Mit anne, anne schafft die Künstlerin Marje Hirvonen eine poetische und schonungslose Auseinandersetzung mit Mutterschaft im Angesicht von Klimakrise, gesellschaftlichen Umbrüchen und Kämpfen um Selbstbestimmung.
In einer Verbindung aus Tanz, Opernstimmen, Videokunst und Installation entsteht ein immersiver Raum, der die Kraft und Verletzlichkeit des weiblichen Körpers in den Mittelpunkt rückt. Die zentrale Frage: In welcher Welt wollen wir unsere Kinder großziehen?
Diese Themen wirken in einen gesellschaftlichen Kontext hinein – etwa in die realen Zahlen zur Kinderlosigkeit in Deutschland: Im Jahr 2022 waren von etwa 29,7 Millionen Frauen zwischen 20 und 75 Jahren rund 9,5 Millionen kinderlos, das entspricht knapp 32 %. Unter den Frauen im Alter von 45 bis 54 Jahren lag die Kinderlosenquote bei rund 20 %, ein Wert, der über die letzten zehn Jahre relativ stabil blieb.
Für ihr Konzept wurde Marje Hirvonen mit dem ersten Frauentheaterpreis des SI Club Köln-Kolumba ausgezeichnet.
Marje Hirvonen (Konzept, Künstlerische Leitung & Performance ) im Gespräch mit dem Orangerie Theater:
Frau Hirvonen, das Thema Mutterschaft wird seit einigen Jahren immer wieder neu diskutiert. Warum, glauben Sie, ist es heute so präsent?
Marje Hirvonen: Ich denke, Mutterschaft wird deshalb so intensiv neu beleuchtet, weil sich unsere Lebensrealitäten stark verändert haben. Früher war sie stärker in traditionelle Rollen eingebettet, heute sehen sich viele Frauen mit einer ganz anderen Situation konfrontiert. Sicherheit und Planbarkeit, die für eine Entscheidung zu Kindern wichtig sind, gibt es immer weniger: sei es durch ökonomische Instabilität, unsichere Wohnsituationen oder die Klimakrise.
Dazu kommt der Alltag: Viele versuchen, Karriere, Haushalt, Beziehungen, Reisen und Selbstverwirklichung zu balancieren. Das ist schon ohne Kinder oft überwältigend. Wenn man Kinder in diese Realität hineindenkt, braucht es zusätzliche finanzielle, zeitliche und emotionale Ressourcen – die nicht immer vorhanden sind. Auch fehlender Wohnraum oder die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielen eine Rolle.
Und dann sind da noch die großen Fragen unserer Zeit: Klimakrise, politische Unsicherheiten, gesellschaftliche Umbrüche. All das prägt, wie wir über Mutterschaft sprechen.
Sie haben für anne, anne den ersten Frauentheaterpreis gewonnen. Hatten auch andere Bewerberinnen ähnliche Themen?
Hirvonen: Ja, tatsächlich. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass Mutterschaft in vielen Bewerbungen vorkam. Das überrascht mich nicht, denn es ist gerade ein sehr präsentes Thema – vor allem für freischaffende Künstlerinnen, die in unsicheren Lebensrealitäten arbeiten.
Was bei mir anders ist: Ich bin selbst noch in der Frage, ob ich überhaupt Mutter werden möchte. Ich kann also nicht von der Vereinbarkeit von Mutterschaft und Kunst berichten, sondern eher von den Zweifeln, Sorgen und Fragen, die mich beschäftigen. Damit stehe ich nicht allein. Früher haben viele Künstlerinnen Mutterschaft kategorisch ausgeschlossen, weil es schlicht nicht möglich schien, beides zu vereinen. Heute wird stärker ausgelotet, ob und wie es gehen kann.
Was müsste sich ändern, damit junge Frauen eine freie und bewusste Entscheidung für oder gegen Kinder treffen können?
Hirvonen: Vieles. Auf globaler Ebene wäre Vertrauen in die Zukunft wichtig: dass Frauen und Kinder tatsächlich Priorität haben, dass Klimaschutz ernsthaft angegangen wird, dass Frieden Vorrang vor Aufrüstung hat. Solange Gewalt und Unsicherheit den Alltag vieler prägen, fällt es schwer, Zuversicht zu entwickeln.
Im Nahen braucht es gesellschaftliche Wertschätzung und Bezahlung von Care-Arbeit. Mütter dürfen nicht aus ihrer Berufswelt herausfallen. Gerade im Kulturbereich fehlen Strukturen: In meinem Projekt wollte ich kostenlose Kinderbetreuung im Theater anbieten – das war aber nicht einmal förderfähig. Das zeigt, wie stark Fördersysteme an männlich geprägten Arbeitsmodellen hängen.
Dazu kommt die Unsicherheit im Sozialstaat: Kitaplätze, Schulen, Gesundheitsversorgung – vieles ist fragil. Kinder sollten keine Frage des Geldbeutels sein. Eine verlässliche Absicherung durch den Staat wäre entscheidend.
Erleben Sie Druck oder gar Verurteilung, weil Sie selbst (noch) keine Mutter sind?
Hirvonen: Verurteilt fühle ich mich nicht direkt, aber der gesellschaftliche Druck ist spürbar. Oft heißt es unterschwellig: „Es wäre doch schade, wenn du keine Kinder bekommst.“ Gerade weil ich in einer Beziehung lebe, wirkt es für viele unverständlich, dass ich zögere.
Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mein Zögern rechtfertige – mit Verweis auf Unsicherheit oder fehlende Stabilität. Auch von Ärztinnen spüre ich manchmal den subtilen Wunsch, dass ich diesen Schritt gehe.
In meinem künstlerischen Umfeld ist es dagegen eher normal, keine Kinder zu haben oder die Entscheidung lange hinauszuschieben. Viele leben ein freies, mobiles Leben mit unsicheren Einkünften – Kinder wären darin nur schwer unterzubringen. Dort erfahre ich weniger Druck.
Welche Ideen, Zweifel und Ängste bewegen Sie am meisten?
Hirvonen: Ich habe sowohl dystopische als auch utopische Gedanken. Einerseits habe ich über eine Art „Streik“ nachgedacht – was wäre, wenn alle Frauen kollektiv die Reproduktion verweigerten? Das war eine der Ausgangsideen für anne, anne. Aber wahrscheinlich würde eine solche Weigerung schnell gewaltsam gebrochen werden, weil Reproduktion zur Pflicht erklärt würde.
Andererseits frage ich mich, wie eine unterstützende Utopie aussehen könnte: Etwa eine staatliche Absicherung von 2.500 Euro im Monat während Schwangerschaft und frühem Kindesalter, kostenlose Kita, echte Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft. Eigentlich selbstverständlich – und doch in unserem patriarchal geprägten System undenkbar.
Sie selbst sind keine Mutter. Aus welcher Perspektive nähern Sie sich dem Thema?
Hirvonen: Ich betrachte Mutterschaft aus meiner eigenen Perspektive als Frau. Mein Weg zum Frausein war geprägt von Reflexion über Rollenbilder, Geschlechterkonstruktionen und darüber hinaus. Jetzt beschäftigt mich, was Mutterschaft in diesem Kontext bedeutet.
Ich möchte die Fähigkeit, Kinder zu bekommen, auch unabhängig von Druck und Zwängen zelebrieren. Es ist ein Wunder des Körpers, fast etwas Göttliches. Diese Kraft verdient Aufmerksamkeit und Wertschätzung – ob wir sie nutzen oder nicht.
Nächste Termine
- Donnerstag, 16.10.2025, 20:00–21:30 | Ur-Aufführung | Premiere
- Freitag,17.10.2025, 20:00–21:30
- Samstag, 18.10.2025, 20:00–21:30
- Sonntag, 19.10.2025, 18:00–19:30
Sprache: Deutsch
Zugänglichkeit: Für Rollstuhlfahrer:innen geeignet
Karten: orangerie-theater.reservix.de