(Foto: Hydra Productions)
9./11./12.10., 20h, Freies Werkstatt Theater
Mit der Erfolgsgeschichte einer bekannten Pflegecreme und ihrem ostdeutschen Konkurrenzprodukt beschäftigt sich das Stück „Nivea und Florena", das derzeit im Freien Werkstatt Theater zu sehen ist. Klingt banal, ist es aber nicht, denn die kultigen Kosmetika sind nur die Aufhänger für einen stimmungsvollen Blick auf das sich im Laufe der Zeit wandelnde Frauenbild. Zwischen Laken so wei§ wie das von ihnen beworbene Produkt schwärmen die Schauspielerinnen Heidrun Grote und Regina Welz in den höchsten Tönen von den Pflegecremes und geben dabei nicht nur Werbesendungen mitsamt ihrer Botschaften auf überaus humorvolle Weise der Lächerlichkeit preis, sondern üben geschickt Gesellschaftskritik. Dass bereits zur wilhelminischen Kaiserzeit Nivea die Haut der weiblichen Bevölkerung pflegte, die damals noch mit unschuldigen Augen und geschürzten Lippen Unterwerfung demonstrierte, erfährt der Zuschauer. Wie sich später Kriegsversehrte unter die frisch balsamierten Gesichter auf der Straße mischen, ist eine der Erzählungen, die unter die Haut gehen. Mit Beginn der DDR wird „Florena" für die rauen Hände der Arbeiterinnen gemischt. Als Heldin der Arbeit stimmt Regina Welz ein kämpferisches Lied an, und Ost-Drill macht sich auf der Bühne breit. „Das bisschen Haushalt ...", singt Heidrun Grote den bekannten Schlager voller fröhlicher Ironie. Und wo ein Test belegt, dass eine Frau dann mit bürgerlichem Glück rechnen kann, wenn ihr Brustumfang weit über dem ihrer Taille liegt, ist die Zeit reif für „Die Emanzipation". Mit gewaltigen Begriffen wie „Phallokratie" und „Kastrationskomplex" hantiert die Frau nun herum. „Scheiß auf Pierre" lautet ihre einfallsreiche Strategie. Und schließlich kommt es zum Culture-Clash. Die Mauer fällt. Ost und West treffen aufeinander und mit ihnen Westbrötchen auf Ostschrippe, Nutella auf Nudossi, Sozialismus auf Kapitalismus. Seitenhiebe auf die gegenwärtige Gesellschaft runden den humorvoll-kritischen Blick ab. Mit einem perfekten Miteinander aus dem kraftvollen Spiel und komödiantischen Talent zweier hervorragender Darstellerinnen, flotten Songs (Akkordeon: Ralf Gscheidle) und Satire, sorgt der Regisseur und Textkomponist Roland Bertschi für einen gelungenen Theaterabend zum Lachen und zum Nachdenken Ÿber Gestern, Heute, die Frauen und die Gesellschaft. -se



