(c)Angelika Maahn
Anlässlich seines neuen Albums „Vereinigte Staaten" (Rough Trade, VÖ: 19.3.) erzählt Wolf Maahn im Interview mit Sebastian Schmitz von der Entstehung seiner Songs.
Der Titel des neuen Albums lautet „Vereinigte Staaten". Sie sind bekannt für Ihr soziales Engagement. Inwieweit ist auch mit dem neuen Album eine soziale bzw. eine politische Botschaft verknüpft? Wahrscheinlich hat sich diesbezüglich in den letzten Jahren bei Ihnen einiges angesammelt, was Sie nun musikalisch verarbeitet haben.
Die Grenzen, was politisch ist und was nicht, sind ja oft fließend. Der Titel „Vereinigte Staaten" fiel mir bei einer Reise in die Arktis zum 78.° Breitengrad Nord ein. Nach einer Schlittenhund-Tour hatte ich Bilder der streitenden Huskies vor Augen, die uns treu ergeben waren, aber untereinander um den effektiveren Laufrhythmus kämpften. Wären Politiker so schlau wie diese Tiere, würden sie sich zusammenraufen, um die Erderwärmung entschlossener anzugehen. Das geht ja bekanntlich nur gemeinsam. Es geht um ein höheres Ziel, und dafür lohnt es sich, sich zusammenzuraufen und Gegensätze zu überwinden. Dieses Prinzip findet sich natürlich auch in Beziehungen. Es entstehen wunderbare und gleichzeitig schwierige Zusammenhänge zwischen Menschen. Darum dreht es sich sehr stark bei meinen „Vereinigten Staaten". Wir alle müssen im Kleinen wie im Großen Gegensätze überwinden, wenn es um ein höheres Ziel geht.
„Vereinigte Staaten" ist das erste Studio-Album mit neuen Songs seit sechs Jahren. Sie waren zwar alles andere als von der Bildfläche verschwunden, dennoch sind sechs Jahre eine lange Zeit für Ihre Fans. Hatten Sie vielleicht auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen, Ihre Fans so lang „auf Entzug" zu sehen?
Nee, da gab es ja das Live-Album, 74 Konzerte, eine Solo-Tour, meinen Schauspielausflug als Friedrich Schiller und zum Beispiel ein umfangreiches Songbook, das jetzt endlich erschienen ist und in das ich viel Zeit und Liebe investiert habe.
War diese kreative Pause vielleicht auch nötig, um neue Kraft und Ideen zu sammeln?
Ja klar. Es gibt immer Phasen, in denen man sammelt, und irgendwann muss es raus.
Stilistisch geht es, im Vergleich zum letzten Studioalbum „Zauberstrassen", wieder etwas bunter zu. Blues-Balladen, Reggae- und Soul-Grooves und einiges mehr. Was hat Sie bewogen, sich wieder etwas experimenteller zu geben bzw. sich genretechnisch etwas breiter aufzustellen?
Ich sehe das wie die Beatles, ich mache einfach, was mir Spaß macht, und diesmal ist es wirklich sehr abwechslungsreich. Es gibt Rocker, Groover, Schweber, heißt Balladen, und einige größere Soundabenteuer. Und dazwischen auch einige Schmunzler, wie einen Country- Song, und bei fast jedem Song gibt es einen starken Hook, einen starken Ohrwurm.
Der Song „Was dümmer macht" ist sehr humorig und ironisch. Er hat aber einen durchaus ernsten Hintergrund. Es geht um den Einfluss der Medien und der Prominenten auf das Selbstwertgefühl und das Selbstbild junger Frauen. Bringen Sie die einschlägigen TV-Sendungen richtig auf die Palme, und was raten Sie den vielen jungen Mädchen, die einem falschen Schönheitsideal hinterherlaufen?
Denen rate ich, sich selbst zu entdecken und nicht als Spiegelbild rumzulaufen. Dieser mediale Promikult ist ein Killing Joke und hat oft dämliche und geradezu verblödende Züge. Nicht zuletzt kann er sehr gefährlich sein.
In „NonStop Superflat PopUp Internet Show" nehmen Sie die Auswüchse des Web 2.0 ein wenig auf die Schippe. Ganz ohne die sogenannten neuen Medien kommen Sie selbst aber auch nicht aus. Immerhin betreiben Sie einen Blog, der sich bei Fans großer Beliebtheit erfreut. Ist das für Sie das höchste der Gefühle?
Nee, aber macht schon Spaß, ist eine wichtige Plattform, seit Rockmusik im Fernsehen so gut wie nicht mehr stattfindet. Es geht, wie immer, um die Dosis. Geben Sie mal bei Google „myspace addiction" ein und Sie wissen, was ich meine. Das ist in den USA ein neues Krankheitsbild.
Man spricht bei Ihrer Musik gerne von „erdigem Rock" und meint damit eine gewisse Bodenständigkeit, vielleicht auch Heimatverbundenheit. Ist das eine zutreffende Zuschreibung, mit der Sie leben können, oder fühlen Sie sich damit in eine Schublade gesteckt, in die Sie so nicht hingehören?
Ach ja, diese stereotypen Begriffe der Musikpresse sind nicht immer hilfreich. Aber erdig passt schon. Blues und schwarze Musik sind bei mir tief verwurzelt, und darauf bin ich stolz.
Die Tour beginnt schon im Februar, und ab dann jagt ein Termin den anderen. Bedeutet eine solche Tour Stress für Sie, oder sind die Live-Auftritte vor ausverkauftem Haus der eigentliche Grund, warum Sie Musiker geworden sind?
Ich habe mit neun Jahren meinen ersten Song geschrieben, der wollte raus. Und genau so ist es auch heute noch.
Sie sind seit über 25 Jahren im Musik-Geschäft, sei es als Produzent oder als Solo-Künstler. Wie hat sich Ihrer Meinung nach insbesondere der Markt für deutschsprachige Musik verändert? Finden Sie, dass Masse mitunter Klasse ersetzt hat, oder wäre das, auch in Zeiten unzähliger Casting-Shows, zu einfach und zu nostalgisch geurteilt?
Der Unterschied ist, dass es im Mainstream-Radio und -TV keine musikalische Vielfalt mehr gibt. Immer weniger Songs werden immer öfter gespielt. Und dass, obwohl es zehnmal so viele Sender gibt wie in den 80ern. Das führt dazu, dass Casting-Shows zunehmend auch für ernsthafte Künstler als letzte Startrampe gesehen werden. Aber die Form ist oft entwürdigend. Insgesamt sieht man da vor allem Leute, die in erster Linie berühmt werden wollen, womit, ist egal.
Am 20.3. spielen Sie im Kölner „Gloria". Das wird schon eine Art Heimspiel für Sie, oder? Schließlich sind Sie der Stadt und ihren Menschen auf vielfältige Weise verbunden.
Das wird ein Fest! Ich freue mich schon wie ein Kind. Das Album erscheint einen Tag vorher, und wir werden eine fette Party feiern!
Live: 20.3., 20h, Gloria
Karten unter www.koelnticket.de
