Foto: Capelight Pictures
Der britische Comedian Chris Morris ist seit über 20 Jahren für Fernsehen und Radio tätig. Nun präsentiert er mit „Four Lions" (Start 21.4.) eine Satire über Selbstmord-Attentäter. Während die britische Presse amüsiert jubelte, fordert der CSU-Bundestagsabgeordnete Stephan Mayer ein Verbot der Islamisten-Persiflage.
Was sagen Sie dazu, dass ein bayrischer CSU-Politiker Ihren Film verbieten lassen möchte?
Davon habe ich gehört, aber ich bin gar nicht sicher, ob es diesen Boykott-Aufruf mittlerweile überhaupt noch gibt. War das nicht eher so eine One-Man-Show, die schnell wieder verschwunden ist? Vermutlich steckt ja der Filmverleih hinter dem Ganzen, der sich nun über die Gratis-Werbung freut. (lacht)
In anderen Ländern gab es solche Boykott-Aufrufe nicht?
In Amerika wurde ich von ein paar Journalisten gefragt, ob es nicht zu früh wäre für solch eine Satire. Vom dortigen Publikum habe ich solche Kritik jedoch nie gehört, die Zuschauer haben sich immer bestens amüsiert. Wer den 11. September durchlebt hat, hat offensichtlich ein Bedürfnis, über diese Sache zu lachen. In New York lief der Film lange im Kino, ohne dass sich jemand aufgeregt hätte - dazu braucht es wohl schon einen Typen aus Bayern.
Späße über den Islam finden nicht alle lustig: Ein dänischer Karikaturist wurde mit dem Tod bedroht, selbst die „South Park"-Macher haben ihre Folge 200 nach Protesten komplett zurückgezogen.
Von „South Park" gab es bereits 2004 eine Folge, in der Mohammed als Zauberkünstler dargestellt wird - und das war überhaupt kein Problem. 2010 wurde plötzlich viel Rummel um diese Folge 200 gemacht. Die Ursache liegt nicht am Inhalt, sondern an zwei verbitterten muslimischen Konvertiten, die eine Website namens „Radical Islam" betreiben und dort Stimmung gemacht haben - alle anderen Muslime hat das Thema überhaupt nicht interessiert.
Dieser inszenierte Rummel hat ganz offensichtlich funktioniert ...
Das hat nur deshalb funktioniert, weil Comedy Central und FBI die Sache so hoch aufgehängt haben. Das Gebäude der „South Park"-Produktion wurde von gepanzerten Polizeifahrzeugen umstellt - das war eine völlig neurotische Reaktion. So entstand ein künstlicher Skandal, der mit den eigentlichen Inhalten der Folge 200 gar nichts zu tun hatte.
Hatten Sie nie Bedenken bei Ihrem Filmprojekt?
Mir war klar, dass ich es mit einer radikalen politischen Bewegung zu tun habe, die sich durch religiöse Inhalte rechtfertigt. Im Mittelpunkt des Dschihad steht der Krieg in Afghanistan, damals noch gegen die Sowjets. Die Kämpfer rekrutiert man, indem man ihnen erzählt, dies sei der Wille von Gott. Mit dem Islam hat das nichts zu tun. Ich mache mich nicht respektlos über eine Religion oder deren Symbole lustig, sondern über das menschliche Versagen einer Gruppe von Terroristen.
Wie viel Humor hat der Islam?
Auch der Islam hat selbstverständlich Humor, alles andere wäre ein dummes Vorurteil - dann könnte man auch Eskimos oder den Schotten den Sinn für Komik absprechen. Selbst ein Scheich Mohammed hat in Guantánamo Witze gemacht und zum Beispiel behauptet, sein größtes Vorbild sei George Washington.
Wie haben Sie bei diesem heiklen Thema recherchiert?
Ich sprach mit Terrorismusexperten, Imamen, der Polizei und vielen Muslimen. Am Anfang erzählt man natürlich nicht, dass man eine Komödie machen möchte, sondern einen Film über Muslime in England. Dass ich als TV-Komiker bekannt bin, hat mich relativ unverdächtig gemacht. Journalisten haben mir Kontakte zum MI 5 ermöglicht. Und es ist erstaunlich, wie gerne selbst Leute vom Geheimdienst plaudern - natürlich nur über Dinge, die schon Jahre zurückliegen.
Wie viel Tölpelhaftigkeiten haben Sie bei Ihren Recherchen in der Terroristen-Szene gefunden?
Es gibt etliche Anekdoten. Etwa der Anschlag auf ein US-Kriegsschiff, bei dem das Boot mit dem Sprengstoff schon vorher sank. Oder Mohammed Atta von der Hamburger Zelle, dessen Exzentrik fast Sitcom-Qualitäten hatte. Er aß nur Kartoffelbrei, weil er Essen langweilig fand. Seine Probleme mit Frauen waren den anderen bekannt. Sie zögerten den Besuch der Moschee gerne so lange hinaus, dass sie die Abkürzung über die Reeperbahn nehmen mussten, was bei Atta immer größtes Unbehagen auslöste - sehr zum Gelächter seiner Mitstreiter.
Terrorzellen als Kindergarten?
Ein Psychologe der CIA hat sich eigens darauf spezialisiert, die Gruppendynamik solcher Zellen zu untersuchen. Terrorzellen haben dieselbe Gruppendynamik wie ein Herrenabend oder eine fünfköpfige Fußballmannschaft. Es gibt Konflikte, Freundschaft, Missverständnisse und Rivalitäten. Bei Terrorismus geht es um Ideologie. Aber es geht auch um richtige Arschgeigen.
Ist Lachen eine Therapie, mit schwierigen Themen besser zurechtzukommen?
Das kommt auf den Humor an. Man kann etwas vollständig negieren, indem man darüber lacht. Andererseits kann eine Komödie durchaus den Anstoß liefern, über bestimmte Dinge anders nachzudenken, als man es bislang gewohnt war.
Was soll das Publikum aus Ihrem Film mitnehmen?
Ich würde dem Publikum nie vorschreiben wollen, etwas aus meinen Filmen mitzunehmen. Für mich zählt immer nur, was mich selbst an einem Thema interessiert. Wer als Künstler gut sein möchte, kann sich nur nach seinem eigenen Interesse richten und darf nie auf das Publikum schielen. Wer auf Effekte setzt, macht keine Kunst, sondern er macht nur Propaganda.
Dieter Oßwald
