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Interviews

Action und Cut

Für seinen vierten Streich, das Sportlerdrama „The Wrestler“, holte Regisseur Darren Aronofsky Mickey Rourke aus der Versenkung.

In der rabenschwarzen Komödie „Barton Fink“ von Joel und Ethan Coen aus dem Jahre 1991 soll der traurige Held einen Film über Wrestler machen – waren die Coen-Brüder die Inspiration für Ihren Wrestler-Film?

Das ist purer Zufall. Als wir dieses Projekt ankündigten, gab es allerdings sofort viele Witze darüber, dass nun auch Aronofsky das Barton-Fink-Gefühl bekommt. Aus bloßem Spaß habe ich dann ein Barton-Fink-Zitat in meinem Text für den Katalog des Venedig-Festivals übernommen.

Wenn nicht Barton Fink, was war dann der Auslöser für den Film?

Meine ersten drei Filme verstehe ich als ein Kapitel meiner Karriere, alle drei hatten einen ganz ähnlichen Zugang. Jetzt wollte ich etwas ganz anderes versuchen. Allein die Tatsache, dass noch nie jemand einen ernsthaften Film über Wrestling gemacht hat, finde ich faszinierend. Diese Idee schwebt mir schon seit den 90er Jahren im Kopf herum.  

Mickey Rourke gilt nicht unbedingt als einfach – wie sieht die Arbeit mit ihm aus?

Das Prinzip bei Rourke heißt ganz einfach: Zuckerbrot und Peitsche! (lacht) Die Arbeit mit ihm war kein leichter Job, Mickey ist schon schwierig. Zwischen „Action“ und „Cut“ ist er ein unglaubliches Geschenk – das Problem  besteht darin, ihn zu diesem Punkt „Action“ zu bekommen.

Ist es kein Problem, überhaupt Versicherungen für einen Typen wie ihn zu bekommen?

Die Versicherung war kein Problem, er hat schließlich noch nie Dreharbeiten gesprengt. Schwieriger war die Finanzierung, denn niemand glaubte mehr an Mickey Rourke. Überall bekamen wir Absagen, bis wir in Frankreich schließlich mit „Wild Bunch“ eine Produktion fanden – das waren die Einzigen auf der Welt, die noch auf ihn setzen wollten.

Wie kommt dieser famose Abstieg vom Star zum Nobody?

Das Filmgeschäft sieht heute einfach so aus, dass man in den unterschiedlichen Ländern fragt, wie viel ein Star dort auf dem Kinomarkt wert ist – entsprechend hoch fallen die Kredite der Banken aus. Jemand wie Rourke, der seit 20 Jahren keinen Erfolg mehr hatte, ist nicht mehr viel wert. Offen gestanden war unsere Schauspielerin Evan Rachel Wood mehr wert als Mickey.

Weiß Rourke um seinen mickrigen Marktwert?

Absolut, er ist sich seiner Situation sehr wohl bewusst. Wir ­haben eineinhalb Jahre gebraucht, um die Finanzierung für den „Wrestler“ auf die Beine zu stellen. Ich sagte Mickey ständig, dass niemand in ihn investieren will und er deshalb kein Honorar für den Film bekommt.

Im Film gibt es eine Szene, wo der verzweifelte Wrestler vergeblich auf Autogrammjäger wartet – würde es Rourke ähnlich ergehen?

Die Szene beschreibt zunächst eine Situation, die wir so tatsächlich erlebten. Wir besuchten eine Autogrammstunde von berühmten Ex-Wrestlern – und kein einziger Fan ist erschienen. Diesen traurigen Moment wollte ich unbedingt im Film haben, für mich ist es eine Schlüsselszene für das ganze Thema. Wie weit das den echten Mickey widerspiegelt? Das müssen andere beurteilen. (lacht)

Wie kam es zur Idee, auf diesen fast schon dokumentarischen Stil zu setzen?

Jeder Film braucht seine ganz eigene visuelle Sprache – und diesmal dreht diese sich voll und ganz um Mickey. Ich wollte Rourke so viel Freiheit wie möglich geben. Deswegen haben wir auf alle einschränkende Technik verzichtet. Mickey sollte sich völlig frei  bewegen, deswegen ist alles mit Handkamera gedreht.

Es gibt einige recht brutale Sequenzen bei den Kämpfen – wie halten Sie es mit dem Zeigen von Gewalt?

Es ist wichtig, dass man als Zuschauer diese Gewalt auch spürt. Man soll eine Ahnung bekommen, welche Schmerzen eine Figur tatsächlich erleidet. Wobei das, was wir zeigen, nur die Spitze des Eisbergs ist: In der Realität tun sich Wrestler noch viel schlimmere Dinge an. Ich finde das schrecklich, aber das ist nun einmal das Thema des Films.

Dennoch ist der „Wrestler“ wohl nicht der ganz typische Frauenfilm?

Die große Überraschung war die positive Reaktion von weiblichen Zuschauern. Frauen sind von dieser Geschichte viel mehr bewegt als Männer. Hinter diesem dicken Panzer des Helden entpuppt sich eine ganz sanfte Figur. Zugleich sind die Frauen im Film sehr stark und haben ihr Leben viel besser im Griff als der männliche Versager.

Wie weit leiden Sie unter diesem Prädikat Wunderkind, das man Ihnen gleich nach dem ersten Film verpasste? Erwarten die Fans nicht etwas, das „aronofskyisch“ aussehen muss?

Ich wüsste nicht, was „aronofskyisch“ wäre – aber es ist natürlich schick, wenn der eigene Name diese „isch“-Endung bekommt (lacht). Ich hoffe, dass jeder meiner Filme unterschiedlich war. Am liebsten wäre mir, die Zuschauer erwarteten jedes Mal etwas ganz anderes von mir.

Die Story klingt konventionell und vorhersehbar …

Ich hatte nie Angst vor einer traditionellen Story, die meisten Filme beruhen darauf. Entscheidend ist immer die Ausführung und die Art des Erzählens. „Pi“ ­hatte ja auch eine ganz konventionelle Struktur, die wir eben mit ein paar verrückten Ideen aufgepeppt haben. Mein Interesse beim „Wrestler“ lag vor allem in den Schauspiel-Leistungen.

Das Tabu-Thema der Traumfabrik heißt Botox – von Rourke sagt man, er hätte Rollen verloren, weil seine Mimik nicht mehr funktioniere. Wie sehen Sie das?

Davon habe ich noch nie gehört. Mickeys Gesicht zeigt für mich alle Facetten, sehen Sie doch nur einmal in seine Augen, wie wahrhaftig die aussehen. Ich weiß nicht, ob er je Botox-Anwendungen hatte. Ich finde sein Gesicht jedenfalls unglaublich ausdrucksstark.

Sie haben den Goldenen Löwen in Venedig bekommen – wie sehen Sie Ihre Oscar-Chancen?

Den Goldenen Löwen zu gewinnen, war schon jenseits unserer Vorstellungskraft. Dass ich den Preis aus den Händen von meinem Idol Wim Wenders erhielt, war eine zusätzliche Ehre. Ich finde, Mickey hätte den Oscar auf alle Fälle verdient – und er war noch nie in seiner ganzen Karriere nominiert!                  Dieter Oßwald

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