Interview geführt von Ines Langel, Orangerie Theater, mit André Erlen und Stefan H. Kraft (Futur3).
Mitten im Kriegschaos, dort, wo Alltag und Ausnahmezustand ineinander übergehen, arbeiten Menschen, deren Geschichten kaum jemand kennt – obwohl sie für die Wahrnehmung eines ganzen Krieges entscheidend sind: die Fixer:innen. Sie begleiten internationale Journalist:innen, führen sie durch zerstörte Städte, öffnen Türen zu traumatisierten Familien und tragen Verantwortung in Momenten, in denen jedes Detail über Leben und Tod entscheiden kann.Die neue Produktion von Futur3, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Köln und der Freihandelszone – Ensemblenetzwerk Köln e.V., rückt genau diese unsichtbare Frontlinie ins Licht. Basierend auf einer Recherchereise in die Ukraine und intensiven Gesprächen mit Fixer:innen und Journalist:innen entsteht ein Abend, der die Zuschauer:innen nicht nur informiert – sondern tief berührt und herausfordert.Nominiert für den Kölner Theaterpreis sowie den Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater 2025, macht das Stück erfahrbar, welche ethischen Dilemmata, welche Verletzlichkeiten, welche Kraft und welcher Mut hinter der scheinbaren Objektivität der Nachrichten stecken.Der reale Fall einer jungen Fixerin, die während eines russischen Raketenangriffs ums Leben kam und deren Familie nun in den USA klagt, zeigt, wie politisch und menschlich brisant dieses Arbeitsfeld ist. Die Inszenierung fragt: Wer trägt Verantwortung? Wer erzählt wessen Geschichte? Und was kostet es, wenn man für die Wahrheit sein Leben riskiert?Mit Übertiteln in Ukrainisch und Englisch öffnet sich das Projekt einem internationalen Publikum – und lädt Sie ein, Teil eines Abends zu werden, der nachhallt.
1. Was hat euch persönlich dazu bewegt, den Fixer:innen – einem oft unsichtbaren, aber essenziellen Berufsfeld der Kriegsberichterstattung – ein eigenes Theaterprojekt zu widmen?
Futur3: Wir haben in vielen Gesprächen erlebt, wie ukrainische Theaterkolleginnen auf einmal in die unfassbare Situation dieses Krieges geworfen wurden, und wie sie darauf reagiert haben. Einige sind direkt in die Armee gegangen, einige sind vor dem Krieg geflohen und einige sind Fixerinnen geworden. Das Ausmaß dieser Entscheidungen hat uns sehr berührt und fasziniert! Uns war sehr schnell klar: Darüber MÜSSEN wir ein Stück machen.
2. Wie haben die Recherchereise in die Ukraine und die Gespräche mit Fixer:innen und Journalist:innen eure Sicht auf Verantwortung, Risiko und Ethik im Erzählen verändert?
Futur3: Uns wurde während der Recherche immer klarer, dass in so einer existentiellen Situation alles Unwichtige immer weiter weg fällt, und genau diese grundlegenden Fragen ins Zentrum allen Handelns rücken! Das hat uns bei den Begegnungen mit den Fixerinnen auch so beeindruckt, die wir im April 2024 in der Ukraine interviewt haben: Sie wollen unbedingt, dass über diesen Krieg berichtet wird! Die Welt muss wissen, was da passiert, mit welcher Rücksichtslosigkeit und Brutalität Russland diesen Krieg führt. Die Medien wollen harte und berührende Stories darüber – und die Fixerinnen stehen zwischen den Interessen der Journalistinnen und der internationalen Medien und denen ihrer Leuten! Wie weit dränge ich die Mutter eines Kindes, das im Krieg getötet wurde, dazu, sich zu öffnen? Diese Geschichte immer wieder zu erzählen? Ein Foto des Kindes vor der Kamera anzuschauen? Wie weit überrede ich da, übe vielleicht sogar Druck aus? Das sind grundlegende ethische Fragen - aber auch die großen Fragen nach der Qualität und Integrität von Journalismus. Und dieses Spannungsfeld ist unfassbar groß.*
3. Im Stück geht es auch um die teils spannungsreiche Beziehung zwischen Journalist:innen und Fixer:innen. Welche dramaturgischen Entscheidungen habt ihr getroffen, um diese unterschiedlichen Perspektiven sichtbar zu machen?
Futur3: Wir haben mit 5 Journalistinnen gesprochen, vom Guardian, vom WDR, von französischen TV-Kanälen und eine Freelancerin, die alle sehr hohe ethische und journalistische Standards hatten, das war beeindruckend. Wir haben aber auch Stories über absolut zynisches und ekelhaftes Verhalten von Journalistinnen gehört. Tatsache ist: Die meisten (nicht alle!) gehen danach wieder nach Hause, ins sichere London, Köln oder Paris – und die Fixerinnen bleiben im Krieg. Wir haben versucht zu zeigen, dass diese Welten verschiedene sind.
4. Der reale Fall der getöteten ukrainischen Fixerin, der aktuell in den USA juristisch nachwirkt, berührt Fragen von Schuld, Sicherheit und postkolonialen Strukturen. Wie fließen solche aktuellen politischen Dimensionen in eure Inszenierung ein, ohne zu vereinfachen?
Futur3: Das ist die schwierige, schöne und große Aufgabe von Theater. Dazu muss man „unter die Haut“ eines komplexen Phänomens kriechen und Muster heraus arbeiten, die man in einem Essay so nicht behandeln könnte. Und dann durch die vielen Bedeutungseben, die wir gleichzeitig bespielen können, eine Art der tieferen Wahrheit aufzeigen. Dafür haben wir in diesem case auch zu starken theatralen Mitteln gegriffen.
5. Die Produktion arbeitet mit Übertiteln in Ukrainisch und Englisch und kooperiert international. Welche Rolle spielt Mehrsprachigkeit – auch im übertragenen Sinne – für die ästhetische und politische Wirkung des Stücks?
Futur3: Der ganze Arbeitskontext der Fixerinnen ist total international, denn Medien aus der ganzen Welt berichten aus der Ukraine. Und wir haben gerade eine Einladung zu einem Festival in Prag bekommen. Dieses Thema ist kein ukrainisches Thema, es geht uns alle an! Genauso, wie die anderen Kriege auf der Welt. Der Krieg in der Ukraine berührt uns von Futur3 deshalb besonders, weil wir schon vor 2014, also der Okkupation der Krim mit ukrainischen Künstlerinnen zusammen gearbeitet haben und in ständigem Austausch stehen.
Nächste Termine:
- 27.11.2025 (Donnerstag), 20:00–21:30, Saal
- 28.11.2025 (Freitag), 20:00–21:30, Saal
- 29.11.2025 (Samstag), 20:00–21:30, Saal
Tickets unter: orangerie-theater.reservix.de/p/reservix/group/516632