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Farin Urlaub, Bela B. Felsenheimer und Rodridgo González sind dem Haudrauf-Punkrock längst entwachsen, aber die nonkonformistische Haltung zur Musikbranche haben sie sich trotzdem bewahrt. Mit dem Album „auch" wollen sich Die Ärzte musikalisch einmal mehr neu erfinden. Olaf Neumann sprach mit Farin Urlaub alias Jan Vetter (48).

Das neue Album heißt „auch". Wie kommt man auf einen solchen Titel?

Bela hat sich vehement für diesen Namen eingesetzt. Die Idee dazu kam ihm, nachdem er immer wieder an Werbeplakaten für Alben von anderen Bands vorbeigegangen war. Irgendwann dachte er sich: Wie toll wäre es doch, wenn daneben ein Plakat hinge mit dem Text: „Die Ärzte auch". Damit hat er uns dann überzeugt.

Versuchen Sie, die Band mit jedem Album neu zu erfinden?

Wenn man so will, erfinden wir uns mit jedem Lied neu. Es gibt ein paar Die-Ärzte-Songs, die klingen wie andere Die-Ärzte-Songs, aber der größte Teil klingt eben anders. Das sind singuläre Ereignisse, bei denen man vielleicht noch unsere Stimmen zuordnen kann. Wir sind ja nicht Madonna, wir sind immer noch die drei „Piepels" aus Berlin, die ihre seltsame Musik machen.

Bei Madonna nimmt der Jugendwahn immer bizarrere Züge an. Machen Sie sich Gedanken über Ihr Aussehen?

(lacht) Nein, wir sind ja auch Männer. Das Aussehen steht für uns nicht im Vordergrund. Ich bin fast 50, aber ich sehe älter aus. Wir machen unsere Musik und versuchen nicht zwanghaft, Teenie-Sprache zu imitieren. Das Album heißt weder „LOL" noch „ROFL", und wir singen auch nicht über Pickel. Es ist einfach unsere Art von Erwachsenenalbum. Immerhin ist ein religionskritisches Stück drauf.

Ich vermute, Sie stehen jeglicher Religion eher kritisch gegenüber?

Das kann man so sagen. Ich bin kompletter Agnostiker. Gott müsste sich mir schon beweisen, wenn er will, dass ich an ihn glaube.

Wird es schwieriger, Themen zu finden, über die Sie noch nicht geschrieben haben?

Ja. Natürlich könnte ich jetzt einfach den Duden aufschlagen und sagen: „Hier: Ich habe noch kein Lied über Pleonasmen geschrieben!" Aber so möchte ich nicht enden. Es gibt viele Lieder von mir, die sich mit Liebe befassen. Das ist halt ein Feld, das man unheimlich gut beackern kann. Manchmal, wenn ich die Musik für einen Song geschrieben hab, stelle ich mir die Frage: „Und was singe ich jetzt dazu?"

Die Ärzte sind eine Band mit drei gleichberechtigten Musikern und Songschreibern. Kommt es bei der Songauswahl zuweilen zu internen Machtkämpfen?

Machtkampf wäre übertrieben. Wir haben diesmal eine positive Auswahl getroffen. Ich war nur überrascht, dass Bela und Rod keinen einzigen meiner ernsthaften Songs genommen haben. Ich dachte, dass die anderen durchdrehen werden, so gut fand ich die. Aber: „Nee, woll'n wa nich." Warum auch immer, sie haben es mir nicht erklärt. Ich bin trotzdem glücklich mit dem Ergebnis.

Der Eröffnungssong heißt „Ist das noch Punkrock?". Manche Fans meinen, Sie seien nicht mehr punkig genug. Stellen Sie sich diese Frage manchmal selbst?

Nein. Für uns ist Punkrock spätestens seit Ende der 1980er Jahre kein Thema mehr. Es ist die Musik, mit der wir sozialisiert wurden und die ich immer noch unglaublich gerne höre. Sie gibt mir viel Energie. Wir haben uns gegründet als Teenie-Pop-Band und sind dann immer mehr in den Rock abgedriftet. Ich bin fast 50 und habe ausreichend Geld. Außer unserer Attitüde ist da nicht mehr viel mit Punkrock. Es wäre peinlich, wenn wir uns noch an eine Szene klammern würden, der wir längst entwachsen sind.

Wie muss das Umfeld beschaffen sein, in dem Sie das Gefühl haben, das Beste aus sich rausholen zu können?

Wir sind eine extrem familiäre Band. Unsere engsten Crew-Mitglieder sind zum Teil schon seit Dekaden dabei. So ähnlich ist das auch bei unserem kleinen Label. Wir versuchen möglichst mit denselben Leuten zusammenzuarbeiten. Wenn es zu einer Neuveröffentlichung personelle Umbesetzungen gibt, gucken wir, dass wir uns erst mal kennenlernen.
Bands, heißt es, seien oft wie alte Ehen. Wie schafft man es, dass man den Kreativpartner nach Jahrzehnten noch spannend findet?
Das Maß aller Dinge ist der Tag, an dem wir uns gegenseitig die Demos vorspielen. Wenn dann die anderen kopfschüttelnd dasitzen, lachend zusammenbrechen oder sonst wie überrascht sind, ist das Ziel erreicht.

Die Messlatte liegt bei Die Ärzte also sehr hoch?

Die höchste, die es gibt. Das Überraschen ist extrem schwierig, wenn du jemanden schon seit über 30 Jahren kennst. Cool ist es, wenn man trotzdem noch etwas ausgräbt und der andere sagt: „Verdammt, wo kommt denn das jetzt her?" Einer der Gründe, warum uns diese Band überhaupt noch so viel Spaß macht, ist, dass wir uns nie auf etwas ausruhen können.

Das Lied „Cpt. Metal" handelt von einem Superhelden, der angetreten ist, die Musikwelt zu retten. Ist die alternative Musikszene mittlerweile nicht genauso kommerzialisiert wie der Mainstream?

Das kommt drauf an, wo du deine akustischen Informationen her hast. Das, was im Radio läuft, hat zwar oft das Label „Alternative", aber es ist ja nicht alternativ. Es ist von Majorlabels gepushte Musik, die nach bestimmten Strickmustern funktioniert. Es gibt zum Beispiel Rock-Ladys, die singen in so einem rockigen Stil. Die haben alle dieselbe Stimme. Furchtbar! Da ist man echt dankbar für eine wie Amy Winehouse, die mehr Rock'n'Roll war als diese ganzen hochtoupierten Grütz-Mädels. Dass sie dann schon wieder so viel Rock'n'Roll sein musste, dass sie sich in so jungen Jahren das Leben weggedrogt hat, ist natürlich schade.

die ärzte auch

Die Ärzte: auch (Hot Action Rec./Universal); live: 27.6., LANXESS arena (ausverkauft!)