Der kanadische Autor Rawi Hage las auf der diesjährigen lit.COLOGNE aus seinem literarischen Debüt „Als ob es kein Morgen gäbe“ (DuMont), einem Roman über zwei libanesische Teenager, die sich im bürgerkriegsgeschüttelten Beirut der 80er Jahre durchschlagen. Melanie Raabe hat sich mit Rawi Hage unterhalten.

„Als ob es kein Morgen gäbe“ ist ein enorm temporeiches, spannendes, aber auch hartes Buch. Fiel es Ihnen leicht, es zu schreiben?

Emotional gesehen war es nicht einfach, aber in gewisser Weise kam es leicht aus mir heraus.

Würden Sie die Erfahrung als kathartisch bezeichnen?

Ein Stück weit schon. Ich glaube, es hat bei mir eine Weile gedauert, bis ich realisiert habe, was ich da geschrieben habe. Jetzt, da ich zurückblicke, reflektiere ich das Ganze mehr als damals beim Schreiben.

Sie sind bereits sehr jung nach New York gezogen. Inwieweit haben Sie die Ereignisse des libanesischen Bürgerkrieges noch miterlebt?

Der libanesische Bürgerkrieg hat ja mehrere Phasen durchlaufen – auch kürzlich noch, leider. Als der Krieg begann, war ich neun. Als ich wegging, war ich 18. Also habe ich gut neun Jahre Krieg erlebt. Aber das Buch ist nicht autobiografisch. Ich habe viel aus meinen Erinnerungen gezogen, aber ich war mir bewusst, dass ich ein literarisches Werk schrieb.

Ihr Buch wurde in der westlichen Welt ja sehr positiv aufgenommen. Allerdings sind wir nicht vertraut mit Krieg vor der eigenen Haustür. Wie kam der Roman denn beispielsweise im Libanon an?

Sehr gut, erstaunlich gut. Irgendwie steht das Buch der libanesischen Gesellschaft ja auch kritisch gegenüber, kritisiert den Krieg. Aber das Buch wurde gut aufgenommen. Obwohl einige große arabische und libanesische Zeitungen es ablehnten, gab es viel Lob. Das sage ich aber jetzt nicht nur, um mich selbst zu beweihräuchern. Das können Sie nachschauen bei Google. (lacht)

Wie sind Sie ausgerechnet nach New York gelangt?

Wie viele Leute in Konfliktregionen, vor allem junge Leute: Man will einfach nur weg. Und sobald dir ein anderes Land ein Visum ausstellt, gehst du einfach. Bei mir kam es so, dass die Vereinigten Staaten mir als Erste ein Visum gaben – und ich habe es genommen. Ich hatte es auch in Frankreich beispielsweise und in Skandinavien versucht.

Wenn es ans Schreiben geht, hat ja jeder Autor andere Vorlieben. Manche schreiben z.B. immer noch gern mit Bleistift. Wie schreiben Sie?

Ich habe eine furchtbare Handschrift. Wenn ich von Hand schreibe, kann ich das hinterher überhaupt nicht mehr lesen. Ich glaube, ich hätte noch nie etwas geschrieben, wenn der Computer noch nicht erfunden wäre. (lacht)

Gibt es bestimmte Zeiten am Tag, an denen Sie besonders kreativ sind?

Ja, am ganz frühen Morgen. Als ich „Als ob es kein Morgen gäbe“ geschrieben habe, bin ich um 4.30 Uhr aufgestanden, habe meinen Kaffee getrunken und zwei bis drei Stunden daran gearbeitet.

Haben Sie einen bestimmten Ort zum Schreiben? Wie sieht er aus?

Als ich den Roman geschrieben habe, hatte ich einen ziemlich zen-mäßigen Raum. Sehr minimalistisch. Ich hatte nur ein kleines Haus, einen Schreibtisch, ein Bett, einen Stuhl. Mittlerweile habe ich mehr Platz, viel mehr sogar. Ich habe viele Bücher, hinter mir, ja – hauptsächlich Bücher. Und ein Gemälde, ein großes Gemälde. Und ein paar kleinere Objekte, die von Wert für mich sind. Und natürlich den Computer.

Früher haben Sie als Fotograf gearbeitet. Sehen Sie Parallelen zu der Arbeit als Schriftsteller?

Ich kann nur über meinen eigenen Stil sprechen, aber ja, ich gehe wie ein Fotograf vor. Am Anfang, wenn ich eine Szene beginne, stelle ich mir mich selbst in einem gewissen Abstand zum Subjekt oder dem Raum, den ich kreiere, vor. Genau wie ein Fotograf. Der muss ja auch mittendrin sein. Deshalb fühle ich mich auch so wohl damit, in der Ich-Form zu schreiben. Ebenso wie ein Fotograf ist man da sehr präsent. Aber ich denke, ich habe mich von der Fotografie weg und hin zum Schreiben bewegt, weil ich das Gefühl hatte, dass in der Fotografie nicht genug Platz für eine längere Erzählung ist.

Würden Sie sagen, dass Sie versucht haben, die gleiche Geschichte zuvor über Ihre Bilder zu erzählen?

Ich glaube, das habe ich versucht. In dieser Hinsicht habe ich vielleicht versagt. Das ist mir nicht gelungen.

Sie haben eine Zeit lang als Taxifahrer gearbeitet. Wie war das?

Das war in Montreal, ich habe das zwei Jahre lang gemacht. Allerdings gab es Pausen dazwischen, das war eine flexible Angelegenheit. Ich habe nie wirklich darüber geschrieben. Könnte sein, dass ich das in meinem zukünftigen Buch mache. In meinem zweiten Roman ist eine Szene, zwei Seiten lang, in der ein Taxifahrer eine Geschichte erzählt. Ich wäre nicht überrascht, wenn irgendwann noch mehr dazu aus mir herauskäme. Es ist ein interessanter, aber auch sehr harter Job.

Haben Sie als Taxifahrer viele Geschichten zu hören bekommen?

Manche Leute benutzen dich als ihren Priester, wie bei der Beichte. Manchmal spielst du Psychiater oder Psychologe. Es gibt alles. Du kriegst die Betrunkenen und die Hyperintellektuellen und alles dazwischen.

Wollten Sie jemals Schriftsteller werden, als Sie noch klein waren?

Nein, ich war ein schlechter Schüler. Meine Freunde, die mit mir zur Schule gegangen sind, sind heute wirklich erstaunt, denn ich war immer das Kind, das in der Schule ganz hinten saß und viel blaugemacht hat. Aber ich hatte Glück, denn mein Vater war ein großer Leser und hat uns immer Bücher gegeben. Und während des Krieges gab es keine Elektrizität. Also sieht man nicht fern. Wir haben bei Kerzenlicht oder mit Hilfe von kleinen Laternen gelesen.  Das war eine der positiven Auswirkungen davon, diesen Krieg durchgemacht zu haben. Vielleicht die einzige.