmaliges Erlebnis. Genauso wenig wie das Programm passt auch Buurmann selber in eine Schublade.

Du stammst aus Norddeutschland, hast einige Jahre in Amerika verbracht - eigentlich hätte es dich überallhin verschlagen können. Was gab letztlich den Ausschlag für Köln?

Ich habe meine Kindheit in einem winzigen Dorf in der norddeutschen Provinz verbracht. Die nächste Stadt, die über ein eigenes Schauspielhaus verfügte, war meilenweit entfernt. Mein allererster Kontakt mit dem Theater kam daher über das Fernsehen zustande - genauer gesagt durch die Muppet Show. Diese Form des Theaters hat mich von Anfang an unglaublich fasziniert und geprägt. Nach Amerika bin ich gegangen, weil ich den amerikanischen Umgang mit dieser Kultur erleben wollte. Nach Köln verschlug es mich schließlich, weil die Stadt in den Neunzigern für einen gewissen anarchischen Umgang mit dem Medium Theater stand. Beispielhaft dafür stehen die Inszenierungen von Walter Bockmayer in der Filmdose, da wurde wirklich einmal versucht, eine neue Form des Schauspiels zu kreieren. In diesem Umfeld hatte sich eine Szene gebildet, zu der etwa Ralph Morgenstern, Dagmar Stievermann, Dirk Bach, Hella von Sinnen und Georg Schnitzler gehörten. Das waren damals große Namen. Dass sie alle in Köln versammelt waren, hieß für mich, dass hier gerade etwas wichtiges passierte, an dem ich teilhaben wollte. Bereits als ich 1998 hierher zog, hatte ich das Ziel, dieser Ära meine ganz eigene Note hinzuzufügen. Das versuche ich jetzt mit dem Sererins-Burg-Theater. Mein Ziel ist es, die Kluft zwischen ernster und unterhaltender Kultur zu schließen.

Gerade in den letzten Monaten las man in der Presse immer wieder von Theatern, die durch mangelnde öffentliche Förderung in ihrer Existenz bedroht sind. Dies gilt für Köln und für andere Städte. Du hast dich in dieser schwierigen Situation bewusst dafür entschieden, ein eigenes, nicht gefördertes, Theater zu leiten. Was ist deine Motivation?

Die Hauptmotivation ist natürlich meine absolute Liebe zum Theater. Das ist unabdingbar für jeden, der eine solche Entscheidung trifft. Natürlich ist der finanzielle Aspekt immer auch ein Problem. Viele Menschen zahlen heute klaglos 80 Euro für eine Handwerkerstunde, den Theaterabend hätten sie aber am liebsten für acht Euro. Da hat man es als nicht subventioniertes Haus schon schwer; dennoch sage ich: Es ist möglich. Ich sehe das so: Subventionen sind Gelder von Menschen, die nicht ins Theater gehen. Wir nicht subventionierten Häuser haben hingegen nur das Geld derer, die ins Theater kommen. Darauf beruht auch das von mir entwickelte Konzept KGB - Kunst gegen Bares. Da bestimmt nämlich jeder Zuschauer ganz alleine und individuell für sich, was ihm die einzelnen Darbietungen wert waren. Bis wir da eine angemessene Quote erzielt haben, dauert es allerdings noch ein bisschen. Der Kölner, das musste ich leider feststellen, geht da noch sehr sparsam mit seinem Geld um. In Hamburg und Berlin, wo das Konzept mittlerweile auch erfolgreich läuft, war das Publikum von Anfang an bedeutend großzügiger.

Du hast es gerade selbst erwähnt: Dein Showkonzept „Kunst gegen Bares" ist sehr erfolgreich und läuft mittlerweile sogar in Hamburg und Berlin. Hättest du selber damit gerechnet, dass das Konzept jemals so erfolgreich wird?

Am Anfang waren wir einfach auf der Suche nach einer Idee für den Montag, den schwierigsten Theatertag. Daraus entwickelte sich dieses Konzept, mittels dessen man das Publikum für den Wert der Kunst sensibilisieren kann. Andererseits bekommen dadurch auch die Künstler einmal die Chance, ihre Darbietungen anders bewerten zu lassen als durch reinen Applaus. Dass das Konzept sich so gut entwickeln würde, hätte ich anfangs nicht erwartet. Wir haben ja nicht das Rad neu erfunden, sondern allenfalls Vorhandenes neu zusammengefügt. Warum es so gut funktioniert, ist mir allerdings erst klar geworden, als ich bei der Show in Hamburg einmal selber aufgetreten bin: Wenn der Zuschauer merkt, hier geht es um mich, hier wird um meine Gunst gespielt, fühlt er sich auf einmal ganz anders ernst genommen. Anders gesagt: Der Zuschauer ist der Chef - und ein Chef benimmt sich immer etwas souveräner als ein Angestellter.

Einige Künstler, die durch KGB zum ersten Mal in dein Theater kamen, wirken mittlerweile in anderen Produktionen des Theaters mit. Wie hat sich das im Einzelnen ergeben?

Das hat sich einfach so ergeben. Martin Cordemann alias PeeWee etwa gehörte zu den KGB-Künstlern der ersten Stunde. Andere habe ich nach und nach kennengelernt. Die Show funktioniert ja nach dem Prinzip „Ich öffne montags mein Theater und warte ab, was passiert." Dabei trifft man natürlich auf Leute, die man einfach gut findet und mit denen man zusammenarbeiten möchte. Cris Revon etwa - der war ein regelrechtes Geschenk. Oder Manuel Wolff, der mittlerweile die ui-Show moderiert. Oder auch Hildegart Scholten, meine heutige Co-Moderatorin bei KGB. Sie hat Joseph Vicaire abgelöst, der diesen Job seinerzeit so gut gemacht hat, dass er bereits nach wenigen Monaten abgeworben wurde. Mittlerweile ist er fest bei Schmidt's Tivoli engagiert und gilt als kommender Stern am Hamburger Theaterhimmel!

Viele „richtige", sprich ausgebildete Schauspieler legen gegenüber Laien einen gewissen Standesdünkel an den Tag. Du hingegen arbeitest häufig mit ihnen. Hat sich das eher zufällig ergeben, oder reizt dich vielleicht gerade dieses Unperfekte, nicht professionelle?

Eigentlich lebt das Theater doch davon, dass Perfektion gesucht, aber nicht immer gefunden wird. Im Gegensatz zu einem Fernsehfilm ist alles echt, Fehler können nicht einfach weggeschnitten werden. Dabei sind es gerade diese kleinen Störungen, die das Theater spannend machen. Ich suche die Störung, indem ich versuche, sie zu vermeiden. Ein wirklich guter, professioneller Schauspieler zeichnet sich in meinen Augen dadurch aus, dass er diese Mechanismen kennt. Wenn ein Schauspieler öffentlich gegen Laien agitiert, zeigt er damit eigentlich nur, dass er selber keine gute Ausbildung genossen hat. Schauspiel hat viel mit Handwerk zu tun, aber nicht nur. Katherine Hepburn hat einmal gesagt: „Seien wir ehrlich - Schauspiel ist nicht unbedingt eine große Kunst. Shirley Temple konnte es mit drei Jahren." Dem möchte ich noch hinzufügen: Lassie konnte es ebenfalls! Andererseits muss ich auch sagen: Ab einem gewissen Level gestehe ich Schauspielern schon eine gewisse Arroganz zu."

Wie wird es nach der Sommerpause weitergehen? Gibt es schon spruchreife Pläne für neue Shows?

Das für mich im Augenblick interessanteste Projekt sind die „Ritter des Severins-Burg-Theaters". Nach einem erfolgreichen Probelauf steht es in der neuen Saison zweimal monatlich auf dem Spielplan. Meine Co-Moderatoren werden die bereits erwähnten Martin Cordemann und Cris Revon sein. Das Prinzip ist ähnlich wie bei KGB, allerdings mit wechselnden geladenen Gästen. Höhepunkt am Ende jeder Show wird der Ritterschlag sein.
Eine weitere Idee ist, dass wir uns im Januar einmal mit „La Traviata" am Operngenre versuchen wollen. Mal sehen, ob wir das mit unseren Mitteln hinkriegen. Wir können uns ja z.B. kein Orchester leisten, sondern haben nur ein Klavier und allenfalls noch ein Begleitinstrument zur Verfügung. Klingt irgendwie größenwahnsinnig, aber ich bin mir sicher - wir machen das!

Als du kürzlich die gewaltverherrlichenden Texte eines Rappers öffentlich kritisiert hast, reagierten dessen Anhänger mit Morddrohungen. Das waren aber nicht die einzigen Fälle, in denen du öffentlich Stellung bezogen hast und auch mal jemandem auf die Füße getreten bist. Wenn du so etwas machst, hat das natürlich eine andere öffentliche Wirkung, als wenn irgendein „durchschnittlicher Angestellter" einen Leserbrief an die Tageszeitung schreibt. Empfindest du das eher als Last oder als Vorteil?

Die Sache mit dem Rapper hat sich glücklicherweise mittlerweile geklärt. Bei den anderen Fällen, auf die du anspielst, ging es einmal um die Verleihung einen Kulturpreis. Ein Jurymitglied hatte kurz zuvor in einem öffentlichen Brief geäußert, er halte Kurt Westergaard, Zeichner der Mohammed-Karikaturen, für mindestens ebenso gefährlich wie seine potenziellen Mörder. Dass so jemand kurz darauf über die Vergabe eines Kulturpreises bestimmt, halte ich für einen Skandal, und das habe ich auch deutlich gemacht.
Ein weiterer Fall ist die Klagemauer vor dem Dom. Was dort dargestellt wird, hat für mich - und viele andere, die ebenfalls geklagt haben - mit freier Meinungsäußerung nichts mehr zu tun. Dass die Klagen letztlich abgeschmettert wurden, kann ich nicht nachvollziehen.
Um auf die Frage zurückzukommen: Natürlich versuche ich da, zwischen dem Künstler Gerd Buurmann und dem politisch aktiven Gerd Buurmann zu unterscheiden. Sicherlich hilft mir meine Popularität, die Menschen zu erreichen. Das finde ich auch völlig in Ordnung. Andererseits kann ich mich im Falle einer Bedrohung auch nicht verstecken. Jeder, der einen Blick ins Programm wirft, weiß, wann ich im Theater bin. Das ist die Kehrseite.

Interview: Daniela Abels