„Babylon bei Boot“ heißt das neue Album der Berliner Gyp-Hop-Band Die Ohrbooten. Sascha Kinzler sprach mit Sänger Ben über Tour und Platte.

Ihr kommt ja von der Straße. Andere Bands sind  froh, wenn sie endlich da weg sind, aber ihr spielt noch mit Leidenschaft in Fußgängerzonen – was ist an Straßenmusik so besonders?

Dass man mit den Leuten auf einer Höhe steht. Es gibt keine Trennung zwischen Licht, Krach, Nebel, Sound usw., sondern man kann sich alles ganz normal angucken. Das nimmt einerseits den Zauber, die Illusion, gibt dem Ganzen aber andererseits den Charme und die Magie, um die es eigentlich gehen soll: nämlich um ganz simple, handgemachte Musik, die nachvollziehbar ist. So dass die Zuhörer denken: „Ey, cool, das könnt’ ich ja eigentlich auch machen, das ist eigentlich gar nicht so krass“. Oder man denkt: „Oh nee, das ist doch eigentlich viel zu crazy!“ Auf der Straße zu spielen gibt dem ganzen einfach was sehr, sehr Bodenständiges im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt auch keinen Plan: wenn wir auf der Strasse anfangen, gibt’s keine Set-List. Das ist so: „Ey, wir machen hier Mucke!“, da ist man ganz cool und labert halt ein bisschen mehr Scheiße und man fühlt sich einfach auch freier auf der Strasse – es gibt hier weniger Druck.

Auf eurer Homepage bietet ihr euren Fans ja auch an, euch Fotos von Orten oder Fußgängerzonen zu senden auf denen ihr dann spielt, wenn es euch gefällt – wie kamt ihr denn auf die Idee?

Wenn wir so herumfahren durch die deutschen Lande und zu den Festivals, passiert es, dass manchmal einfach so’n Zeitfenster haben, wo man denkt: „Hey, wir haben vier Stunden – sollen wir nicht mal in die Innenstadt fahren und hier  Strassenmucke machen? Ja, aber wo genau?“. Und dann ist es halt so, wenn du insgesamt vier Stunden hast, dann brauchst du schon ungefähr eine halbe Stunde für den Hinweg. Dann noch ausladen und aufbauen, dann spielst du und wirst als erstes einmal weggeschickt. Und dann kannst du’s halt voll vergessen, dann ist deine Zeit eigentlich schon wieder um. Wenn wir diese Plätze dann aber schon kennen, sind wir klar im Vorteil. Dann kann man selbst bei zwei Stunden, drei Stunden Luft mal sagen: Komm, wir spielen ein Set! Das war so der Sinn und Zweck der ganzen Aktion.

Und in welchen Städten habt ihr bis jetzt die besten Plätze zum Spielen gesehen? Außer in Berlin natürlich?

München, Englischer Garten, war super gut, in Wien waren wir in so einem Park,  das war auch cool, und in der Schweiz, am Zürisee in Zürich. In Hamburg haben wir einfach in der Schanze gespielt. Und in Köln waren wir ja noch nie, da wollten wir hin – aber da hat es dann geregnet an dem Tag. Das ist halt auch so’n Ding bei Straßenmusik, du bist halt extrem wetterabhängig.

Da liegt ihr ja auch diesmal nicht so gut: Im November spielt ihr im Primeclub, da ist das Wetter ja auch nicht mehr ganz so gut für’n Straßen-Gig …

Ja, einerseits geht es natürlich um uns und unsere Hände und die Instrumente …okay, da könnt’ man ja noch drauf scheißen, aber vor allem ist es so, dass niemend stehen bleibt, wenn es kalt und nass ist.

Wie bringt ihr die Passanten überhaupt zum Anhalten? Gibt’s da irgendwie einen Trick oder habt ihr so’n Ritual?

Ja, also, wir haben zwei Umhänge-Keyboards und eine Kiste, da stehen jetzt nicht irgendwelche Leute mit Trompeten und catchen und so. Deshalb ist die erste Reaktion von Passanten  erst mal: „Öeh, wat machen die’n da? Dit is ja irgendwie allet anders …“ Und dann stehen da auch noch die fetten Verstärker und so junge Freaks. Wir machen erst mal so schon mal Optisch einen anderen Eindruck als andere Straßenmusiker.  Das Ergebnis ist oft: Wir bauen alles auf und bevor wir die erste Note gespielt haben, stehen da schon 50 Leute. Und die anderen Leute fragen sich dann, warum die denn da stehen. Und dann fangen wir an zu spielen und machen den Freestyle. Etwa so:  „Ey. du da in der roten Jacke, jetzt bleib mal stehen und gib mir deine Patte!“. Und dann denken die alle: „Öeh, krass!“ –  vor allem für die, die das nicht kennen, ist das der volle Flash. Wir machen auf diese Weise halt auch viel Entertainment. Das geht dann schon so weit, dass, wenn wir auf einem Flohmarkt speilen, jeder mal hochhalten soll, was er so eingekauft hat – und dann bauen wir das in den Text ein. Wir probieren immer, auf die Situation einzugehen, die gerade da ist.

Der Titel der Platte „Babylon bei Boot“ bezieht sich ja auf Marleys legendäres Album von 1978. Wo siehst du da Parallelen?

Die größte Parallele dazu ist vielleicht, dass „Babylon bei Bus“ – eine hammergeile Platte! – eine Live-Scheibe ist und wir definitiv eine Band sind, die live ihre Stärken hat. Der Albumtitel „Babylon bei Boot“ war eigentlich nur so ein Joke, der irgendwann mal entstanden ist, daraus wurde dann ein Song, den wir auch schon ziemlich lange im Gepäck haben, und dann die Platte.

Die Texte klingen im Vergleich zum ersten Album  wesentlich kritischer oder „erwachsener“. Wolltet ihr weg vom reinen Partyimage oder ist das einfach der Lauf der Dinge?

Das ist der Lauf der Dinge – es gibt relativ wenig bewusste Entscheidungen bei den Ohrbooten. Wir schreiben Sachen, wir tun etwas und merken dann: „Oh, das hat ja Zusammenhang!“ Ich habe schon früher mal eine ganze Zeit ernster geschrieben, und dann kam die Berliner-Dialekt-Phase, auf die ich voll drauf steilgegangen bin, und jetzt gab es eben die Tendenz. Auf der nächsten Platte kann wieder alles anders sein.

Über den Text von „Zehn Kleine Menschlein“ habt ihr laut Tote-Hosen-Homepage viel diskutiert. Wo liefen denn da eure Meinungen weit auseinander? Da geht’s ja auch um Glaubensfragen …

Ja, da hatten einfach viele ein Problem mit, das ich direkt Gott anspreche: „Da riefen die Seelen zu Gott / Du machst einen ganz miesen Job“. Das fanden viele krass. Aber im Endeffekt haben wir dann einen Konsens gefunden. Und im Endeffekt ist es bei dem Leid ja so, das Gott aufgelöst wird innerhalb des Songs, nämlich in den letzten Zeilen: Da geht es dann um Eigenverantwortung geht.

Der Text von „Bild dir deine Meinung“ besteht ja aus aneinander gereihten Werbesprüchen, teilweise verändert. Ist Werbung für Euch einfach eine nervige Sache oder ist da vielleicht auch noch mehr?

Es war halt eine Idee, die so aufkam, und ich war inspiriert durch einne andere Band, die so was schon mal gemacht hatte: Eine Punkband aus meiner Jugend sozusagen, die heißt Toxoplasma und macht Deutsch-Punk. Dagegen machen die Toten Hosen Radio Musik! Und die hatten so einen Song mit den Werbesprüchen und ich dachte: „Cool, den könnten wir ja noch mal neu machen oder covern!“. Aber da hab’ ich gemerkt, dass die Sprüche so’n bisschen alt sind, da müsste man ja dann doch neue Sprüche nehmen, und daraus wurde dann harte Arbeit: Die Slogans zu sammeln und nach Reimen zu sortieren und nach Bekanntheitsgrad. Eigentlich wollte ich den Leuten nur vorführen, wie viele Slogans man eigentlich davon kennt – ohne es selbst zu merken. Das ist halt schon Krass, weil man immer davon ausgeht, es wäre scheißegal. Man denkt, das kriegt man ja nicht mit, es ist ja nur Werbung.  Das fand ich halt selbst so verblüffend und dachte: „Cool, den Effekt will ich anderen Leuten nicht vorenthalten!“

Bei „Märchen“ singst du dann ja auch immer wieder wie früher in Berliner Schnauze, kommt so Dialekt eigentlich überall an oder gibt’s auch Städte oder Teile Deutschlands wo die dann ein bisschen doof gucken

Eigentlich kommt der Dialekt gut an, außer bei Redakteuren. Redakteure denken sind dann immer: „Berliner Schnauze, das ist doch kacke!“. Ich glaube, es gibt immer Gründe, eine Band nicht zu mögen.

Onkel hat mal gesagt, 80-90% eurer Stücke sind Live getestet, spielt ihr die Songs dann immer anders, um ab zu checken wann die Fans am meisten abgehen ?

Wir spielen die Songs, und wenn wir merken es funktioniert, dann machen wir es immer wieder so. Und wenn wir merken es funktioniert nicht, dann muss man da halt noch mal dran dengeln.

Mit wem würdet ihr überhaupt mal ne Platte aufnehmen, tote Musiker eingeschlossen? So aus der Hüfte ..

Hm …(lacht). Also, so ein Bob Marley wäre dann schon krass. Da würde ich schon nicht nein sagen. Aber wer weiß ob ich überhaupt noch was neben dem machen könnte Vor lauter Ehrfurcht.

Ihr wart ja auch mit den Beatsteaks auf Tour, habt den gleichen Produzenten und seid bei den Toten Hosen unter Vertrag. Gibt’s mit einer dieser Bands Pläne für eine Zusammenarbeit?

Es gibt keine konkreten Pläne. Wenn man abhängt und Konzerte zusammen gespielt hat, wird halt immer mal gesagt: „Joah, wir können ja mal was zusammen machen!“ – aber das war es dann auch schon. Wenn sich irgendwas ergeben würde, würden wir auch nicht sofort nein sagen – aber es muss Sinn machen. Also nicht nur Feature des Featurens wegen. Denn das find’ ich immer so ein bisschen schade: Da kauft man sich eine Platte, aber die Features sind dann halt so lala.

Ihr habt in zwei Jahren über 200 Konzerte gespielt. Wie motiviert ihr euch?

Die größte Motivation kommt natürlich immer durch die Leute, die da sind und abgehen! Das ist die wichtigste Sache. Wenn ich seh’, die singen alle mit, dann ist das schon geil, dann spiel’ ich von mir aus auch „An alle Ladies“ und „Autobahn“ gern noch mal in der Extended-Version.

Ihr sagt ja, ihr testet live immer auch ganz neue Songs. Habt ihr da was, das ihr uns beim Kölner Konzert präsentieren werdet?

Wir konnten dieses Jahr nicht so viel schreiben, weil wir einfach echt extrem busy waren, aber wir probieren es! Es ist natürlich auch so, dass wir bei der letzten Tour nur die eine Platte hatten. Jetzt haben wir beide, das heißt, wir denken nicht mehr: „Wir brauchen mehr Songs, wir brauchen mehr Songs, wir müssen 90 Minuten lang spielen, wir brauchen mehr Songs!“ Jetzt brauchen wir sie eigentlich nicht, aber haben sie trotzdem dabei.

Live: 6.11., 21h, Prime Club

Mehr Interviews in der Kölner Illustrierte – in der aktuellen November-Ausgabe bitten wir z.B. The Hives und Underworld zum Gespräch!