2007 November

Die Hochzeitsreise

2., 3., 8.-11.11., 20.30h, Artheater

Mascha (Foto: Michail Dolsky)

Letztes Jahr verhalf das Svetlana Fourer Ensemble dem harten Leben von Daniil Charms auf der Bühne zu poetischer Schönheit. Dieses Jahr wagt sich die Regisseurin an einen weiteren schweren Stoff. Große Holzrahmen und zart auf Glas gezeichnete Figuren sind der ästhetische Rahmen für „Die Hochzeitsreise“ von Vladimir Sorokin: Auf einer Vernissage lernen sich der Deutsche Günter und die Russin Mascha kennen und lieben. Jeder von beiden hat einen guten Grund, trotz des gemeinsamen sexuellem Super-GAUs auf diese Liebe zu bestehen, Mascha ist auf der Suche nach einem reichen Westeuropäer, um ihre Existenz abzusichern, für Günter ist es Liebe auf den ersten Blick. Jeder von ihnen schleppt allerdings auch schweren seelischen Ballast mit in die Ehe. Günters mittlerweile verstorbener Vater hatte als ehemals hohes Tier bei der SS schwere Kriegsverbrechen auf dem Kerbholz. Maschas Mutter hat in Stalins Folterkammern gedient. Während Günter, ein Häuflein aus Schuldkomplexen, notorisch jüdische Kunst sammelt und Intimität mit einer Frau nur erträgt, wenn diese ihn schlägt, flüchtet Mascha in einen eher hedonistischen Lebensstil. Das Liebesleben zwischen der Aufreißerin und dem Sexual-Nerd gestaltet sich folglich schwierig. Da hat Mascha die rettende Idee, die beiden begeben sich auf eine Art Hochzeitsreise zu den Wurzeln des Übels. Die Kur scheint zu gelingen, bis sich das Spiel, das sie angezettelt haben, gegen sie wendet. Verstörend grotesk ist das Stück des Enfant terrible der russischen Literaturszene. Mit viel Fingerspitzengefühl bringt die Regisseurin Svetlana Fourer es dem Kölner Publikum nahe. Die Stimmen, die Mascha im Stück umtreiben, kommen als eine Art griechischer Chor daher. In fantasievollen, auf die jeweilige Farbe von Maschas Kleid abgestimmten Gewändern verleihen sie der Inszenierung mit einer Choreografie, die Ilona Pászthy beisteuerte, einen stimmungsvollen, sinnlichen Rahmen. Als zwei an Stäben geführte Skelette schweben die beiden verbrecherischen Vorfahren über die Bühne, wo sie ein lustiges Tänzchen aufführen und das Geschehen mit einer Prise Humor würzen. Bernd Rehse und Kerstin Fischer präsentieren die beiden Charaktere fett überzeichnet satirisch. So gelingt es der Inszenierung, den bitterbösen Blick voller rabenschwarzen Humors, den Sorokin auf die seelischen Nachwirkungen des Holocaust und des Stalinregimes wirft, mit einer gewissen Leichtigkeit auf die Bühne des Artheaters zu holen. -se