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3./4.10., 20h, Theater Der Keller

Das Treffen mit der Besucherin namens Una treibt Ray die Schweißperlen auf die Stirn. Nervös hat er sie  in ein Besprechungszimmer geschubst. Niemand soll die beiden miteinander sehen. Und bald erfährt der Zuschauer auch, warum. Una war zwölf als sie eine Affäre mit Ray hatte, er um die 40. Ein Fall von Kindesmissrauch, so haben ihre Eltern, die Psychologen, Staatsanwälte und Richter den Fall bewertet. Zehn Jahre später klagt auch sie ihn an. Doch während des folgenden Gesprächs tritt langsam eine Wahrheit zu Tage, die so einfach nicht ist. Denn Una war selbst in Ray verliebt und verfolgte ihn in ihrer Schwärmerei. Ein frühreifes, selbstbewusstes Früchtchen ist sie in seiner Erinnerung. Den Fehler, seiner Lust auf die verbotene Frucht nachgegeben zu haben, hat Ray mit sechs Jahren Gefängnis bezahlt. Und während er dies erzählt, ändert sich der Blick des Zuschauers, scheint für einen kurzen Moment die junge Frau mit dem grellroten Lippenstift, den streng zurückgebundenen Haaren und dem kurzem Kleid der eigentliche Täter zu sein, bis auch sie erzählt und die tiefen Narben auf ihrer Seele enthüllt, die die Affäre mit Ray hinterlassen hat. Der zeigt ebenfalls echte Verzweiflung, tiefe Schuldgefühle und macht das Publikum an seine Liebe zu Una glauben – bis das überraschende Ende alles wieder in Frage stellt. Ob Ray ein perverser Kinderschänder oder das verknallte Opfer einer Lolita ist, stellt sich nicht heraus. Aber darum geht es in dem einfühlsamen Stück „Blackbird“ des britischen Autors David Harrower nicht. Die Subjektivität der Wahrheit ist genauso ein Thema wie die Frage nach den objektiven Grenzen der Liebe. Die Kritik gilt hier den kalten und demütigenden Untersuchungsmethoden und Fragen von Polizei, Psychologen und den Eltern, die sich über das Gefühlsleben der Betroffenen hinwegsetzen und den Einzelfall mit stereotypen Gesetzen und Schuldzuweisungen bewerten. Sibylle Broll-Pape hat das nachdenkliche Werk mit viel Fingerspitzengefühl in Szene gesetzt. Katrin Schmieg zeigt sich als erwachsene, selbstbewusste Frau ebenso wie als verletztes kleines Mädchen jede Sekunde absolut authentisch. Udo Thies gibt mit viel Ausstrahlung den geprügelten Hund, den verliebten Tölpel und den Wolf im Schafspelz. Ein Fünkchen Wahrheit steckt in jedem der verschiedenen Gesichter. Das macht die besondere Faszination des Stückes und der Inszenierung aus. -se