Im Oktober 1929 war das gesamte musikalische Köln versammelt: Generalmusikdirektor Eugen Szenkar, die Lehrenden der Hochschule, die Kritiker der Stadt – alle gekommen, um eine Frau zu hören. Maria Herz, geborene Bing, Tochter einer angesehenen Kölner Kaufmannsfamilie, hatte den großen Saal des Gürzenich gefüllt. Mit ihrer Musik. Zwischen 1922 und 1932 war sie eine der gefragtesten Komponistinnen im deutschsprachigen Raum: Orchesterwerke, Solokonzerte, Kammermusik und Lieder – rund 30 Werke, aufgeführt in Köln, Berlin, England und im Rundfunk. Ihr Stil, irgendwo zwischen Spätromantik und Neuer Sachlichkeit, trug eine unverwechselbare emotionale Energie. Und das als alleinerziehende Mutter von vier Kindern, Schülerin von Avantgarde-Komponist Philipp Jarnach, Pianistin und Konzertveranstalterin in einem.
Dass sie ihre Partituren als „Albert Maria Herz" signierte – den Vornamen ihres verstorbenen Mannes vorangestellt –, war kein Zufall, sondern kluge Strategie: Frausein und Jüdischsein galten selbst in den Goldenen Zwanzigern als geschäftsschädigend. Ihr Genie setzte sich dennoch durch. 1933 wurde es per Dekret zum Schweigen gebracht. Maria Herz floh 1935 ins Exil, ihr Bruder Dr. Moritz Bing – langjähriges Mitglied des Kölner Alpenvereins – wurde 1938 nach Dachau verschleppt. Stolpersteine in Köln-Sülz und Marienburg erinnern heute an die Familien Herz und Bing. Nun kehrt ihre Musik zurück: 2024 erschien beim Label Capriccio die erste Einspielung ihrer Orchesterwerke – BR-Klassik kürte sie zum Album der Woche. Und Hanka Meves hat ihr mit dem Roman Die Komponistin von Köln (Emons Verlag) eine literarische Stimme geschenkt. Am 17. September 2026 liest Meves im Domforum, begleitet von Pianistin Margita Linde. Ein Abend für eine Frau, die Köln nicht vergessen sollte.
Literarisches Konzert mit Hanka Meves-Fricke und Margita Linde, 17.09., 19:30h, Domforum, Domkloster 3, Köln, 5 €