Foto: Meyer Originals
3., 4. und 23.-25.4., 20h, Freies Werkstatt Theater
Nebelschwaden ziehen über die Friedhofslandschaft auf der Bühne des Freien Werkstatt Theaters. Die Vorlage des Stückes, „Halbschatten“ von Uwe Timm, spielt auf dem Invalidenfriedhof in Berlin, wo die Seelen von Kriegshelden und -verbrechern keine Ruhe finden. So erscheinen im Nebel gespenstisch wirkende Feldherren, Generäle und Soldaten und erzählen von ihrem Leben und ihrem Tod, kreisen dabei um ihre jeweils eigene Lebensgeschichte und ihre Kriegstraumata. Unter den Toten ist eine Frau. Marga von Etzdorf war eine der ersten deutschen Fliegerinnen. Sie erschoss sich 1933 nach einer Bruchlandung. Aus Scham über den Anfängerfehler, wurde vermutet. In Uwe Timms Roman findet sich ein weiteres Motiv. Dort leidet Marga unter einer unglücklichen Liebe zu der fiktiven Figur des deutschen Diplomaten Christian von Dahlem. Die Liebesgeschichte ist das Gerüst, welches das Gewirr verschiedener biografischer Bruchstücke zu einem erzählerischen Ganzen zusammenfügt. Die Uraufführung der von Regisseur Johannes Kaetzel in Zusammenarbeit mit Gerhard Seidel dramatisierten Romanvorlage legt den Fokus auf die Geschichte der sich anbahnenden Liebe, ihr kurzes, heftiges Aufflackern und ihren Verrat durch Dahlem. So entwickelt die Inszenierung einen dramatischen Drive, den die Vorlage vermissen lässt. Die Figur des Entertainers und Schauspielers Anton Miller, der wegen eines regimekritischen Witzes gehängt wurde, hat ebenfalls besondere Daseinsberechtigung auf der Bühne. Denn er weiß die Liebesgeschichte zwischen Marga und Christian von Dahlem aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen. Miller war selbst in Marga verliebt, hatte aber eine Affäre mit der Geliebten des Holocaust-Organisators Heydrich. Anders als im Roman ist es diese Geliebte, die Miller auf dem Friedhof besucht und die Funktion der Haupt-Erzählerin übernimmt. Ingrid Berzau glänzt in der Rolle als traurige Frau mit dem nüchternen Blick auf die Dinge. Dieter Scholz spielt mitreißend den Befehle donnernden Friedrich II. oder auch den machohaften Mix aus Frauenaufreißer und Fliegergeneral. Peter Liebaug bringt in der Rolle des Schauspielers Anton Miller ein wenig Schalk ins Spiel. Alexandra Sydow ist eine etwas süße Version der als schön, aber herb und burschikos beschriebenen Marga von Etzdorf, verhilft aber mit ihrem temperamentvollen, souveränen Spiel der wichtigen Rolle zu der angemessenen Größe. So ist die schwierige theatralische Umsetzung des komplizierten poetischen Blicks auf die düstersten Winkel deutscher Geschichte mit der atmosphärischen Inszenierung absolut geglückt. -se



