Questioning – Die Kunst des Fragens im Gewölbekeller
Haben wir das Fragenstellen verlernt? In einer Zeit, in der Antworten jederzeit verfügbar scheinen und Komplexität oft durch Vereinfachung ersetzt wird, setzt die Ausstellung Questioning bewusst einen Kontrapunkt. Im Gewölbekeller des Orangerie-Theater Köln lädt sie dazu ein, die Komfortzone zu verlassen und dem Wesen der Dinge neu nachzuspüren.
Der rote Faden der Ausstellung ist das Fragen selbst – nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Haltung. Die beiden Künstlerinnen Annika Fernández Gonzalo und Doris Beißel verbindet dabei nicht nur eine Freundschaft, sondern ein gemeinsames Interesse am Menschsein: an inneren wie äußeren Wirklichkeiten, an Sichtbarem und Verborgenem, an Zweifel, Wandel und Wahrnehmung.
Die Ausstellung fordert Zeit – und schenkt sie zugleich. Sie setzt bewusst einen Kontrapunkt zur „Zehn-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne“ sozialer Medien. Irritation, Nichterkennen und das bewusste Innehalten gehören zum Konzept. Wer sich darauf einlässt, entdeckt unerwartete Details, tiefere Bedeutungen und nicht zuletzt sich selbst als fragendes Wesen.
Viele der ausgestellten Werke sowie Drucke sind käuflich zu erwerben.
Ines Langel Orangerie Theater im Gespräch mit Annika Fernández Gonzalo und Doris Beißel.Der Titel der Ausstellung lautet Questioning. Haben wir Ihrer Meinung nach tatsächlich verlernt, die richtigen Fragen zu stellen – und wenn ja: Welche fehlen uns heute am meisten?
Wir haben den Eindruck, dass viele das Hinterfragen von Gegebenem verlernt haben. Aufgrund der Informationsflut und vieler negativer Informationen, mit denen wir konfrontiert sind, sucht der Mensch nach einfachen Lösungen. Zum Beispiel werden schnelle Antworten durch KI generiert, was zu einer Gesellschaft passt, in der Pragmatismus und Produktivität häufig an erster Stelle stehen. Es fehlt an der Bereitschaft, mehr moralische Fragen zu stellen – Fragen nach Menschlichkeit, nach den Ursprüngen. Woher kommen zum Beispiel gesellschaftliche Phänomene, die zu Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit führen? Was wir brauchen, ist die Fähigkeit zur Selektion: Was ist für mich wirklich wichtig, was zählt und was macht kaputt? Dafür dient die Kunst als ein wunderbares Ausdrucksmedium.
Ihre Arbeiten bewegen sich beide auf unterschiedliche Weise zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem: Frau Fernández Gonzalo eher im Inneren, Frau Beißel eher in der äußeren Welt. Wo berühren sich Ihre künstlerischen Perspektiven – und wo widersprechen sie sich vielleicht sogar?
Die Berührungspunkte bestehen darin, dass uns der Mensch interessiert und was der Mensch alles sein kann, was hinter der Fassade steckt. Dabei geht es uns beiden um das Spiel mit Realität gegenüber Abstraktion und Surrealismus. Auch der Umgang mit Farbe und Zufall und die Integration von Schrift eint uns.Unterschiede bestehen darin, dass es bei Doris um echte Begegnungen aus der ganzen Welt, aus Reiseerfahrungen und das Kennenlernen anderer Kulturen in Verbindung mit Emotionen einer konkreten Situation geht – und auch um die Schönheit der Natur und von Naturphänomenen.Bei Annika geht es eher um innere Zustände wie Traumrealitäten, philosophische Grundsatzfragen und Vorbilder der visionären Kunst, die sich in einer Rekombinatorik von Bekanntem zeigen, was zu völlig Neuem wird.
Frau Fernández Gonzalo, Sie verbinden Malerei mit Lyrik. Was kann das Wort, was das Bild nicht kann – und umgekehrt? Und wie verändert diese Kombination den Blick der Besucher:innen auf die Werke?
Das Wort oder die Kombination von Worten hat dem Bild zunächst einmal zwei Dinge voraus: einen höheren Grad an Komplexität und einen höheren Grad an Abstraktion, die sie fassen können. Sprache hat einen Rhythmus, eine Prosodie.Das Bild trifft unmittelbar in einem Moment, in einem begrenzten Raum. Dort hat der Künstler oder die Künstlerin mehr Macht, die Dinge zu platzieren.Gedichte sind fluide, leichter anpassbar, auch in ihrem Schaffensprozess.In der Ausstellung sieht der Besucher also innere Bilder der Künstlerin in Form von Gemälden, und lyrische Texte erzeugen im Idealfall eigene innere Bilder durch ihren Metaphernreichtum. In Gedichten fällt mir das Brüchige, Unperfekte und der Ausdruck ganz persönlicher Gefühle leichter als auf der Leinwand.Frau Beißel, Ihre Bilder bleiben bewusst unvollständig und setzen auf die Ergänzungsleistung der Betrachtenden. Ist das für Sie auch ein Kommentar auf unsere Wahrnehmung der Welt?
Muss nicht jede/r jeden Tag Ergänzungsleistungen bringen? Wir bekommen eine gewisse Menge an Informationen und müssen unsere Schlüsse daraus ziehen.Heute werden wir leider mit Informationen überflutet, sodass es einfacher ist, abzunicken und nachzuplappern. KI liefert uns fertige Argumentationen auf beinahe jede Frage.Mein Anliegen ist, den Betrachter stutzen zu lassen – durch Nichterkennen, Irritation oder Schrift im Bild – und einen Augenblick zu verweilen, näher hinzuschauen, Unerwartetes zu entdecken und gegebenenfalls eigene Erfahrungen und Emotionen wiederzuentdecken und Erinnerungen heraufzubeschwören. Mein Wunsch: Weg von 10-Sekunden-Social-Media-Aufmerksamkeitsspanne hin zu Zeit nehmen und auf etwas einlassen.Wenn die Ausstellung die Komfortzone verlassen will: Was war für jede von Ihnen persönlich die größte innere oder künstlerische Herausforderung bei der Arbeit an Questioning?
Für Annika war es das Zeitmanagement – Ruhe und Zeit im Alltag finden, um zu malen, sodass es auch zu einer ehrlichen inneren Öffnung kommen kann. Außerdem eine passende Auswahl an Arbeiten treffen, vor allem der Gedichte, da ich davon wesentlich mehr produzieren konnte. Wo wir schon bei den Gedichten sind: Ein geeignetes, machbares und trotzdem spannendes Format für die Präsentation der Gedichte zu finden, war nicht einfach – und sehr Persönliches, das vor allem in den Gedichten vorkommt, in die Öffentlichkeit zu bringen.
Bei Doris lag es vor allem im Schaffensprozess, fokussiert zu bleiben, sich nicht in Kleinigkeiten zu verlieren, zwischendurch innezuhalten und manchmal den Mut zu haben, ein Scheitern zuzugeben, trotz der Angst weiterzumachen oder auch noch einmal neu anzufangen. „Art is a state of play“, formuliert John Cleese so treffend – eine Kombination aus Angst zu versagen und Mut haben, weiterzumachen, zu erkunden. Dieser mentale Zustand ist nicht immer gegeben – und das muss man auch manchmal akzeptieren.
Besuch & Termine
Ausstellungszeitraum:20. Februar bis 27. März 2026
Öffnungszeiten:Montag bis Freitag 11:00–17:00 Uhrsowie jeweils eine Stunde vor, während und eine Stunde nach den Abendveranstaltungen des Orangerie-Theater.
Ort: Gewölbekeller, Orangerie-Theater Köln
Midissage – Sonntag, 8. März 2026, 16:00–20:00 Uhr
Die Midissage bietet die Gelegenheit, die Künstlerinnen persönlich kennenzulernen, bei einem Getränk ins Gespräch zu kommen und ein kleines Begleitprogramm zu genießen.
Reguläre Ausstellungszeiten im Überblick: 20.02. – 27.03.2026, täglich 11:00–17:00 Uhr (inkl. Veranstaltungszeiten des Orangerie Theater)