Foto: Marc TheisFoto: Marc Theis

Deutschlands international erfolgreichste Rockband Scorpions hat ihren Abschied von der Bühne angekündigt und befindet sich derzeit auf einer dreijährigen Welttournee, die sie auch nach NRW führt. Es ist also an der Zeit, die beeindruckende Geschichte der Hannoveraner Hard-Rocker noch einmal Revue passieren zu lassen.

Fotos der großen weiten Rockmusik-Welt sah man auch 1985 schon im Breitbild-Format - allerdings nicht auf einem 27-Zoll-Flachbildschirm, sondern auf einem Stück gefalteter doppelwandiger Pappe mit siebzig Zentimeter Bild-Diagonale. Was das Seltsames sein soll? Vinyl-Sammler kennen die Antwort vielleicht schon: Ein aufgeklapptes Doppel-Album; nicht auf CD, sondern auf Langspielplatte. 1985 eben. Denn gerade war mit „World Wide Live", dem zweiten Live-Album der Hannoveraner Band Scorpions, ein Meilenstein der Konzert-Mitschnitte erschienen. Und wenn man „World Wide Live" aufklappte, sah man in wide screen das Bild vierer Musiker auf einer Bühne und vor ihnen ein unermesslich scheinendes Meer aus Fans. Dieses Foto bringt Status und Erfolg der Band wie kein anderes auf den Punkt: Die Scorpions hatten gerade ihren großen internationalen Durchbruch geschafft. Von jetzt an waren sie weltweit wirkliche Rock-Superstars. 1983 waren die fünf als Headliner beim „US-Festival" in Kalifornien vor 325.000 Menschen aufgetreten, und bei „Rock in Rio" 1985 sogar vor 350.000 Menschen - in Sachen Besucherzahl fehlte hier gerade mal eine einzige Arena, um mit dem legendären 1969er Woodstock-Festival gleichzuziehen.

Fleiß als Bandmotto

Doch auch für die Hannoveraner Rocker, die unter anderem mehrfache Preisträger des „World Music Award" sind und mittlerweile ihre Handabdrücke auf dem „Rock Walk of Fame" neben denen von Led Zeppelin, Elvis Presley und Jimi Hendrix haben, war aller Anfang schwer. Zum Glück hatten die Skorpione ein ebenso einfaches wie Mühsal versprechendes Bandmotto, das sie schließlich zum Erfolg führte. Es hieß: „Überall spielen, wo eine Steckdose ist!"
Die Erfolgsgeschichte der 1965 ins Leben gerufenen Scorpions beginnt mit dem Zusammentreffen von Gitarrist und Scorpions-Gründer Rudolf Schenker und Sänger Klaus Meine im Dezember des Jahres 1969. Das kreative Musiker- und Autoren-Gespann schafft das englischsprachige Hard-Rock-Material, welches der Band unter anderem Auftritte als Vorgruppe von „Uriah Heep" und Rory Gallagher ermöglicht. 1972 erscheint mit „Lonesome Crow" das erste Debütalbum der Scorpions, und ab jetzt geht es steil aufwärts: 1973 gehen die Hannoveraner mit den Glam-Rockern von The Sweet auf ihre erste Europa-Tournee, 1975 ziehen sie wiederum durch Europa, diesmal allerdings mit der Kultband Kiss - und zwar als deren Co-Headliner. In Deutschland sind sie inzwischen ganz vorne angekommen: Das vierte Album „Virgin Killer" (1976) wird zur „LP des Jahres" gewählt. Doch nicht nur hierzulande, sondern vor allem in Japan, aber auch in Großbritannien und den USA haben die Scorpions sich eine große Fan-Gemeinde erspielt. Wie angesehen die deutschen Rocker selbst unter Kollegen waren, zeigt sich daran, dass laut Rudolf Schenker der später als „Gitarrengott" verehrte Edward Van Halen während der Anfangszeit von Van Halen Ende der 1970er Jahre bei Live-Auftritten Scorpions-Songs coverte.

Vom Opening-Act zum Headliner

Spielen die Scorpions 1979 noch als Opening Act für „AC/DC" und „Aerosmith", hat sich wenige Jahre später das Blatt gewendet und Bands wie Iron Maiden, Bon Jovi und Metallica treten nun umgekehrt auch in Übersee als Vorgruppe der Scorpions auf. Die Zeit des weltweiten Marathon-Tourens ist gekommen. 1988 spielen die Musiker um das Kern-Trio Klaus Meine (Gesang) und die Gitarristen Rudolf Schenker und Matthias Jabs sogar als erste internationale Rockband zehn ausverkaufte Konzerte hinter dem Eisernen Vorhang in St. Petersburg, dem damaligen Leningrad, und initiierten damit das 1989er „Moscow Music Peace Festival". Und dann kommt natürlich auch der „Wind of Change" in den Westen: 1991 platzierte die Band das erfolgreichste Album („Crazy World") und mit „Wind of Change" die weltweit erfolgreichste Single: Diese Ballade steht in diesem Jahr in elf Ländern auf Platz eins der Charts.
Auch wenn die Scorpions sich im neuen Jahrtausend einem Crossover-Projekt mit den Wiener Philharmonikern („Moment of Glory", 2000) widmen, bleiben sie in der Folge doch ihrem Stil treu, der sie zur weltweit erfolgreichsten deutschen Rockband machte: hochqualitativem und meisterhaft gespieltem Power-Rock in Stadion-Optik, -Show und -Sound, gepaart mit teils akustisch instrumentierten Rock-Balladen.

Das Ende der Tour

„Die Scorpions sind eine Band, die von Anfang an ihren Platz auf der Bühne gesehen hat - in den größten Stadien und Arenen", erzählt Leadsänger Klaus Meine im Jahr 2010, etwa zu der Zeit, als die Band auch ihre Auflösung ankündigt: „Wir wollen die außergewöhnliche Scorpions-Karriere mit einem Höhepunkt zu Ende bringen." Und der letzte Stich des Skorpions naht.
Mitte der 80er, in einer Zeit, in der die Scorpions ganz oben waren, spielten sie eine zweieinhalb Jahre dauernde Tour. Und auch nach 24 Alben - darunter ihr Abschiedsgeschenk an die Fans aus dem letzten Jahr mit dem Titel „Comeblack" - sowie mehr als vierzig gemeinsamen Band-Jahren von Sänger Klaus Meine und Gitarrist Rudolf Schenker tritt die Band nicht kürzer. Im Gegenteil: Wenn die aktuelle World-Tour sie am 15. Dezember 2012 nach Oberhausen führt, waren die Scorpions sogar sage und schreibe drei Jahre unterwegs.
Die Tour zum anfangs beschriebenen Breitbild-Foto hieß „Love at First Sting", die laufende Tournee nennt sich „The Final Sting". Die Scorpions verabschieden sich also, wie sie vor mehr als einem Vierteljahrhundert zu globalem Ruhm aufgestiegen sind: mit einem rockigen Stich und weltweit live. Hier schließt sich vorerst der Kreis. Ob die alten Hasen im Rockgeschäft es allerdings tatsächlich schaffen, der Bühne endgültig fern zu bleiben, bleibt abzuwarten ... Sascha Kinzler

Scorpions: „The Final Sting - Tour 2012", 15.12.,19.30h, König-Pilsener-ARENA, Oberhausen, Karten: www.koelnticket.de
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