Charlotte Roche - das ausführliche Interview
(c) Jochen SchmitzLiterarisches Randalekind
Charlotte Roche spricht über ihren ersten Roman "Feuchtgebiete"
In ihrem ersten Roman „Feuchtgebiete“ erzählt Charlotte Roche die Geschichte der 18-jährigen Helen, die nicht nur sehr offen und selbstbestimmt mit ihrer Sexualität umgeht, sondern auch ein sehr ungewöhnliches Verhältnis zu ihrem Körper und zur Hygiene hat. Sie rebelliert gegen Sauberkeitswahn und den unfreien Umgang mit der weiblichen Sexualität. Helen liegt mit einer üblen Verletzung im Intimbereich im Krankenhaus, welche sie sich bei der Rasur zugezogen hat, erlebt abstruse und teils sehr lustige Abenteuer und lässt den Leser an ihren sexuellen und sonstigen Fantasien teilhaben. „Feuchtgebiete“ erschien am 25.2. bei DuMont. Am 28.3. liest Charlotte Roche im Alten Wartesaal, am 2.3. auf der lit.COLOGNE. Melanie Raabe sprach mit Charlotte Roche.
In „Feuchtgebiete“ geht es ziemlich explizit um weibliche Sexualität. Du hast ein Buch über ein Thema geschrieben, über das es noch kein Buch gibt – erstaunlich!
Ja, ne? Das hör' ich total gerne, da freu ich mich. Dabei ist das ja ein Thema, das uns Frauen täglich beschäftigt – Rasieren und Intimhygiene ... Die Frauen machen alles mit sich selber aus, keiner redet darüber, keiner fragt sich: „Warum machen wir das eigentlich alles?“ Da steckt so viel Arbeit drin, im weiblichen Körper.
Was hat dir denn den Denkanstoß zu dem Thema gegeben? Gab es ein einschneidendes Erlebnis?
Es gab ein paar einschneidende Erlebnisse, aber alles in allem ist das einfach voll mein Thema, das mich schon lange begleitet: Intimwaschlotionen, Rasur, im weitesten Sinne die Amerikanisierung des weiblichen Körpers. Das kam öfter vor. Und ich hatte schon immer den Druck, ein Buch schreiben zu müssen, weil ich mit Kiepenheuer & Witsch einen Vertrag hatte, der mittlerweile schon sieben Jahre altist. Ich hatte mal ein Tagebuch geführt bei jetzt.de – dort hat jede Woche ein neuer Prominenter irgendwas geschrieben. Und das gefiel denen so gut, dass ich einen Vertrag bekommen habe und einen Vorschuss. Und dann sind meine Brüder gestorben, bei dem Autounfall. Und das war mir dann so „larifari“, mit so einem popkulturellen VIVA-hinter-den-Kulissen-Buch um die Ecke zu kommen. Dann habe ich gedacht: Diese Idee ist somit auch gestorben. Also musste irgendwas anderes her.
Die von Kiepenheuer & Witsch haben mich nie unter Druck gesetzt, zum Glück, aber oft ist ja der innere Druck viel stärker: Das innere schlechte Gewissen, dass ein Buch abgeliefert werden muss, war sehr stark, tauchte immer wieder auf – jedes Jahr. Ich wollte nicht irgendein Buch schreiben und habe mir gesagt: Ich schreibe nur ein Buch, wenn mir wirklich eine gute Idee kommt. Und eigentlich waren alle Ideen, die ich letztendlich verwendet habe, schon da in meinem Leben. Ich beschäftige mich viel mit solchen Themen, ich will immer alles genau wissen, hingucken, nachfragen: „Warum müssen die Frauen das machen, was ist eigentlich mit uns los?“ und so. Ich habe dann verschiedene Ordner angelegt auf meinem Computer. Darin war dann alles, worüber man Bücher schreiben könnte, und der Ordner „Intimhygiene" ist total explodiert. Das Thema hat mich gefunden!
Du hast deiner Figur ein paar optische Züge von dir mitgegeben. Hast du absichtlich einen Teil von dir in ihr sichtbar machen wollen?
Ja. Ich fände es total lächerlich, wenn ich in der Ich-Form schriebe und dann sagen würde: „Ich bin eine große Blondine mit kurzen Haaren.“ Also, um es optisch von mir wegzuhalten. Ich finde, man muss auch selber eine gewisse Coolheit haben, wenn man sich so weit aus dem Fenster lehnt mit solchen Themen. Da kann ich dann nicht sagen: „Das ist alles Fantasie!“, sondern muss schon sagen, dass das viel mit mir zu tun hat.
Mit explizitem Sex oder drastisch dargestellter Gewalt haben die meisten Leute viel weniger Probleme als mit beispielsweise irgendwelchen Ausscheidungsvorgängen, die jeder hat und die im Grunde nicht der Rede wert wären, wenn man nicht so verkrampft damit umginge. Hast du eine Theorie, warum das so ist?
Auf jeden Fall. Weil es dafür schon eine Sprache gibt, für Splatter und so. Man sagt doch immer, es sei das Einfachste, Gewalt in Büchern oder in Filmen darzustellen. Das ist ja das Missverständnis, das wahrscheinlich wegen des Buches auftreten wird, dass alle denken: „Charlotte ist total cool, die hat eine Sprache für das alles gefunden, wo andere sich noch nicht einmal trauen, hinzudenken.“ Es ist schon so, dass ich auch Scham empfinde, was diese ganzen Themen angeht. Für mich ist das einfacher, so ein Buch zu schreiben über diese Themen und das in die Öffentlichkeit rauszuhauen, als mit meiner Freundin über so etwas zu reden. Also, auch bei mir ist das so. Das ist für mich Neuland, genauso wie du sagst: Es gibt so was nicht – Literatur, wo Periode überhaupt vorkommt. Es ist eigentlich das Normalste auf der Welt, aber wir machen alles mit uns alleine aus und wissen überhaupt nicht, ob das bei anderen auch so ist. Es wird auf jeden Fall nicht im Detail besprochen, sondern nur sehr oberflächlich, wenn überhaupt. Ich hatte auch beim Schreiben das Gefühl, dass ich gerade Neuland betrete. Da habe ich teilweise schon gewusst, das es manche schockieren wird, ja klar. Manchmal liest man Stellen nach und denkt: „Ohgottohgottohgott!. Da wird einem dann selber heiß und man denkt: „Wie verboten ist das denn?“ Da dachte ich mir dann aber auch: „Das muss sein. Wenn, dann richtig!“ Und wenn ich diese Themen anpacke, dann richtig, und ich bin dann tief reingetaucht.
Wird es dir ein bisschen unangenehm sein, „Feuchtgebiete“ zu lesen – vor Leuten?
Auf jeden Fall! Ich habe das jetzt schon einmal ausprobieren dürfen, ich habe das Hörbuch eingesprochen. Und da habe ich dann festgestellt: Das aufzuschreiben und das auszusprechen ist etwas ganz anderes. Das ist eine ganz andere Sache! Ich bin sehr gestolpert bei manchen Stellen, an denen es explizit um die Masturbation geht oder um ganz intime Geschlechtsorganbeschreibungen, da ist mir dann die Spucke im Hals stecken geblieben …
Ist dir das Schreiben leicht gefallen?
Total, das ging ganz leicht. Als das Thema einmal feststand, ist alles aus mir heraus explodiert. Ich habe Stichworte zu Themengebieten gesammelt und dann einfach nur mein Stichwortheft ausformuliert. Und immer so lange geschrieben, bis mir die Augen weh taten, also völlig enthemmt, ich hatte beim Schreiben an sich keine Blockaden, kein Tief. Ich kam mir nur immer so mutig vor, weil ich auch das Gefühl hatte, dass das alles noch keiner je geschrieben hat. Da hatte ich ein Gefühl von körperlicher Bedrohung beim Schreiben, so in der Art, dass mir jemand etwas deswegen antut. Ich dachte: „Frauen dürfen das eigentlich nicht, so über Lust und über ihr Geschlechtsorgan schreiben.“ Da dachte ich, das ist so verwerflich, dass ich das mache, dass ich dafür bestraft werden könnte. Also ich hatte immer das Gefühl, wenn das rauskommt oder so, dass mir jemand auf der Straße was tut. Wie eine Frau, die Schande über ihre Familie bringt, so kam ich mir vor.
Wie lange hast du insgesamt an dem Buch gearbeitet?
Genau neun Monate.
Intensiv?
Ja, richtig intensiv und ganz diszipliniert. Als die Idee klar war, musste ich mich jeden Tag hinsetzen, und ganz ritualisiert: Kind in den Kindergarten bringen, nach Hause fahren, duschen, ein schönes Kleid anziehen, schön schminken, wie zu einem Termin, und dann in den Keller gehen. Da ist kein Tageslicht, da funktioniert das Handy nicht, totale Stille und dann nur schreiben, schreiben, schreiben, schreiben.
Fehlt dir das jetzt? Oder schreibst du sogar weiter?
Weiterschreiben will ich gerne, weil das so viel Spaß gemacht hat. Aber jetzt ist erst mal viel zu tun mit dem Buch. Aber das ist so befriedigend, mit sich alleine was zu schreiben, und man denkt: „Huhuhu, das ist vielleicht mal lustig!“, und wo man jeden Tag Seiten füllt ... Das ist ein ganz befriedigendes Gefühl, das kannte ich bisher noch überhaupt nicht von Arbeit. Dass einen das so erfüllt und dass man so sehr denkt, man hätte was geleistet, nach einer Schreibsession an so einem Tag, das ist toll.
Du hast dabei eine große Lust an der Grenzüberschreitung entwickelt, oder?
Ja, das ist so ein Persönlichkeitsding. Das ist Erziehung, glaube ich. Ich bin so ein Randalekind, auch früher schon gewesen. Dass man immer da sitzt und alles hinterfragt und immer denkt, man müsste die Welt besser machen. Und das heißt ja, dass man Wege beschreitet, auf denen andere nicht so hingehen. Aber das war immer schon so bei mir, glaube ich. In der Schule und so. Mir ist nie anerzogen worden, dass ich mich in eine Reihe einfügen soll.
Auch deine Heldin Helen ist sehr frei und offen, aber trotzdem auch ein gebrochener Charakter. Auch ihr sind manche Sachen peinlich, z.B. ist sie sehr verletzt durch die Scheidung ihrer Eltern usw. Wieso hast du ihr diesen Zwiespalt mitgegeben?
Also, zuerst gab es diese zotige Haudrauf-Helen, diese selbstbestimmte, sexuelle Helen. Aber ebenso wenig, wie von mdr keiner denken darf, mir wäre nichts peinlich oder ich sei vollkommen schamlos, sollte dies auch niemand von Helen denken. Das ist nämlich gar nicht so bei mir: Es gibt total viele Sachen, für die ich mich schäme und deswegen muss auch Helen sich für ganz viele Sachen schämen. Sonst ist die ja unmenschlich, so eine Art Sex-Terminator. Scham ist ja auch so schön menschlich und süß und niedlich und sympathisch.
Und dieser ganze Aspekt mit dem Scheidungskind: Es gibt einen Punkt, an dem viele Journalisten fragen: „Was davon ist echt? Was von den sexuellen Sachen machst du?“ Und das werde ich nie beantworten, denn damit macht man das ganze Buch kaputt, wenn man sagt: „Diesen Punkt habe ich schon mal gemacht, diesen würde ich gerne…“ Das dazu. Aber ein Punkt, von dem ich sage, dass der echt ist, ist dieser naive, verletzte Teil von Helen. Wenn sie so leidet, weil sie ein Scheidungskind ist. Das ist meine Geschichte „in echt“. Bei einem Buch, von dem man selber findet, es solle wahrhaftig sein und um menschliche Themen gehen, muss das sein. Oft sind Gefühle ja peinlich. Jemand, der dir wirklich das Herz ausschüttet, kann total peinlich sein. Und dieses Scheidungskind, das praktisch niemals erwachsen wird, weil es immer den Eltern hinterherläuft, immer einer heilen Welt hinterherläuft, das wollte ich in dem Buch haben, um Helen eine Tiefe zu verleihen, um zu zeigen, dass die verletzt ist. Und das ist der einzige Punkt, an dem ich dann nicht die Antwort verweigern würde, sondern sagen würde: „Das bin ich, Charlotte als Scheidungskind, und das ist wahr. Das ist die Wahrheit!“ Und das ist teilweise auch total peinlich, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, weil das auch richtig kindisch ist und so klein, aber ich finde, das muss man auch in ein Buch packen und dann dazu stehen können.
Helen ekelt sich ja vor ganz interessanten Sachen – zum Beispiel vor Parfüm. Kannst du das nachvollziehen?
Ja. Bei Helen ist es natürlich auf die Spitze getrieben, aber ich sehe es ähnlich. Es ist ein großer menschlicher Witz, dass wir mittlerweile so entfremdet sind von unseren Körpern, dass wir ganz viel Krieg führen gegen ganz viele Baustellen überall – gegen Gerüche und Haare. Ich bin Anhänger von Biologie und glaube fest dran, dass man sich in Bruchteilen von Sekunden riecht und dass man sich überhaupt verliebt und nur Kinder kriegt aufgrund dessen, wie man riecht. Und ich finde es so lustig, dass man all seine natürlichen Duftstoffe, wegen denen man voll super Beziehungen hätte, wegmacht und sich dann wundert, dass man nie jemanden kennenlernt. Heutzutage finden alle, dass körperliche Echtheit stinkt, und man würde immer sagen, was gut riecht, was „duftet“, sind chemische Sachen. Also, „körpereigen“ geht eigentlich gar nicht mehr mit „Duft“ zusammen, und das ist eigentlich der totale Witz, denn man hat körpereigene Duftsstoffe, die ausgesendet werden, um Männern zu sagen: „Hallo, hier ist eine Frau!“ Diese Stoffe macht man in stundenlanger Kleinarbeit weg und tut sich dann da was von „Boss“ oder so drüber. Und das soll dann so funktionieren, dass die Männer um einen kreisen wie die Motten um das Licht. Aber ich glaub’ da nicht dran, ich glaube an natürliche Körpergerüche. Und Helen treibt das völlig auf die Spitze.
Dadurch, dass Helen im Krankenhaus liegt und es keine klassische Handlung gibt, findet ganz viel in ihrem Kopf statt – sie denkt über die Vergangenheit nach, hat Fantasien. Dafür braucht man ja viel mehr kleine Ideen, als wenn man eine stringente Handlung erzählt …
Stimmt, aber ich hatte zuerst die Ideen. Also erst die ganzen Gedanken und Fantasien und alles, was in ihrem Kopf stattfindet. Und dann habe ich gedacht: „Ich will sie lähmen, damit sie nicht auf der Straße herumläuft und Freunde hat und zu Hause wohnt, zur Schule muss und so, sondern dass sich alles total konzentriert.“ Wir sind ja in ihrem Kopf. Und das wollte ich so haben. Ich hätte ihr auch die Beine abhacken können oder so. Ich wollte wenig Irritation von außen und ganz viel innen, innen, innen. So hätte das Buch auch heißen können: „Innen“.
Wem hast du denn dein Manuskript zuallererst zu lesen gegeben?
Ich war noch nicht fertig, als ich das jemanden habe lesen lassen. Die allererste Reaktion war die von Kiepenheuer & Witsch, und die war sehr negativ. Ich hätte ja für die schreiben sollen. Und da habe ich denen gesagt, dass ich ein Sexbuch schreiben will über den weiblichen Körper, aber keine Pornografie, so wie man das kennt, mit: „Er stieß sie wie ein Hengst“ oder so, sondern nur die Frau mit sich alleine und ihrem Körper. Und dann sagten die mir, okay, es gibt ja viel französische Literatur im Moment, wo es sehr heftig zur Sache geht, also sagten die zu mir: „Es gibt viel heftige Literatur, Charlotte, also wenn du was Heftiges schreiben willst, dann aber richtig!“ Da war ich schon beleidigt und dachte: „Ja ja! Wenn ich schon sage, es wird heftig, dann wird es auch heftig!“ Und dann habe ich geschrieben und die ersten 40 Seiten – so wie sie jetzt auch noch sind – habe ich abgegeben, und die haben gesagt: „Das machen wir nicht. Das ist ja Pornografie!“ Und ich dachte: „Ja, wie? Ihr habt doch vorher gesagt, ich soll voll heftig vom Leder ziehen! Und jetzt habe ich das gemacht und nun bringt ihr das nicht, weil das Pornografie ist, angeblich?“ Und die haben gesagt, das sei eine Regel des Hauses. Die meinten auch, das wäre gut geschrieben und alles wunderbar, aber so explizit wie diese ganzen Sachen wären, würden die das nicht veröffentlichen. Das war dann meine erste Niederlage – schon nach 40 Seiten. Ich dachte immer noch, dass das gut ist, was ich schreibe, aber man weiß es dann ja auch nicht mehr, wenn man ganz alleine ist mit sich. Dann kriegt man die Absage von dem Verlag, für den das geschrieben werden sollte.
Mein Mann hat das dann natürlich gelesen und dann haben wir überlegt: „Wen kennen wir, der einerseits kein Problem mit Pornografie hat, andererseits aber Ahnung von Literatur?“ Und dann ist uns Roger Willemsen eingefallen, ein intellektueller Pornograf sozusagen. Und der hat mich sehr ermutigt, an dem Buch weiterzuschreiben. Der war ganz wichtig für mich, der hat gesagt: „Quatsch, Charlotte, hör’ nicht auf die, die haben keine Ahnung! Schreib das zu Ende, das wird wunderbar.“ Der hat mich gerettet.
War es dann letztendlich schwer, einen Verlag zu finden?
Nein, alle anderen haben sich die Köpfe eingeschlagen. Da hatte ich am Anfang einfach richtig Pech mit KiWi. Die Person, mit der ich da zu tun hatte und die so verklemmt war, sagte nur, das sei ja so was von igittigitt und nur eine Aneinanderreihung von Ekelhaftigkeiten. Das war ein totaler Downer, denn es ist halt nicht nur um des Schockierens willen eine fiese Sache an die nächste gereiht. Das war demotivierend. Zum Glück kamen danach viele tolle Erfahrungen, viele hätten mir den roten Teppich ausgerollt für das Buch. Aber erst mal geht man ja kindisch um mit so etwas, und wenn man es noch nie gemacht hat, ist man auch überhaupt nicht selbstbewusst. Wenn der erste Verlag nein sagt, dann fühlt man sich wie ein armer Autor, der seine Sachen überall anbietet und keiner will es haben! Brotlose Kunst … (lacht)
Hattest du beim Schreiben eine bestimmte Leserin oder einen bestimmten Leser im Kopf?
Also, jetzt sehe ich Leute vor meinem inneren Auge, wenn ich daran denke, wen ich gerne im Publikum sitzen hätte. Also beim Gedanken an die Live-Bühne will ich, dass da viele junge Frauen sind und so. Aber beim Schreiben war ich selbst das Maß aller Dinge. Da ging es darum, dass ich mit mir selber zufrieden bin. Ich habe ja tatsächlich Themen angepackt. Sagen wir mal, die Beschreibung des weiblichen Geschlechtsorgans oder so was – oder insgesamt Sex und Kommen und diese ganzen schwierigen Sachen. Und dann habe ich mich hingesetzt und mir gesagt: „Ich will das so machen, dass ich selber das als glaubwürdig empfinde – weit weg von Klischees. Weibliche Sexualität und Lust beschreiben ohne diesen ganzen Kitsch, ohne diese falschen Wörter, diese falschen Klischeesätze. Dahingehen, wo vorher noch keiner war. Und dann macht man das eben. Und ich habe mich selber immer gezwungen, ehrlich zu sein und aufrichtig und wahrhaftig, ohne die Angst: „Was passiert mir eigentlich, wenn das veröffentlicht wird?“ Ich habe versucht, mich selber da voll reinzuwerfen und mich immer danach zu richten, ob ich das gut finde, ob ich finde, dass ich dieses oder jenes gut beschrieben habe, vielleicht auch, ob ich etwas lustig finde. Darum ging’s erst mal nur. Und dass Frauen das jetzt vielleicht weiterbringt, dass die sich weniger schämen oder weniger Peinlichkeitsgefühl gegenüber ihrem eigenen Körper haben, das wäre ja wundervoll. Ein toller Nebeneffekt. Männer sagen auch immer, die werden davon total geil. Da denkt man auch: „Ja, schön …!“
Welche Reaktionen erwartest du denn auf das Buch?
Ich kann es überhaupt nicht einschätzen. Es könnte sein, dass die Leute ganz andere Sachen erwarten und dann geschockt sind. Ich habe ja viel Kontakt mit den Leuten. Wenn ich dann nachher eine Riesen-Lesetour mache, beantworte ich hinterher auch Fragen. Dann werde ich einfach mal gucken. Aber ich weiß nicht, wie Leute so sind. Man macht sich ja auch ein bisschen Sorgen. Was da so kommen kann, muss ja nicht nur freundlich sein.
Was liest du eigentlich selbst zurzeit?
Oh, das ist mein großer Komplex. Ich habe ein Buch geschrieben, aber ich lese gar nicht selbst. Das ist leider ein schlimmes Klischee, das in meinem Fall stimmt: Wenn man Mutter ist, gibt es zu Hause immer was zu tun, was nicht mit der eigenen Selbstfindung zu tun hat, sondern mit Kindern und Kochen und so. Das Erste, was auf der Strecke bleibt, wenn man Mutter ist, ist Kultur. Also Kino, Theater, Bücherlesen. Das gibt es de facto gar nicht mehr. Also, man ist ja selbst schuld, ich arbeite ja und habe ja auch das Buch geschrieben. Aber wenn ich dafür, dass ich ein Buch lesen oder ins Kino gehen kann, einen Babysitter nehmen muss, dann nehme ich keinen mehr dafür. In den fünf Jahren, die mein Kind auf der Welt ist, habe ich ein einziges Buch gelesen, das ich auch immer wieder anfangen musste, und bin jetzt endlich fertig: „Der große Gatsby“. Das war sehr gut.
Liest du deiner Tochter gerne vor?
Ja, wir sind ein großer Vorlesehaushalt. Also, ich habe einen Stiefsohn und eine Tochter, und die Kinder haben von Geburt an das Einschlafritual „langes Vorlesen“. Abends, oder auch tagsüber auf der Couch. Jetzt ist es eher noch von den Eltern bestimmt, deswegen ist alles von Astrid Lindgren. Damit kommt man auch sehr weit, die hat so viel geschrieben und das ist alles sehr unterschiedlich, und wenn man einen Autor wählen müsste, für immer, zum Vorlesen, dann reicht Astrid Lindgren.
Was hast du für Pläne für 2008?
Oh, ich warte die ganze Zeit, bis endlich mein Buch rauskommt. Dann mache ich eine riesige Lesetour durch Deutschland, dann durch die Schweiz und durch Österreich. Die beginnt am Tag des Erscheinens, in Köln ist die Lesung am Karfreitag. Da bin ich monatelang nur auf Tour. Und ich schätze mal, danach klappt man zusammen und versteckt sich zu Hause.
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