Eine Stimme kann uns berühren, noch bevor wir ihre Worte verstehen. Sie erzählt von Sehnsucht, Liebe und Verlust, von Heimat – und von der Kraft, neu anzufangen. Am Samstag, den 26. September 2026, hören wir solche Stimmen in der Philharmonie Köln: Stimmen, die im Iran zum Schweigen gebracht werden sollten und gerade deshalb umso kraftvoller klingen.
Unter der musikalischen Leitung von Juya Shin treffen an diesem Abend traditionelle iranische Instrumente und Klangtraditionen auf den vollen Klang eines großen Sinfonieorchesters. Neun junge iranische Sängerinnen, die ihr Land erst vor kurzer Zeit verlassen mussten, begegnen dem Gürzenich-Orchester Köln. Das Projekt wird durch die Kunststiftung NRW gefördert, die Schirmherrschaft hat die ehemalige Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker, übernommen.
Stimmen, die nicht verstummen sollten
Seit 1979 ist Frauen im Iran der Solo-Gesang vor Publikum verboten. Und doch ist es nie gelungen, diese Stimmen vollständig zum Schweigen zu bringen. Über Jahrzehnte hinweg haben iranische Frauen Wege gefunden, sich diesem Verbot zu widersetzen – leise, verborgen, beharrlich. Die Künstlerinnen dieses Abends stehen in genau dieser Tradition: Sie haben gesungen, obwohl sie nicht singen durften.
Viele von ihnen gehören einer Generation an, deren Leben und künstlerische Arbeit durch den Tod von Jina Mahsa Amini und die daraus entstandene Bewegung »Frau, Leben, Freiheit« tief geprägt wurden. Einige leben inzwischen außerhalb des Iran. In Köln kommen ihre Stimmen erstmals in dieser besonderen Konstellation zusammen: Foroogh Fazli, Ghazaal Ansarirad, Mahya Hamedi, Sanam Maroufkhani, Hura Mirshekari, Maliheh Moradi, Mina Deris und Samin Ghorbani.
An ihrer Seite musizieren die Instrumentalsolistinnen Sara Hasti (Kamancheh), Mehrnoosh Zolfaghari (Santur) und Avin Ahmadi (Oud) – sie öffnen den Abend um weitere klangliche Dimensionen zwischen Tradition und Gegenwart. Was im Iran untersagt ist, wird hier sichtbar und hörbar: weibliche Stimmen im Zentrum, als künstlerischer, kultureller und zugleich politischer Ausdruck.
Eine musikalische Reise durch den Iran
Das Programm entfaltet sich wie eine Reise durch die kulturelle Vielfalt des Landes. Unterschiedliche Regionen, Sprachen und Klangtraditionen treten miteinander in Dialog – von aserbaidschanischen und kurdischen Einflüssen über qashghaiische und belutschische Musik bis hin zu zeitgenössischen Formen, die iranische und westliche Genres miteinander verweben. So entsteht ein vielschichtiger Blick auf den Iran, jenseits vereinfachender Bilder – geprägt von Vielfalt, Bewegung und gegenseitiger Durchdringung.
Zugleich ist dieses Projekt eine besondere Form der Zusammenarbeit: Erstmals trifft das transkulturell geprägte Inner Unity Ensemble in dieser Konstellation auf das Gürzenich-Orchester Köln. Traditionelle iranische Instrumente begegnen dem sinfonischen Klangkörper, während die Soloauftritte der jungen iranischen Frauen das Herzstück des Abends bilden. So entsteht ein musikalischer Raum, in dem sich Traditionen nicht nur begegnen, sondern miteinander verschränken und Neues hervorbringen.
Ein Orchester für alle Menschen
Das Gürzenich-Orchester sieht sich als Orchester der Stadt Köln als Orchester für alle Menschen – nahbar, offen und davon überzeugt, dass nur gemeinsam etwas Bewegendes entstehen kann. Zu Köln gehört die lebendige iranische Community. Viele Iranerinnen und Iraner haben hier eine neue Heimat gefunden und ihre Sprache, Kultur und Erinnerungen in unsere Stadt getragen. Gemeinsam mit ihnen und allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern wird dieser Abend zu einem Ort der Begegnung.
Hinter dem Projekt
Yalda Yazdani hat als künstlerische Leiterin dieses Projekt gemeinsam mit der Programmmanagerin Faranak Rafiei sowie der Produktionsleiterin Lale Konuk entwickelt. Die musikalischen Arrangements wurden von Matthias Kaufmann, Mahan Mirarab, Justus Berger und Mahya Hamedi erarbeitet, die musikalische Leitung des Konzerts liegt in den Händen der Dirigentin Juya Shin.
Mehr als ein Konzert
Neben dem Konzert findet am Sonntag, den 27. September 2026 von 14 – 17 Uhr im Filmforum NRW / Museum Ludwig, noch eine Filmvorführung und Podiumsdiskussion unter dem Titel »Kunst als Widerstand – Stimmen im Dialog« statt. Die Kurzfilme Ballerina, Prestige, Resilience und Height of the Kite erzählen von Mut, Kreativität und künstlerischem Widerstand. Im anschließenden Gespräch diskutieren Wissenschaftler, Künstlerinnen und Kulturschaffende über Kunstfreiheit, weibliche Selbstbestimmung, Exil, kulturelle Identität und die Bedeutung der Bewegung »Frau, Leben, Freiheit«.
»Female Voices of Resilience« ist ein Moment der Sichtbarkeit, ein Raum der Selbstbehauptung und ein künstlerisches Zeugnis von Widerstand und Hoffnung. Wo Stimmen unterdrückt werden, wird hier Klang zu Präsenz – und Musik zu einer Form von Freiheit.
Female Voices of Resilience, 26.09., 20h, Kölner Philharmonie