(Foto: Nicholas Lorden)
Nachdem die Fans bemängelten, die letzten Alben ihrer schottischen Lieblinge seien „so glatt, dass man darauf ausrutscht“, entdecken Travis mit ihrem sechsten Album „Ode to J. Smith“ den Rock ’n’ Roll wieder. Sänger Fran Healys sagt, warum.
Fran, eure Fans beklagen sich in Internetforen, eure letzten Alben klängen, als hättet ihr „das gleiche Album dreimal hintereinander aufgenommen“. Haben die Recht?
Wer das so sagt ist – mit Verlaub – ein Arschloch. Ich weiß nicht, welche Alben die meinen? „12 Memories“ und „The Boy with No Name“ finde ich persönlich sehr verschieden – das eine sehr düster, das andere philosophisch. Aber davon abgesehen kannst du als Musiker auch nicht darauf hören, was Fans sagen. Du musst machen, was in dir steckt.
Dann standest du zuletzt anscheinend ordentlich unter Strom. „Ode to J. Smith“ ist laut, rau und elektrisch. Die Rückkehr zum Rock ’n’ Roll?
Stimmt. Das ist auch eines der häufigsten Komplimente, die wir bekommen: Nach Konzerten, besonders Festival-Gigs, kommen viele Leute zu uns und schwärmen: „Ich war nie Fan von euch, aber dieser Gig war großartig. Ich dachte immer, ihr seid ganz anders!“ Okay, ich weiß schon, dass wir auf unseren Platten immer ein bisschen brav und nett rüberkommen. Live sind wir deutlich rauer.
Oasis haben gerade behauptet, der Rock ’n’ Roll dürfe nicht nett sein, er müsse laut, frech und unanständig sein. Seid ihr zu brav dafür?
Hör dir unsere ersten Alben an: Wie kamen wir da rüber? Einfach als Mittelklasse-Typen, die Musik machen. Hör dir die Rolling Stones an: Auch Mittelkasse-Typen mit durchschnittlicher Schulbildung. Also normale Kerle mit stinknormalen Leben. Wenn du mich privat kennen würdest, würdest du feststellen, dass ich nicht immer ein nettes, freundliches Kerlchen bin. So wie jeder habe ich auch meine dunklen Seiten.
Komm, du hast doch das Image, total lieb und nett zu sein. Mal ehrlich: Reizt es dich nicht mal, so eine richtige Rock-Diva zu sein?
Ich bin Schotte. Wir sind nicht so drauf, das liegt uns nicht im Blut. Warum sollte ich cool, eklig und unhöflich zu anderen Leute sein? Da fehlt mir der Sinn dahinter. Ich denke, Popstars, die eklig drauf sind, sind einfach nur verdammt unsichere, dünnhäutige, sensible Psychos. Deshalb reagieren sie so beschissen. Okay, auch ich habe meine Momente. Aber selten in der Öffentlichkeit. Ich bin eben stinknormal.
So wie die Allerweltsfigur, die du in „Ode to J. Smith“ besingst?
Genau. Smith ist ein Charakter, der in verschiedenen Songs immer wieder auf dem Album auftaucht. Ich hatte von einem Typen in den USA gelesen, der versucht hatte, sich umzubringen, der es sich dann zum Glück anders überlegt hat – und dann ist er verunglückt. Da hat das Schicksal für ihn entschieden. Tragisch, oder? Ich wollte diesen Typ einfach durch ein paar Songs sprechen, ihn noch ein bisschen Spaß haben lassen.
Du hast fast alle Songs im Alleingang geschrieben. Hast du die Nachbarn deiner neuen Wahlheimat Berlin in den Wahnsinn getrieben, beziehungsweise deinem kleinen Söhnchen Clay den Mittagsschlaf geraubt?
Clay liebt es, wenn ich Gitarre spiele! Er sagt immer: „Papa - Album!“ (lacht) Er mag Musik. Er steht besonders auf Schlagzeug. Da sagt er immer „Boom-Boom“. Und die Nachbarn sind okay.
Wie hat sich dein Leben durch Clay verändert?
Alles hat sich verändert. Und doch wieder nicht. Ich habe die Theorie, dass du immer der gleiche Mensch bleibst, der du schon mit zwölf Jahren warst. Du veränderst dich nicht mehr großartig. Es sei denn, irgendwas Grausames passiert dir, irgendeine traumatische Erfahrung. Aber deine Eltern erziehen dich, und bis du vielleicht acht bist, ist das super prägend. Da bist du bereits der Typ, der du dein ganzes Leben lang sein wirst – mit allen Höhen und Tiefen, allen Ängsten und Bedenken.
Und was ist mit der Entwicklung der Persönlichkeit?
Die passiert in anderen Bereichen. Meine Theorie ist, dass du mit zwölf also bereits geprägt bist und dann deine Pubertät mit der Rebellion dagegen verbringst. Dann kommen die Zwanziger, in denen du Eindrücke sammelst und du dich finden willst. Dann kommen die Dreißiger, wo du dann meist bitter erkennst, was für ein stinknormaler Duchschnittsarsch du eigentlich bist. Diese Reise auf der Suche, wer du eigentlich bist, ist dann die Entwicklung.
Die du jetzt im „Song to Self“ formulierst?
Dahinter steht die Idee, dass du aufbrichst und die Nachricht hinterlässt: „Wenn du diese Zeilen liest, bin ich bereits unterwegs ...“ Nur an dich selbst adressiert. Dahinter steht die Metapher des Lebens, von der Lebendigkeit, dein eigenes Ding zu machen, etwas für dich ganz allein. Doch ganz am Ende steht die Erkenntnis: Egal, wie wichtig diese Erfahrung ist – es ist noch viel schöner, sie mit jemand anderem zu teilen. Es geht also um Unabhängigkeit, Beziehung, Freundschaft.
Hat sich auch in deiner Betrachtung der Außenwelt etwas verändert?
Ich stehe der Welt noch genauso staunend gegenüber, bin aber heute weniger tolerant gegenüber Dingen, die unnötig und ungerecht sind. Ich bin mir bewusster denn je, wie unsere Welt funktioniert. Wir stecken fest. Und wir versinken. Und wir haben keine Superhelden, die uns retten.
-Stefan Woldach
