(c)Olaf Hein
Gentleman ist mit einem brandneuen Album zurück aus Jamaika.
Das Album ist fertig. Jetzt beginnt die Promotour. Was empfindest du als stressiger: die Produktion oder die Promotion?
Na ja, eigentlich kann man das nicht vergleichen. Beides ist irgendwie positiver Stress. Ich mache das ja auch gerne. Natürlich gibt es auch Momente, wo alles ein bisschen viel wird. Außerdem ist nach der Arbeit vor der Arbeit. Ich freue mich unheimlich auf die nun folgenden Live-Shows. Das ist meine Leidenschaft, und dann ist auch die Kraft dafür da.
Du hattest schon ein paar Nummer- 1-Hits. Was erwartest du diesbezüglich vom neuen Album?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, Chartpositionen interessieren mich nicht. Aber mir ist vor allem wichtig, dass die Leute, egal wo sie leben, das Album haben können. Ich war kürzlich in Südamerika unterwegs, in Gegenden, wo es zwar keine Plattenläden gibt, aber trotzdem jeder das Album kannte, aus dem Internet oder durch Mundpropaganda. Das ist auch ok. Aber ich glaube, dass, gerade was Amerika und Japan angeht, noch einiges möglich ist. Da ist, nicht nur was die Charts betrifft, noch Luft nach oben.
Deine Band heißt statt „Far East Band" nun „Evolution". Warum?
Im Kern ist es noch dieselbe Band. Der alte Name stammt von einem Drummer, der die Band verlassen hat. Daher brauchten wir einen neuen Namen. Und da ich mich immer weiterentwickeln will, schien mir der Name passend.
Im Vergleich zu deinen vorherigen Alben hat „Diversity" mehr elektronische, schnellere Nummern.
Ich hatte immer schon Bock auf Up-Tempo-Nummern, wie z.B. bei meinen Songs „Leave Us Alone" oder „Runaway", die schon früher da waren. Aber mein Hauptding waren immer Roots-Reggae Tracks, d.h. handgemachte, live eingespielte Tunes. Das war meine erste Liebe und wird auch meine letzte Liebe sein. Aber ich habe bei der Produktion von „Diversity" einfach den Drang verspürt, Sachen auszuprobieren, die ich vorher nicht gemacht habe. Sonst besteht immer die Gefahr, dass man sich im Kreis dreht. Ich finde auch, jedes Album sollte sich von seinem Vorgänger unterscheiden. Aber ich bin selbst überrascht, wie viele Songs auf dem Album sind, die, zumindest nach Kritiker-Meinung, nicht unbedingt als typisch für Gentleman gelten.
„Diversity" bezieht sich nicht nur auf die gerade angesprochenen verschiedenen Styles, sondern hat noch andere Ebenen, oder?
Ich sehe mich selbst als den roten Faden des Albums und hatte diesmal nicht die Berührungsängste, die ich bei früheren Alben verspürt habe. Ich habe auch ein gewandeltes Albumverständnis. Früher fand ich, dass ein Album entweder Roots-Reggae oder Electro-Dancehall sein musste. Diesmal habe ich einfach das gemacht, worauf ich Bock hatte. Ich bin montags aufgestanden und hatte tierisch Bock, 'ne Up-Tempo-Nummer zu machen. Dienstags war es dann das Roots-Dub Stück, mittwochs ein HipHop-Track und donnerstags eine akustische Ballade. Thematisch spielt der Albumtitel auf die verschiedenen Kulturen an, die ich auf meinen vielen Reisen kennengelernt habe. Egal, ob Afrika, Amerika oder eben Jamaika. Den gemeinsamen Nenner zu sehen, trotz verschiedener Ansichten, das ist das Allerwichtigste. Deshalb gefällt mir auch der Ausspruch von Barack Obama so gut: „What binds us together is greater than what drives us apart." Das ist der Grundton des Albums. Wir sollten an den Gemeinsamkeiten festhalten, auch wenn wir die Differenzen immer haben werden.
Siehst du die Zukunft eher positiv oder eher negativ?
Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass wir noch heil aus allem rauskommen. Trotzdem bin ich Idealist, der an das Gute im Menschen glaubt. Außerdem glaube ich an Gott, wenn man ihn als den Willen zum Gerechten sehen möchte. Auf der anderen Seite bin ich in den vergangenen Jahren immer mehr zum Pessimisten geworden und glaube immer weniger, dass eine perfekte Welt möglich ist. Die Ignoranz, die der Mensch, neben dem Guten, ebenfalls in sich trägt, führt immer wieder dazu, dass Kulturen und Zivilisationen untergehen. Das ist ein Kreislauf. Vielleicht ist das alles von einer höheren Instanz so gewollt. Aber das werden wir dann vielleicht irgendwann später erfahren. Ich habe inzwischen aufgehört, auf alle Fragen eine Antwort haben zu wollen.
Am 6. Mai bist du im Palladium. Worin unterscheidet sich ein Gig in Köln von einem in Kingston?
Kingston ist viel schwerer zu knacken. Das ist eine Stadt, in der jeden Abend qualitativ gute Konzerte gespielt werden. Dadurch haben die Leute eine gewisse Sättigung und ein hohen Anspruch. Zu Köln gibt es ein paar Parallelen, z.B. was den Klüngel angeht. Außerdem finde ich, dass die Mentalität der Rheinländer und der Jamaikaner sehr ähnlich ist. Ein Konzert in Köln ist natürlich immer etwas Besonderes für mich. Aber man kann, egal, wo man auftritt, niemals sagen, wie die Leute mitgehen. Das hängt ja auch immer vom Künstler selber ab.
Sebastian Schmitz

Album: Diversity (Island/Universal), VÖ: 9.4.
Live: 6.5., Palladium, Karten unter www.koelnticket.de
