Ausgabe November 2012

Hans-Jürgen Raabe: 990 Faces – Lourdes

In focus Galerie, Brüsseler Straße 83, 13. November bis 20. Dezember

Hans-Jürgen Raabe ist Schüler der bekannten Theaterfotografin Erika Haendler-Krah und verzichtet bei seinen Porträtaufnahmen völlig auf eine nachträgliche Bearbeitung am Computer. Er benutzt auch keinen Blitz, denn er glaubt, nur ohne solche Hilfsmittel oder retuschierende Manipulationen zu ungestellten und ungeschönten Bildern zu gelangen. Im heutigen Zeitalter von „Photoshop” ist solch ein antidigitaler Purismus schon recht ungewöhnlich. Tatsächlich sind Raabes Aufnahmen direkt und präzise, und zugleich drücken sie eine große Stille aus. Damit sind sie ästhetische Gegenbilder zu jenem visuellen Rauschen, das uns von den Screens und Plakatwänden in jeder U-Bahnpassage entgegenflimmert. Für seine „Faces”-Serie hat Hans-Jürgen Raabe 33 verschiedene Orte aufgesucht, um dort seine Aufnahmen zu machen, u.a. das Münchner Oktoberfest und die 5th Avenue in New York, die Kasseler documenta-Ausstellung und den Wallfahrtsort Lourdes. Es sind allesamt Orte einer „besonderen Normalität”. Volksfeste, große Ausstellungen oder Pilgertreffs gibt es zwar überall, aber Raabe interessiert sich dafür, wie die spezielle „Magie eines Ortes” auf die Anwesenden wirkt, sei es nun ein Bierzelt auf der Münchner Theresienwiese oder jene Felsgrotte in der Nähe von Lourdes, in der 1858 eine Marienerscheinung stattgefunden haben soll. Mag der Ort ansonsten völlig banal sein, doch wer sich hier aufhält, der erlebt durch die atmosphärische Einmaligkeit der Situation einen emotionalen Ausnahmezustand. Dies kann man mitunter tatsächlich deutlich an der Mimik der Porträtierten ablesen, wenn man sich die Gesichter zum Beispiel der pilgernden Nonnen nur sehr genau anschaut. -J.R.