(c) Christian Brachwitz
Die Nibelungen, 30.1., 12.2., 25.2., 19.30h, Schauspiel Köln
Karin Beier, die neue Intendantin des Schauspiels Köln, weiß, was sie tut. Mit ihrer Version von Friedrich Hebbels „Nibelungen" erschwert kein sperriger Brocken den Einstieg in die neue Spielzeit. Statt eines monumentalen Heldenepos erwartet die
Zuschauer im Schauspielhaus ein epochales Theatervergnügen, was nicht etwa heißt, dass spaßig aufgemacht wäre, was nach Hebbel ein blutiges Trauerspiel ist: Der Dichter erzählt die im Nibelungenlied besungene Geschichte von der Überlistung der Königin von Island, Brunhild, der Werbung Siegfrieds um Kriemhild,
Prinzessin von Burgund, der Doppelhochzeit im burgundischen Königshaus, der heimtückischen Ermordung Siegfrieds und dem Untergang des burgundischen Reiches, indem er mit psychologisierendem Realismus die verschiedenen Charaktere und ihre persönlichen Motive beleuchtet. Statt Vorhersehung sind es menschliche Schwächen, die den Untergang bestimmen. Derart entmystifiziert wird das Drama zeitlos und damit überaus tauglich für moderne Theaterbühnen, wie Karin Beier mit ihrer Inszenierung beweist: Schlichte helle Holzblöcke sind die recht freundliche Festung. In unauffälligen modernen Anzügen oder - je nach Intimität der Situation - cremefarbener Unterwäsche zeigen die Protagonisten irgendwo im Hier und Jetzt die gewalttätige Rangelei um Macht und Liebe zwischen
starken Persönlichkeiten. Da tobt Maja Schöne überaus eindrucksvoll als Brunhild über die Bühne, als eine Frau, die von einem Mann besiegt werden will, damit sie ihn als Liebhaber akzeptieren kann. Um die Niederlage betrogen, vollzieht sie ebenso gekonnt die 180-Grad-Wendung zur willenlosen Schlampe. Mit grandiosem,
charismatischem Spiel zeigt Patrycia Ziolkowska, wie die Kriemhild sich von einem lebhaften, lieblichen Unschuldslamm in eine dämonische Rachegöttin verwandelt, die schließlich als schwarze Witwe, wie eine Spinne in ihrem Netz, auf Rache sinnt. Carlo Ljubek ist ein hinreißend natürlicher Siegfried, der ebenso ungestüm wie unbedarft seine Kräfte walten lässt und in gleichem Maße Hedonismus versprüht wie er mit leichtem kölschem Singsang ein gewisses Maß an Bodenständigkeit verbreitet. Mit komödiantischem Talent und völlig überdimensioniertem Schwert entblößt er den Rummel um seine Figur in seiner
ganzen Albernheit, wenn er zu Beginn das Register seiner Heldentaten
herunterrasselt. Weitere humorvolle Regieeinfälle runden die Inszenierung ab. Da verprügelt Brunhild wollüstig einen Königs-Dummie, und da erscheinen die Helden aus Burgund mit Bergsteiger-Brillen und Schalmützen wie ein „Expeditionins-
Schneereich"-Team im Königreich Island. Für einen stimmungsvollen Rahmen sorgen Musiker, die in feierlicher Kleidung direkt auf der Bühne aufspielen. Ganz großes Theater. -se



