Clubtaugliches vom Can-Gründer

Irmin Schmidt, Gründer der legendären Kölner Avantgarde-Rockband Can, hat mit dem Produzenten, Programmierer und Breakbeat-Experten Jono Podmore alias Kumo eine neue Platte aufgenommen. Grund genug für ein Gespräch.
Das Album heißt „Axolotl Eyes“. Was fasziniert Sie denn an dem mexikanischen Schwanzlurch?
Kumo: Die Tiere an sich sind faszinierend. Ein Freund von mir hat sich lange Zeit welche gehalten. Sie überraschen einen immer wieder, brauchen zum Leben nur kaltes Wasser und einmal pro Woche ein Stück Fleisch. Zuerst hieß nur ein Track „Axolotl Eyes“, der wurde dann zum Titelstück. Für die beiligende DVD haben wir auch Axolotls gefilmt …
Can war ja avantgardistisch und stilprägend für eine ganze Generation von Rockbands. Ist es heute noch leicht, avantgardistisch zu sein?
Schmidt:Der Begriff „Avantgarde“ hat sich abgenutzt. So was gibt es nicht mehr, seid es „posthistuar“, „postmodern“ usw. gibt.
Sagen wir „radikal“: Leuten etwas vorzusetzen, das sie so nicht kennen.
Schmidt:Es gibt so eine 500 Jahre alte europäische Tradition, in der alles neu sein muss. Aber diese hat sich in den letzten 30 Jahren auch in der Werbung abgenutzt. Andere Kulturen haben das nie gehabt: In der indischen Musik geht es zum Beispiel nur darum, dass man Tradiertes anständig spielt. Mit dem eigenen musikalischen Genius erfüllt, ja, aber man erfindet nichts wesentlich Neues dazu. Und ich glaube, wir nähern uns diesem Zustand wieder an. Die Traditionen der Rockmusik, Popmusik und der Jazzmusik einschließlich der ganzen ethnischen Musiken, die uns seit etwa 50 Jahren im zunehmenden Maße beeinflussen – all das bildet jetzt eine musikalische Welt, innerhalb derer man sich auf sehr persönliche Weise bewegen kann. Vielleicht erfindet mal einer ein neues Instrument, aber das mit den Neuheiten und der Avantgarde ist vorbei.
Kumo:Trotz all der neuen Technik ist die Rate der musikalischen Neuerung sehr stark zurückgegangen. Ich glaube, das hat mit dem Internet zu tun: Feste Formen setzen immer dann ein, wenn Kommunikation stark zunimmt. Ein Beispiel: Die Varianten der englischen Sprache haben seit Erfindung des Buchdruckes stark abgenommen. Und ganz ähnlich ist es jetzt mit der Popmusik und dem Internet.
Aufgrund der Beats könnte man ein oder zwei Tracks auch im Club laufen lassen. Sehen Sie das auch so?
Beide: Ja!
Haben Sie da einen Wunschtrack?
Schmidt:„Kick on the Floor“.
Kumo: Ich fände Remixe auf der Grundlage unserer Platte sehr clubtauglich!
Wäre es eine Beleidigung für Sie, wenn Sie einen Track wie „Drifting Days, Crime Pays“ auf einem „Café del Mar“-Sampler fänden?
Kumo: Nein, dann wäre ich sehr glücklich!
Schmidt: Das, was ich so über die Musiktradition gesagt habe, dass gilt auch für die Medien: Es schließen sich keine Orte mehr gegenseitig aus. Ob man die Musik nun im Club spielt, ins Internet stellt, auf CD oder live hört. Alles das existiert gleichzeitig und ist gleich viel wert. - Sascha Kinzler -
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