19.-22.12., 20.30h, Theater Tiefrot
Als „Wahlverwandtschaft“ wurde von Naturwissenschaftlern im 18. Jahrhundert die Eigenschaft bestimmter chemischer Elemente bezeichnet, ihre bestehende Verbindung bei der Annäherung an andere Stoffe zu lösen und sich mit den neuen Elementen zu vereinigen. Das Kräftespiel der kleinsten Teilchen inspirierte Goethe zu einem ähnlichen Experiment mit Menschen. In seinem Roman „Wahlverwandtschaften“ mischt er unter die liebevolle Ehe zwischen dem vermögenden Baron Eduard und seiner Gattin Charlotte zwei Neuankömmlinge. Auch die menschlichen Paare setzen sich neu zusammen, so hat sich der Dichter das Ergebnis gedacht. Auf die vier Hauptfiguren des Versuchs in Goethes Vorlage beschränkt sich die Bühnenfassung Silvia Armbrusters, die auf einen großen Teil der Gesellschaftskritik verzichtet, dafür aber den typischen Geschlechterkrieg fokussiert. Volker Lippmann zeigt sie derzeit im Theater Tiefrot. Ganz in Weiß gekleidet sitzen sie da, die vier Versuchskaninchen, in ihrem engen schwarzen Käfig. Juliane Ledwoch gibt mit Perlenkette und Volantbluse souverän die reife Frau von höherem Stande, Charlotte. Sandra Kouba zeigt eine genial-seltsame Version der Ottilie als fast autistische Unschuld ohne jegliches Gespür für gesellschaftliche Regeln und somit hemmungslos in ihrer Schwärmerei für Eduard. Francesco Russo vermittelt als eher tollpatschiger Schlossherr Eduard ein grobmotorisches Gefühlsleben, die interessante Frage nach der Grenze zwischen leidenschaftlicher Liebe und dem platten Begehren nach unschuldigem Frischfleisch aufwirft. Miklós Horvath ist hinreißend augenzwinkernd der anständige Otto. Die puristische Inszenierung rückt charaktervolle Darsteller ins rechte Licht. In der zusammengestrichenen Fassung leidet aber am Ende ein wenig die Glaubwürdigkeit. Trotz des tragischen Todes des Kindes von Charlotte und Eduard finden die beiden und Otto einen seltsamen Frieden miteinander. Ottilie hingegen geht, um sich umzubringen. Und so endet die sehenswerte Inszenierung mit einem Fragezeichen. -se



