Was bleibt vom Menschen, wenn Unsterblichkeit zum Privileg und Konsum zur Pflicht wird? Mit CONSORTIUM 2058 entwirft FreAkademy Cologne eine dystopische Zukunft, in der technischer Fortschritt, soziale Vereinzelung und grenzenloser Reichtum eine neue Glaubensgemeinschaft hervorgebracht haben. Die immersive Produktion verbindet psychologischen Horror, Gesellschaftssatire und Installation – und macht das Publikum selbst zum Teil des Kollektivs.
Ines Langel vom Orangerie Theater sprach mit Nicolas Folz, Erfinder und Regisseur von CONSORTIUM 2058. Mit FreAkademy Cologne entwickelt er seit 2017 immersive Theatererlebnisse an der Schnittstelle von professionellem Schauspiel, Performancekunst und Geisterbahn-Elementen. In der neuen Produktion entwirft das Ensemble eine Zukunft, in der technischer Fortschritt, soziale Vereinzelung und grenzenloser Reichtum eine neue Glaubensgemeinschaft hervorgebracht haben. Im Gespräch geht es um subtilen Horror, das Publikum als Teil der Inszenierung und die dunklen Seiten menschlicher Sehnsucht.
1. CONSORTIUM 2058 verbindet Dystopie, Satire und psychologischen Horror. Welche gegenwärtigen Ängste oder gesellschaftlichen Entwicklungen stehen für dich hinter dieser Zukunftsvision?
Besonders gefährlich und beängstigend finde ich die Vereinsamung des Individuums innerhalb unserer digital beschleunigten Welt. Diese Entwicklung hat ein enormes Potenzial, teils extrem gefährliche Gruppendynamiken zu begünstigen. Der moderne Informationskrieg spaltet die Menschen innerhalb einer Gesellschaft voneinander ab, um sie davon abzulenken, dass sie eigentlich dieselben Probleme und dieselben Feinde haben.
Durch unsere chronisch verkürzten Aufmerksamkeitsspannen gestalten wir zunehmend eine Welt, die durch binäre Diskurslogiken geprägt ist.
Von der beängstigenden Geschwindigkeit in der Entwicklung von KI-Modellen, den immer höher synthetisierten und kollektiv konsumierten Erzeugnissen der Lebensmittelindustrie, der zunehmenden Bildungsungleichheit und der systematischen Ausbeutung und Zerstörung des Planeten durch Konzerne und Superreiche mal ganz zu schweigen.
Im Zentrum von CONSORTIUM steht ein dystopisches Gedankenexperiment, welches die Perversion von grenzenlosem Reichtum in einer technologisch deutlich weiterentwickelten Welt thematisiert. Innerhalb dieser Gesellschaft von 2058 werden Menschen in unsterbliche Konsumenten und gezwungenermaßen käufliche Konsumgüter unterteilt.
Wonach könnte der Mensch noch suchen, wenn die Grenzen von Sterblichkeit nicht mehr existieren?
2058 ist die Evolutionstheorie längst widerlegt und die Quantenmechanik ist das zentrale wissenschaftliche Fundament der hochgebildeten Elite.
2. Bei FreAkademy wird das Publikum nicht nur Beobachter, sondern Teil des Geschehens. Wie muss ich mir das vorstellen?
Hauptsächlich bezieht sich das auf die Tatsache, dass in unseren Inszenierungen Bühne und Publikumsraum meist nicht getrennt voneinander existieren. Performer und Zuschauende teilen sich einen Raum. Das Konzept der Begegnung steht seit jeher im Mittelpunkt der Arbeit von FreAkademy. Diese Begegnung kann auf unterschiedliche Arten umgesetzt werden.
Die Inszenierung HAPPY PLACE von 2025 hat beispielsweise mit komplett improvisierten Szenen gearbeitet, um das Publikum individuell mit in das Geschehen zu integrieren und Interaktion zu erzeugen.
CONSORTIUM ist im Gegensatz dazu eher als fragmentarisches Kammerspiel angelegt. Die Szenen spielen in unterschiedlichen Kulissen und mit verschiedenen Publikumskonstellationen. Das Publikum wird dabei zum Beobachter, teilweise aber auch zum wesentlichen Teil einer Szene.
3. Das Stück arbeitet bewusst eher mit Atmosphäre als mit vordergründigen Schockmomenten. Was kann subtiler Horror auf der Bühne, das ein klassischer Jumpscare nicht kann?
Subtiler Horror spielt mit den individuellen Assoziationen und Erwartungshaltungen des Publikums. Jumpscares sind immer auf eine Art und Weise Entladungen dieser angestauten Spannung. Das Potenzial des Unbekannten in Kombination mit der eigenen Fantasie ist grenzenlos. Horror ist meiner Auffassung nach ein so facettenreiches Genre, das so viel mehr sein kann als laut, generisch und absehbar.
4. Der Dresscode in Weiß, Grau, Braun und Schwarz macht die Besucher schon vor Beginn zu einem sichtbaren Teil des Kollektivs. Welche Rolle spielt diese äußere Vereinheitlichung für die Erfahrung des Abends?
CONSORTIUM berührt durch dieses Konzept Themen wie Zugehörigkeit, Gehorsam und blindes Vertrauen in ein höheres Ziel.
Im Verständnis von FreAkademy ist jeder Mensch ein Teil (man könnte auch sagen, eine Zelle) innerhalb des universellen Bewusstseins.
5. FreAkademy verbindet seit Jahren Schauspiel, Performancekunst und Geisterbahn-Atmosphäre. Was reizt dich gerade an diesem Zwischenraum besonders?
FreAkademy untersucht vordergründig die Ästhetik, den Klang und die dichten Atmosphären des Unheimlichen. Der menschliche Voyeurismus bildet dabei ein zentrales Fundament dieser Arbeit. Im Mittelpunkt stehen immer Geschichten, die aus der Finsternis des Menschseins entstanden sind.
Das Spannungsfeld zwischen Absurdität, Horror- und Komödienästhetik finde ich besonders spannend. Horror erzeugt Überwältigung, Kontrollverlust und existentielle Konfrontation. Komödie schafft Distanz, kollektive Wahrnehmung und emotionale Entlastung.
Die individuelle Wahrnehmung dessen, was man als Horror bezeichnen kann und was nicht, ist sehr unterschiedlich.
FreAkademy ist somit immer auch ein Stück weit ein Experiment, bei dem sich beobachten lässt, wie unterschiedlich Menschen auf diese verschiedenen Reize reagieren.
Am besten erlebt man die Inszenierungen, indem man ihnen völlig frei von Erwartungen und mit einer grundoffenen Haltung begegnet.
CONSORTIUM 2058
Produktion: FreAkademy Cologne
Co-Produktion: Orangerie Theater
Nächste Termine:
- 28.–30.10.2026, jeweils 20 Uhr
- 31.10.2026, 18:30 und 21 Uhr
- 01.11.2026, 20 Uhr
Tickets unter: www.orangerie-theater.de/programm/freakademy-consortium-2058/