Mit mehr als 8.000 Besuchen, zahlreichen ausverkauften Konzerten und einem begeisterten Publikum ist die vierte Ausgabe von SHALOMMUSIK. KOELN zu Ende gegangen. Vom 1. bis 10. September brachte das Festival unter dem Motto „ZUHÖREN“ jüdische Musik in ihrer ganzen Vielfalt an mehr als 25 Orte in Köln. Bei allen Verkaufskonzerten erhob sich das Publikum zu Standing Ovation teilweise auch bei den Veranstaltungen des Langen Tages mit jüdischer Musik.
„Wir haben während der Konzerte eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit erlebt. Es war oft vollkommen still – und nach dem letzten Ton entlud sich die Begeisterung in langem Applaus und Standing Ovation“, zieht Claudia Hessel, Vorsitzende des veranstaltenden Kölner Forums für Kultur im Dialog, Bilanz. „Viele Künstlerinnen und Künstler kamen glücklich und bewegt von der Bühne. Unser Publikum hat nicht nur Musik gehört, sondern wirklich zugehört.“
Auch für die künstlerische Leiterin Ulrike Neukamm ging das Konzept des Festivals auf: „Wir wollten die ganze Bandbreite jüdischer Musik zeigen: traditionsreich und zeitgenössisch, nachdenklich und ausgelassen, vertraut und überraschend neu. Dass sich so viele Menschen offen und neugierig darauf eingelassen haben, hat uns tief berührt. Besonders glücklich macht mich, dass auch ungewöhnliche Programme und neue Kompositionen ein so aufmerksames und begeistertes Publikum gefunden haben.“
Ein Auftakt der nachwirkte
Das Festival begann mit dem ausverkauften Eröffnungskonzert „Zu Gast bei Hilde Domin“ vor 700 Gästen in der Kölner Flora. Der Kammerchor des Kölner Männer-Gesang-Vereins unter der Leitung von Bernhard Steiner, Sharon Brauner und The Toy Goys sowie Artist in Residence Bar Zemach verbanden Musik, Literatur und jüdische Geschichte. Im Mittelpunkt stand die Uraufführung von vier Gedichten Hilde Domins, die der israelische Komponist Shay Cohen für Männerchor, Horn und Klavier vertont hatte. Sharon Brauner führte durch das Leben der in Köln geborenen jüdischen Dichterin und brachte mit The Toy Goys jiddischen Witz, Melancholie und Lebensfreude auf die Bühne.
Zum Abschluss spielte Bar Zemach auf dem Schofar den Bläck-Fööss-Klassiker „Unsere Stammbaum“. Das Lied steht in Köln wie kaum ein anderes für Vielfalt, unterschiedliche Herkunft und Zusammenhalt. Dass diese kölsche Hymne auf einem der ältesten Instrumente der jüdischen Tradition erklang, verlieh ihr eine neue Bedeutung. Der ganze Saal sang mit. Anschließend erhob sich das Publikum zu Standing Ovations.
„Diese Verbindung war für uns etwas ganz Besonderes: ein Lied, das für Köln und das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen steht, gespielt auf einem jüdischen Instrument“, sagt Claudia Hessel. „In diesem Moment kam zusammen, wofür unser Festival steht: jüdische Kultur, kölsche Identität und die Freude daran, etwas Neues entstehen zu lassen.“
Einen Abend später nahm Sharon Brauner ihr Publikum im Rathaus Porz mit auf eine musikalische Reise durch ihre eigene Biografie. Gemeinsam mit The Toy Goys sang sie jiddische Evergreens wie „Donna Donna“ und „Tumbalalaika“. Mit dem Konzert war SHALOM-MUSIK.KOELN bewusst auch auf der rechten Rheinseite präsent.
Einmalige Begegnung von Avi Avital und Omer Klein
Zu den künstlerischen Höhepunkten gehörte das ausverkaufte Konzert des Mandolinisten Avi Avital und des Jazzpianisten Omer Klein im Ventana. Die beiden international renommierten Musiker präsentierten kein bestehendes Tourneeprogramm und kein gemeinsames Album, sondern eine in dieser Form nur bei SHALOM-MUSIK.KOELN zu erlebende musikalische Begegnung.
Zwischen Bach, Jazz, Folklore und freier Improvisation nahmen die beiden Musiker die Gedanken des jeweils anderen auf, führten sie weiter und überraschten sich gegenseitig. Das Publikum folgte diesem Dialog mit großer Konzentration. Am Ende erhob sich der gesamte Saal zu Standing Ovations. Auch Avi Avital und Omer Klein zeigten sich von der Aufmerksamkeit und der Atmosphäre im Ventana sichtlich bewegt.
Open Shabbat als Publikumsmagnet
Zu einem der großen Publikumserfolge entwickelte sich erneut der Open Shabbat, der in diesem Jahr in der voll besetzten Antoniterkirche gefeiert wurde. Gemeinsam mit Rabbi Jonathan Kligler, Pfarrer Markus Herzberg, Chasan Jalda Rebling und dem Kontrabassisten Robert Bard begrüßten jüdische und nichtjüdische Menschen den Schabbat. Gerade von jüdischen Gästen wurde positiv aufgenommen, dass Menschen unterschiedlicher Religionen den Beginn des Schabbat respektvoll miteinander feierten. Durch den gemeinsamen Gesang entstand aus einem Konzert eine lebendige Gemeinschaft. Direkt anschließend erinnerten Reggie Harris und Rabbi Jonathan Kligler mit „Let My People Go“ an die enge Verbindung jüdischer Gemeinden mit der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Lieder wie „Turn! Turn! Turn!“ und „If I Had a Hammer“ wurden zu gemeinsamen Hymnen. Auch dieses Konzert bei freiem Eintritt war vollständig besetzt.
Tikkun Olam und drei Uraufführungen
Ein besonderer künstlerischer Schwerpunkt des Festivals waren drei Uraufführungen, die das Schofar in neue musikalische Zusammenhänge stellten.
Neben den Vertonungen der Hilde-Domin-Gedichte durch Shay Cohen wurde bei „Tikkun Olam“ Gerald Cohens „Hineni – Here I Am“ uraufgeführt. Bar Zemach, der Pianist Jascha Nemtsov und das Jewish Chamber Orchestra Hamburg unter der Leitung von Emanuel Meshvinski verbanden das neue Werk mit Musik von Gustav Mahler und Astor Piazzolla.
„Hineni“ bedeutet „Hier bin ich“ und steht für die Bereitschaft eines Menschen, Verantwortung zu übernehmen. Gerald Cohens Komposition verband jüdische Tradition mit einer zeitgenössischen musikalischen Sprache. So entstand ein Konzert über Verletzlichkeit, Resilienz und die Hoffnung, dass eine beschädigte Welt geheilt werden kann.
Gilad Hochmans „In Memoriam“ für Schofar und Klavier setzte sich mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 auseinander. Die emotional herausfordernde Uraufführung gehörte zu den bewegendsten Momenten des Langen Tages. Das Publikum reagierte zunächst mit langer Stille und anschließend mit stehenden Ovationen.
„Die drei Uraufführungen zeigen sehr unterschiedliche Seiten jüdischer Gegenwartsmusik“, erklärt Ulrike Neukamm. „Shay Cohens Vertonungen sind poetisch und warm, Gerald Cohens ‚Hineni‘ ist von Hoffnung und Verantwortung geprägt, Gilad Hochmans ‚In Memoriam‘ von Trauer und Erschütterung. Uns war wichtig, jüdische Musik nicht auf eine bestimmte Epoche oder Stilrichtung zu begrenzen, sondern ihre künstlerische Vielfalt und Gegenwärtigkeit hörbar zu machen.“
Mehr als 5200 Besuche beim Langen Tag
Das Herzstück des Festivals war der Lange Tag mit jüdischer Musik am 6. September. Mehr als 50 Kurzkonzerte und Programmpunkte führten bei freiem Eintritt an 15 Spielorte in der Kölner Innenstadt. Insgesamt wurden mehr als 5.200 Besuche gezählt.
Der Tag begann mit dem Morgenkonzert „Wenn der Schofar ruft“ in der Synagoge. Die Kantoren Mordechaj Tauber und Yonatan L. Adler, begleitet vom Pianisten Roman Salyutov und Bar Zemach am Schofar, eröffneten einen Tag, an dem ganz Köln zur Bühne jüdischer Musik wurde.
Zu den Gästen gehörte auch Mona Neubaur, stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie ließ sich von Bar Zemach persönlich erklären, wie es ihm gelingt, dem Schofar nicht nur traditionelle Signale, sondern ganze Melodien zu entlocken.
Mehrere Spielstätten stießen im Laufe des Tages an ihre Kapazitätsgrenzen. Das Carillonkonzert an St. Maria in der Kupfergasse war ebenso überlaufen wie die Konzerte in der Antoniterkirche, im Baptisterium und im Consilium.
Reggie Harris und Jonathan Kligler ließen die Antoniterkirche bei „Songs as Prayers“ zu einem Ort des gemeinsamen Singens werden. Roman Grinberg verband im Belgischen Haus jüdischen Humor mit Wiener Schmäh und lud das Publikum sogar ein, eigene jüdische Witze zu erzählen.
Im EL-DE-Haus trafen bei Roy Amotz und Netta Weiser Flöte, Elektronik und Bewegung aufeinander. Susanne Weinhöppel begeisterte im Senftöpfchen-Theater mit Harfe, Sprachwitz und musikalischer Eigenwilligkeit. Anna Margolina verband im MAKK bei „Song of a Girl“ jüdische Lyrik mit Jazz.
Jalda Rebling und Ars Choralis Coeln schlugen mit ihrer Psalmen-Andacht den Bogen von den hebräischen T’hilim zu den christlichen Psalmen. Tamar Halperin brachte das Cembalo im Literaturhaus zum Klingen, Jakub Stefek widmete sich in St. Aposteln der Orgelmusik Louis Lewandowskis. Im Sancta Clara Keller machten Pia Viola Buchert und Tatjana Dravenau hundert Jahre jüdischen Liedschaffens hörbar.
The Klezmer Tunes sorgten im Consilium für mitreißende Klezmerklänge. Im Baptisterium zog Marimbaspieler Alex Jacobowitz so viele Interessierte an, dass nicht mehr alle einen Platz finden konnten. Nach seinem Konzert nahm er sich dennoch Zeit, sein Instrument zu erklären und die zahlreichen Fragen des Publikums zu beantworten.
Auch ein Stolperstein-Rundgang des Kölner Alpenvereins gehörte zum Programm. Er erinnerte an ehemalige jüdische Vereinsmitglieder, die verfolgt, vertrieben und ermordet wurden.
Kölsche Identitätslieder auf dem Schofar
Den Abschluss des Langen Tages bildete das Konzert im Kölner Dom. Domorganist Winfried Bönig und Bar Zemach ließen Orgel und Schofar miteinander in Dialog treten. Monsignore Robert Kleine ergänzte das Konzert um einen geistlichen Impuls. Zum Abschluss spielte Bar Zemach „Du bes die Stadt“ von den Bläck Fööss auf dem Schofar. Damit spannte er einen musikalischen Bogen zum Eröffnungskonzert in der Flora, bei dem bereits „Unsere Stammbaum“ auf dem jüdischen Instrument erklungen war.
Nach Angaben der Veranstalter waren beide kölschen Identitätslieder zuvor noch nie auf einem Schofar gespielt worden. Der „Stammbaum“, der für die Vielfalt Kölns steht, und „Du bes die Stadt“, eine Liebeserklärung an Köln, erhielten durch das Schofar einen neuen und unverwechselbaren Klang. Das Konzert im Dom endete mit Standing Ovations. „Bar Zemach hat das Schofar nicht nur virtuos gespielt, sondern das Instrument in Beziehung zu Köln und zu den Menschen dieser Stadt gesetzt“, sagt Ulrike Neukamm. „Dass ‚Unsere Stammbaum‘ in der Flora und ‚Du bes die Stadt‘ im Kölner Dom auf dem Schofar erklangen, war vorher noch nie zu hören. Genau solche überraschenden musikalischen Begegnungen wollten wir mit diesem Festival ermöglichen.“
Ein Traum des Großvaters wurde Wirklichkeit
Als Artist in Residence wurde Bar Zemach zum musikalischen Gesicht und zum verbindenden Klang des Festivals. Das Schofar hatte er zu seinem 18. Geburtstag von seinem Großvater erhalten – verbunden mit dem Wunsch, die jüdische Kultur in die Welt zu tragen. Während des Festivals erklang das Instrument in der Synagoge, in der Flora, im Ventana, im Bechstein-Centrum und schließlich im Kölner Dom. Für viele Besucherinnen und Besucher war es die erste Begegnung mit einem Schofar, das nicht nur traditionelle Signale, sondern ganze Melodien hervorbringt. Für Bar Zemach erfüllte sich damit ein persönlicher Traum. Zugleich eröffnete er dem Publikum eine Klangwelt, die viele Menschen zuvor noch nie erlebt hatten. Darüber hinaus brachte der 26-jährige Bar Zemach das Schofar im Rahmen von „SHALOMMUSIK GOES SCHOOL“ gemeinsam mit einem Streichquartett des Jewish Chamber Orchestra Hamburg an zwei Kölner Schulen. Das von der RheinEnergieStiftung Kultur ermöglichte Projekt eröffnete den Jugendlichen durch Musik, Gespräche und persönliche Begegnungen einen unmittelbaren Zugang zu jüdischer Kultur.
Von jiddischer Musik bis zur Alten Musik
Auch die weiteren Festivaltage zeigten die große Bandbreite jüdischer Musikkultur. Alan Bern und das Ensemble des Yiddish Summer Weimar präsentierten im MAKK keine museale Rückschau, sondern einen lebendigen und zeitgenössischen Abend. Die Musik war so mitreißend, dass es viele Gäste nicht mehr auf ihren Stühlen hielt und das Publikum zutanzen begann.
Tina Teubner widmete sich bei „Offenbachs Geheimnis“ gemeinsam mit Cellist Andreas Müller und Pianist Ben Süverkrüp dem in Köln geborenen Jacques Offenbach. Mit Schärfe, Witz und musikalischer Leichtigkeit erzählte sie von seiner jüdischen Herkunft, seinen Erfolgen und den Widersprüchen seines Lebens.
Shura Lipovsky, die Grande Dame des jiddischen Liedes, brachte mit ihrem Ensemble Novaya Shira die Poesie, Melancholie und Kraft jiddischer Musik auf die Bühne.
Beim Abschlusskonzert in der Trinitatiskirche traf diese Welt sinnbildlich auf Dame Emma Kirkby, eine der bedeutendsten Interpretinnen der Alten Musik. Mit Psalmvertonungen von Salomone Rossi und Heinrich Schütz führte der letzte Abend jüdische und christliche Musikgeschichte zusammen. Begleitet wurde Kirkby vom Ensemble Ārt House 17 und Stipendiatinnen und Stipendiaten der Chorakademie des WDR Rundfunkchores unter der Leitung von Michael Hell. Auch der letzte Festivalabend endete im ausverkauften Kirchensaal mit Standing Ovations.
Ehrenamtspreis während des Festivals verliehen
Mitten im laufenden Festival nahmen Claudia Hessel und Ulrike Neukamm in Berlin den Ehrenamtspreis für jüdisches Leben in Deutschland entgegen. Die Auszeichnung würdigt das Engagement von SHALOM-MUSIK.KOELN, jüdisches Leben im öffentlichen Raum sichtbar und für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion erfahrbar zu machen.
„Wir wollen jüdisches Leben nicht allein im Zusammenhang mit Verfolgung, Vernichtung und Antisemitismus zeigen, sondern selbstbewusst, gegenwärtig, vielfältig und voller Lebensfreude“, betont Claudia Hessel. „Die große Resonanz auf dieses Festival bestärkt uns darin, diesen Weg weiterzugehen.“
Die nächste Ausgabe von SHALOM-MUSIK.KOELN ist für 2028 geplant. SHALOM-MUSIK.KOELN ist eine Initaitive des Kölner Forum für Kultur im Dialog e.V. in Kooperation mit der Synagogen-Gemeinde Köln und wird gefördert von dem Land Nordrhein-Westfalen, der Stadt Köln, der Kunststiftung NRW, der Imhoff-Stiftung und der RheinEnergieStiftung Kultur.