Kunst & Kultur
Apokalypse, Mexiko, 20. Jh., Pappmaché(Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln)
In Kölns Kunstszene herrschen Freude und Erleichterung: Mit zweieinhalbjähriger Verspätung wird am 23.10. am Neumarkt endlich das neue Kulturzentrum eröffnet. Hoffentlich sind dann all die Baupossen vergessen, über die sich der Künstlerverein „Das Loch e.V." und die Lokalpresse jahrelang mokierten.
Bis 2003 stand an dieser Stelle die alte Josef-Haubrich-Kunsthalle. Sie war das „Schaufenster der Kölner Museen", die hier abwechselnd ihre großen Sonderausstellungen zeigten. Die Nachkriegsprovisorien, in denen man diese Museen untergebracht hatte, waren für solche Wechselausstellungen nämlich oft zu klein gewesen. Doch im Laufe der Jahre haben fast alle Museen großzügige Neubauten erhalten, so dass die alte Kunsthalle in ihrer bisherigen „Schaufenster"-Funktion überflüssig wurde. Lediglich das benachbarte Schnütgen-Museum für mittelalterliche Kunst musste sich in St. Cäcilien immer noch mit äußerst beengten Verhältnissen abfinden, und im Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde am Ubierring bangten die Verantwortlichen bei jedem Rheinhochwasser um ihre Bestände. Zudem war dort inzwischen die Museumstechnik völlig veraltet. Vor allem für diese beiden Museen baute man daher das neue Kulturzentrum am Neumarkt. Sie verfügen hier nun über ausreichende Depotflächen, Restaurierungswerkstätten und eine gemeinsame Bibliothek. Allein das Rautenstrauch-Joest-Museum hat für die Betreuung seiner 65.000 Objekte jetzt 3.600 qm zur Verfügung.
Neubau Rautenstrauch-Joest-Museum mit Museum Schnütgen (Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln)
Nachdem bereits vor einem Jahr der städtische Museumsdienst in den Neubau eingezogen war, packten die Museumsmitarbeiter jetzt auch die Kruzifixe und Bischofskelche der Schnütgen-Sammlung und die Ethnologica aus den Umzugskartons aus. Dem alten Völkerkundemuseum verpasste man am neuen Standort auch gleich einen neuen Namen: Es heißt jetzt „Rautenstrauch-Joest-Museum für die Kulturen der Welt". Damit soll betont werden, dass die früher übliche höchst einseitige eurozentrische Sicht auf die außereuropäischen Kulturen aufgegeben wurde.
Deswegen teilt man die Ausstellungsstücke jetzt auch nicht mehr nach ihrer regionalen Herkunft ein, sondern nach zwölf Themenschwerpunkten. „Der Mensch und seine Welten" lautet das Leitmotiv. Inszenierte man einst in den Pioniertagen der Ethnologie afrikanische Ritualmasken und Speere in erster Linie als bestaunenswerte Exotika, so stellt das Rautenstrauch-Joest-Team jetzt den Menschen als soziales und kulturelles Wesen in den Mittelpunkt. Im Foyer stimmt ein imposanter, elf Meter langer und sieben Meter hoher indonesischer Reisspeicher die Besucher ein. Sein Anblick lässt ahnen, wie sehr die tradierten Ernährungsgewohnheiten und die jeweilige Kulturentwicklung zusammenhängen. Wandlungen im Nahrungsangebot, z.B. durch die weltweit zunehmende Ausbreitung von Fast Food, beeinflussen alsdann den Wandel einer Alltagskultur ebenso stark wie andere soziale Faktoren.
Federmantel ahu 'ula, Hawaii, vor 1824, Olona-Fasern,Federn (Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln)
Weitere Themenschwerpunkte im neuen Rautenstrauch-Joest-Museum sind „Klischee und Vorurteil", „Wohnformen" und „Religion". Die veränderte Sicht der Museumsmacher, die heute nicht mehr zwischen „Völkerkunde" und heimischer „Volkskunde" unterscheiden, trägt der Tatsache Rechnung, dass in Köln heute Menschen leben, die ihre kulturellen Wurzeln in 184 Nationen haben. Was einst exotisch und fremd war, wirkt bekanntlich heute direkt und unmittelbar in unseren multikulturellen Alltag hinein. Das JuniorMuseum in der ersten Etage führt jüngere Besucher in diese Thematik ein: Fünf verschiedene „Kinderzimmer" führen vor, welche Feiern und Feste in den unterschiedlichen Kulturen den Übergang von der Jugend ins Erwachsenendasein begleiten.
Ein gläserner Durchgang verbindet den alten Teil des Museums Schnütgen in St. Cäcilien mit den zusätzlichen Räumen im neuen Kulturkomplex. Konnte das Museum bislang nur höchstens 10 Prozent seiner Sammlung mittelalterlicher Holz- und Steinskulpturen, Textilien, Messgewänder, Schnitzaltäre und Glasmalereien zeigen, so bekommt es nun 400 qm zusätzliche Ausstellungsfläche, um zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg alle Sammlungsteile angemessen präsentieren zu können. Und da die Grünfläche vor dem romanischen Kirchengebäude von St. Cäcilien bislang wenig anheimelnd wirkte, will die Museumsdirektorin Dr. Dagmar Täube hier auch noch einen mittelalterlichen Kräutergarten anlegen.
Mit dem neuen Kulturzentrum verdichtet sich das Areal rund um den Neumarkt zu einem Museumsquartier. Denn in unmittelbarer Nachbarschaft bestehen bereits das Käthe Kollwitz Museum und das Lew Kopelew Forum in der Neumarktpassage sowie der Kölnische Kunstverein in der „Brücke" an der Hahnenstraße. Kölns führendes Auktionshaus, das „Kunsthaus Lempertz", hat am Neumarkt seinen Sitz und ein paar Hausnummern weiter auch noch das „Belgische Haus" mit seinen Kulturveranstaltungen. Hat Kölns Image als Kunststadt in den vergangenen Jahren doch arg gelitten, so setzt dieses neue Museumsquartier nun endlich wieder einen Glanzpunkt.
Jürgen Raap
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