Foto: Billy & Hells www.billyundhells.de
Nach drei Jahren Babypause, in der Wir-sind-Helden-Sängerin Judith Holofernes und Schlagzeuger Pola Roy Eltern von Sohn Friedrich und Tochter Mimi wurden, kehren die ECHO-Gewinner mit ihrem vierten Studioalbum „Bring mich nach Hause" zurück. Stefan Woldach sprach mit der sympathischen Sängerin über die Schwierigkeit, einen Zoo zu finden, und Lieblingsserien.
Was bedeutet angesichts des Albumtitels der Begriff Zuhause für dich?
Das ist für mich ein Refugium, ein Rückzugsort, von dem ich hoffe, ihn mir selber schaffen zu können. Denn real ist ein kontinuierliches Zuhause auf Tour ja nicht möglich. Die Sehnsucht nach einem realen Zuhause ist immer da, weil ich immer angewiesener bin auf einen inneren Rückzug, je weniger ein äußeres Zuhause möglich ist, da wir so viel unterwegs sind.
Du sagst nach fast zehn Jahren unterwegs und des „ständigen Befundenwerdens" war es an der Zeit, zu sich selbst zu finden. Was hast du dabei erkannt?
Etwas ganz Schwieriges. Ich hatte das schon geahnt. Aber in so einer Pause zeigt sich das dann: Ich bin nur teilweise für den Erfolg gemacht. Und „teilweise" ist meine Position schwierig, denn es geht in einer Band nur ganz oder gar nicht. Es ist auch schwierig, weil ich Teile des Erfolges genieße. Es ist ja ein Kindheitstraum von mir, dieses Leben zu führen.
Wann merkst du, dass du nicht für das Showgeschäft geschaffen bist?
Schwierig ist dieses permanente Gespiegeltwerden, dieses ständige Im- Außen-Sein, bewertet und dann schließlich auch „befunden" zu werden. Was für mich schwierig ist, weil ich wie alle Menschen auch auf Zuneigung angewiesen und in dieser Hinsicht manchmal nicht so abgebrüht bin, wie ich es gerne wäre. Ich bin sehr empfindlich. Mir ist überhaupt nichts egal. Ich kriege vieles mit. Und mir ist manchmal die Fülle und Lautstärke an Feedback aus der Welt da draußen einfach zu viel.
Inhaltlich ist das Album oft bedrückend. Der Song „Meine Freundin lag im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt" basiert auf einer wahren Begebenheit. Ist bei so einer einschneidenden Situation Humor dein Weg, dem Schmerz zu begegnen?
Ich habe das so geschrieben, wie ich es schreiben musste. Ich hatte schon beim Schreiben gemerkt, dass das eigentlich zu krass ist. Irgendwann dachte ich, durch die absurde Herangehensweise mich aber einer Wahrheit genähert zu haben, die es wert sei, rausgelassen zu werden - nämlich einen Schockzustand zu beschreiben, der ja mitunter absurde Blüten treibt. Im Schock laufen auch sehr unangemessene Gefühle ab: Mitgefühl, Angst, auch egoistische Gefühle von Nicht-wahrhaben- wollen und Anschimpfen gegen die Vergänglichkeit und deren generelles Arschlochsein. Wir haben den Song dann später unserer Freundin vorgespielt, und sie fand ihn lustig und traurig zugleich. Genau das war es, was ich ausdrücken wollte.
Du analysierst, das Album sei generell „weniger Haha, mehr Hm."
Ja. Wir hoffen generell, dass wir diesmal schlauer sind und manche Dinge anders gestalten können. Ein Großteil der Blessuren, die wir uns zugezogen haben, stammt aus der Zeit, in der wir unbedingt alles selbst herausfinden wollten. Das wissen wir nun. Jetzt wird sich zeigen, ob wir schlauer sind.
Etwa wie beim letzten Album euer Söhnchen Friedrich auf Tour mitzunehmen? Ihr habt diesmal auch noch Töchterchen Mimi dabei.
Nun, Friedrich ist älter, das macht einiges einfacher, anderes auch schwieriger. Er hat jetzt eine Meinung, ihm ist nicht mehr alles Wurst, Hauptsache Mama und Papa sind da. Ich hoffe, dass das mit Mimi einfach gehen wird. Allein weil ich jetzt auch weiß, dass es für ein Kind in diesem Alter noch relativ verschmerzbar ist und es noch recht unabhängig von äußeren Orten ist. Für Friedrich werden wir dagegen diesmal einen größeren Aufwand betreiben müssen, um ihm die Tour irgendwie zu verkaufen.
Inwiefern?
Diesmal wird das Problem sein, in jeder Stadt, in der wir spielen, einen Zoo zu finden oder ein Technikmuseum. Wir müssen uns gut vorbereiten.
Und was gönnst du dir?
Im Moment wahnsinnig wenig, weil ich all meine Freizeit mit den Kindern verbringe. Aber was Pola und ich uns gönnen - und dafür auch Verluste in Kauf nehmen - ist unanständig lange Fernsehserien gucken, abends, auf DVD. Und weil ich beschlossen habe, hormonell nicht zu zart besaitet zu sein, schauen wir jetzt in einem rasenden Tempo alle Folgen von „Lost", was für unser Schlafpensum völlig unangemessen ist. Aber das ist ein Abwägen: Wir haben da ein gemeinsames Hobby - dafür schlafen wir halt noch weniger! (lacht)
Ein deutschsprachiges Album mit einem englischsprachigen Produzenten (Ian Davenport, u.a. Badly Drawn Boy, Athlete) aufzunehmen, scheint gewagt.
Wir waren anfangs ganz unbefangen und dachten, wir machen damit eine Tür nach Europa auf, hatten allerdings nicht bedacht, was das für eine Band wie uns bedeutet. Am Ende war Ian der Bedenkenträger, weil es ihm wichtig ist, sensibel mit Inhalten umzugehen. Er befürchtete, das hier nicht zu können, weil er kein Wort versteht.
Wie habt ihr das gelöst?
Ich habe zunächst alle Texte übersetzt und selbst Fußnoten ergänzt: In Deutschland bedeutet das dieses und jenes ... Prompt mussten wir Ian im letzten Moment zurückpfeifen, weil er für einen Song eine Aufnahme ausgewählt hatte, in der ich Quatsch singe. Wir hatten gar nicht bemerkt, dass ich statt „schlag mich nieder" „schlag mich wieder" singe - ein gewichtiger Unterschied.
Wir sind Helden, 31.10. (ausverkauft) & 1.11., 20h, E-Werk, Karten unter www.koelnticket.de
