Einfach ‘ne coole Platte
(c) Paul DugdaleLiam Howlett, Kreativkopf der britischen Electro-Punk-Pioniere The Prodigy, skandierte Anfang der 90er Jahre: „Wir richten uns nicht nach Trends, wir setzen sie.“ Große Worte. Große Sendepause. Große Überraschung: Nach Streit, Skandalen und Krisen melden sich Howlett, Keith Flint und Maxim Reality mit „Invaders Must Die“ zurück.
Für die britische Presse steht fest: Ihr könnt euch noch immer nicht leiden und es ist eine Rückkehr des Geldes. Wollt ihr das richtigstellen?
Flint: Was für ein Arschloch hat das denn verzapft? Mann, das wäre das Letzte, was wir machen würden. Hätten wir wohl auch kaum nötig.
Aber warum tut ihr euch das alles noch mal an? Ihr könntet doch prima auf Partys abhängen und es euch gut gehen lassen?
Howlett: Aber wir tun doch sowieso nur das, wonach uns ist. Wir lieben es, Musik zu machen. Was Besseres könnte uns doch gar nicht passieren.
Wie entstand die Entscheidung, jetzt wieder als Trio zurückzukehren?
Howlett: Ich muss mal was klarstellen: Die letzte CD wurde ja eher als Soloalbum wahrgenommen, und das wollen wir jetzt mal revidieren, denn das Album wurde total missverstanden. Das Album markierte, zugegeben, einen Tiefpunkt, viele Leute dachten, wir hätten uns zerstritten, seien auseinandergegangen und erst jetzt wieder zusammengekommen. Aber das stimmt nicht. Uns gab es die ganze Zeit, uns gibt’s noch immer.
Aber nicht zwingend bühnentauglich. Es gab Zeiten, in denen man sich Sorgen um eure Gesundheit machen musste.
Flint: Ich bin ehrlich, ich bin seit einigen Jahren clean, bin mittlerweile total trocken. Ich habe das wirklich übertrieben, was mir echt nicht gut bekommen ist. Seitdem lasse ich das und fahre ganz gut damit. Jetzt bin ich nur noch vom Drive und der Energie der Band berauscht.
Hoffe, das trübt nicht euren Blick auf die Realität: Seid ihr euch bewusst, dass ihr euren Kultstatus mit einem Flop prima zerstören könntet?
Flint: So sehen wir das nicht. Die Musik repräsentiert uns, The Prodigy, genau so, wie wir heute sind. Wir kehren ja nicht zurück, jammern und trauern den alten Zeiten hinterher. Wir schreiben nicht „Firestarter“ oder „Smack My Bitch up“ auf unsere Fahne. Wir hängen auch keinen goldenen Momenten oder dem heiligen Pop-Gral hinterher. Die Erfolge am Anfang sind ein Teil dieser Band und ihrer Karriere. Und bislang hat mir noch jeder geglaubt, wenn ich ihm gesagt habe, dass mich Goldene Schallplatten, Verkaufszahlen und Sonstiges einen verdammten Scheiß interessieren. Ich will auf die Bühne und will Spaß haben!
Ihr habt beim UK-Festival Award 2008 den Preis für den „best dance act“ abgeräumt. Macht euch das stolz, dass ihr selbst nach langer Pause so populär seid?
Howlett: Wir sind eben echt und keine dieser scheiß Fake-Bands. Die Fans wissen, dass sie nicht verarscht werden, wenn sie sich auf uns einlassen. Jede unserer Platten reflektiert, dass wir es ernst meinen und genau so sind, dass wir keinen Blödsinn absondern, nur um Kohle zu machen. Die Fans haben ein Gespür dafür, was echt ist, glaub mir.
Ihr behauptet, ihr wäret nach all den Jaren noch immer „underground“ und „true to the dream.” Wie lautet denn der?
Howlett: Zunächst zum „underground“: Hier geht es um unsere Denkweise, denn wir sind keine abgehobenen Arschlöcher, wir fühlen uns noch genau so, wie wir damals angefangen haben. Wir sind keine selbstgefälligen Typen, die ihre Kohle spazieren führen und protzen. Und „true to the dream“ bedeutet, dass ich bis heute dazu stehe, wie ich mal angefangen habe, Musik zu machen. Ich war keiner dieser Teenager, die mit der Gitarre auf dem Bett herumgesprungen sind und wie ein Popstar geposed haben. Ich war auch kein Nerd, der stundenlang auf dem Griffbrett herumgenudelt hat. Ich stand auf Dance-Music, und als ich sah, wie die gemacht wird, dachte ich: Ein paar Tasten drücken und etwas Programming – das kann ich auch!
Was ja, genau genommen, dem D.I.Y.-Prinzip des Punk entspricht.
Howlett: Genau. Jeder kann Musik machen, es ist ganz wichtig, das zu kapieren. Musik ist nicht nur für elitäre Söhnchen oder für Ehefrauen reicher Arschlöcher reserviert.
Ihr verneint zwar stets, einen politischen Anspruch zu haben, gebt euch aber ganz bewusst rebellisch und nonkonform.
Flint: Wir sind völlig brave Bürger. (grinst) Und was Punk angeht: Der ist doch zu einem Image verkommen und hat heute nichts mehr mit der Bewegung Ende der 70er zu tun.
Howlett: Ich habe diese ständigen Kategorisierungen von Punk-Rave oder Techno-Rave satt. Wir machen einfach Tanzmusik ...
Reality: ... die ein bisschen nach Punk klingt. (alle lachen)
„Invaders Must Die” klingt martialisch, wie ein Ego-Shooter-Game. Ihr wirkt angriffslustig.
Flint: Ach, es geht uns nicht darum, damit zu schockieren oder so, sondern nur uns selbst abzugrenzen und zu zeigen, dass wir ein paar Freunde sind, die im Studio ein neues Album gemacht haben. Es fühlte sich einfach nach uns an. Nur wir drei.
Reality: Es gab einfach keinen Platz für „Eindringlinge“ bei uns.
Aber im Grunde klingt das Album wie eure frühen Alben. Grundsatz? Back to the roots? Never change a winning album?
Howlett: Sicher haben wir uns unsere ersten beiden Alben noch mal angehört, haben uns daran orientiert und uns inspirieren lassen, allerdings um daraus was Neues zu formen. Ich wehre mich dagegen, dass dieses Album ein Retro-Album sei oder irgendso ein Scheiß. Dies ist auch kein Tribut-Album an uns selber. Es ist einfach ‘ne coole Platte.
Bitte vervollständigt folgenden Satz: Die Musikwelt braucht The Prodigy, weil ...
Flint: ... wir noch immer einen Job zu erledigen haben! Stefan Woldach
The Prodigy: Invaders Must Die
Universal
VÖ: 27.2.
live: 3.3., E-Werk
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