Was bedeutet „Normalität“ in einer Zeit, in der Gewissheiten brüchig geworden sind? Politische Krisen, gesellschaftliche Umbrüche und eine sich ständig beschleunigende Gegenwart haben das Gefühl verstärkt, dass wir uns in einem dauerhaften Übergang befinden – zwischen dem, was war, und dem, was noch nicht klar erkennbar ist. Genau diesen Zustand greift die Tanzperformance THE NEW NORMAL des Kollektivs flies&tales auf, die Anfang April im Orangerie Theater Köln Premiere feiert.
Die begehbare Produktion bewegt sich an der Schnittstelle von Tanz, Performance, Text und Musik und lädt das Publikum ein, Teil eines künstlerischen Experiments zu werden. Im Zentrum steht ein Gefühl, das viele Menschen derzeit teilen: Orientierungslosigkeit in einer Welt, die sich ständig verändert und gleichzeitig merkwürdig stillzustehen scheint. Zwischen Freiheitsdrang und Überforderung, zwischen alten Gewissheiten und neuen Möglichkeiten stellt die Performance die Frage, was von der Idee des „Normalen“ überhaupt noch übrig ist.
Der Titel verweist auf einen Begriff, der in den vergangenen Jahren häufig bemüht wurde – meist, um Veränderungen zu beschreiben, die plötzlich zur alltäglichen Realität wurden. Doch anstatt Antworten zu liefern, interessiert sich THE NEW NORMAL vor allem für den Zustand dazwischen. Inspiriert von Antonio Gramscis berühmtem Gedanken eines historischen „Interregnums“, in dem das Alte stirbt, während das Neue noch nicht geboren ist, untersucht die Produktion jene Zwischenräume, in denen Unsicherheit zur kollektiven Erfahrung wird.
Wie lässt sich dieser Schwebezustand künstlerisch erfahrbar machen? Und welche Rolle spielt das Publikum in einer Performance, die bewusst auf feste Orientierung verzichtet? Darüber haben wir mit den Künstler:innen des Kollektivs flies&tales gesprochen.
Josefine Patzelt und Lenah Flaig sprechen im Interview mit Ines Langel vom Orangerie Theater über ihre Performance „THE NEW NORMAL“.
„THE NEW NORMAL“ beschreibt eine Realität im permanenten Ausnahmezustand. Seht ihr die Performance auch als politische Reaktion auf eine Gegenwart, in der Krisen zum Alltag geworden sind?
Josy: Ja, das fasst die Grundthese unseres Stücks ganz gut zusammen. Wir leben in einer Zeit, in der sich eine Krise an die nächste reiht und dadurch die Gewissheit entsteht, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann. Gleichzeitig gibt es kaum Alternativen und man versucht, an alten Ideen festzuhalten. Das gibt uns das Gefühl, nicht handlungsfähig zu sein. Das Stück spielt damit, sich dieses Schwellenzustands wieder zu ermächtigen und das Potenzial zur Veränderung darin zu finden.
Len: Genau, und zusätzlich gibt es im Stück eine Erklärungsszene, warum wir am Alten so gerne festhalten, obwohl eine alternative Option besser wäre.
Ihr sprecht von einem Interregnum, in dem „das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann“.
Welche gesellschaftlichen oder politischen Symptome dieses Zwischenzustands interessieren euch besonders – und wie bringt ihr sie tänzerisch auf die Bühne?
Jo: Da sind wir dann bei diesem Festhalten an alten Ideen. Wenn z. B. Friedrich Merz sagt, wir müssen alle mehr arbeiten, dann ist das komplett aus der Zeit gefallen. Früher war Arbeit vielleicht gekoppelt an gesellschaftlichen Wohlstand, heute wissen wir, dass unsere Tätigkeit in den allermeisten Fällen nichts mehr mit der Wirtschaftsleistung dieses Landes zu tun hat. Aber es wird trotzdem daran festgehalten, und die, die das betrifft, haben keinen Einfluss. In unseren Augen also ein anhaltender Schwellenzustand.
Len: Mit Merz wird in unseren Augen auch die Zeit zurückgedreht und eben nicht neu gedacht. Demnach kamen wir nicht drum herum, dass Eric, der wie immer in unserem Kollektiv den Soundtrack komponiert hat, eine technoide Version der sympathischsten Merz-Zitate schneidet und wir uns körperlich daran abarbeiten. Aber wir wollen nicht zu viel verraten.
Jo: Genau. Wir wollen diese Zustände als Atmosphären ins Theater bringen und nutzen dafür vor allem Tanz, aber eben auch Text, Musik und Performance.
Die Zuschauer:innen bewegen sich durch eine begehbare Tanzperformance. Welche Verantwortung oder Rolle bekommt das Publikum in diesem Setting – wird es Beobachter:in, Mitspieler:in oder Teil des Systems „New Normal“?
Len: In diesem Setting kann jede:r alles und nichts sein: Man kann rein beobachtend bleiben. Teil des Systems „New Normal“ wird man jedoch bereits mit dem Betreten des Raumes. Schon im bloßen Dasein beginnt die Verantwortung.
Jo: Ja, voll, wir bewohnen diesen Ort zusammen mit dem Publikum. Manche weichen uns aus, andere tanzen mit. Und das alles ist okay. Immer wieder spannend, was da passiert.
Len: Man muss auf keinen Fall Angst vor Mitmachtheater haben. Das Publikum wird einmal in drei Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe entscheidet selbst, welcher Einführung sie folgt, und erhält dadurch eine jeweils unterschiedliche inhaltliche Setzung zum Stück. Bereits hier wird eine Form von Wahlfreiheit inszeniert, die zugleich begrenzt ist. Das Publikum wird nicht zu aktiven Mitspielenden, sondern zu beobachtenden Beteiligten: Es bleibt rezeptiv, erfährt jedoch körperlich die Strukturen von Nähe, Entscheidung und Zugehörigkeit, die das „New Normal“ prägen.
In eurem Text heißt es: „In einer Zeit, in der jede:r alles sein kann – ist vielleicht niemand mehr irgendetwas.“ Ist das für euch eher ein Versprechen von Freiheit oder eine Kritik an neoliberaler Selbstoptimierung und Identitätsdruck?
Jo: Natürlich leben wir in einer Zeit der Selbstoptimierung. Und irgendwie sind wir auch alle unser eigenes Produkt – auch gerade jetzt, wo wir diese Fragen beantworten. Denn niemand will langweilig wirken. Und oft entsteht das Gefühl, nicht interessant genug zu sein. Aber das nur als Kritik zu verstehen, wäre zu einfach. Es ist mehr eine Zustandsbeschreibung. Denn es liegt ja auch eine große Freiheit darin, sich immer wieder selbst erfinden zu können oder sich von Zuschreibungen zu lösen, mit denen man sich vielleicht noch nie identifiziert hat. Also auch wieder so eine Schwelle: Bin ich alles oder bin ich nichts? Ich glaube, unser Stück versucht am Ende, dieses Spannungsfeld ein bisschen aufzulösen und sich einfach zu fühlen. Die Welt ist eben nicht nur schwarz und weiß. Ein Schwellenzustand heißt Leere und Orientierungslosigkeit – ja. Aber vielleicht auch Neugierde, Entgrenzung und Offenheit für Neues.
flies&tales feiert dieses Jahr 10 Jahre Kollektivarbeit. Hat sich euer Blick auf die politische Kraft von Tanz in dieser Zeit verändert – und ist „THE NEW NORMAL“ auch ein Kommentar zur Gegenwart der letzten Dekade?
Len: Mmm … Wir haben nie an der politischen Kraft des Tanzes gezweifelt. Gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass unsere Arbeiten im Laufe der zehn Jahre expliziter politisch geworden sind. Wir gehen dabei meist vom Persönlichen aus und öffnen es ins Gesellschaftliche. In CLUB OF SWEET LIES ging es um das Hinterfragen eigener Privilegien – und darum, was Golf mit gesellschaftlichen Machtstrukturen zu tun hat. In CRIMINAL PLEASURES bedienten wir uns am True-Crime-Phänomen und zeigten, wie wir Gewalt und Ungleichheit als Unterhaltung konsumieren und dadurch selbst Teil der gesellschaftlichen Strukturen werden, die wir eigentlich kritisieren.
Und THE NEW NORMAL ist in diesem Sinne tatsächlich unsere sehr persönliche Antwort auf die Gegenwart – ein Kommentar zur letzten Dekade und zu den Verschiebungen, die wir aktuell erleben. Alles scheint nur noch in liminalen Übergangsphasen zu existieren, in denen Ausnahmezustände nicht mehr als Unterbrechung, sondern als Grundrauschen der Gegenwart wahrgenommen werden. Die Arbeit untersucht weniger konkrete Ereignisse als vielmehr deren psychophysische Auswirkungen auf Körper, Wahrnehmung und soziale Beziehungen. Dennoch tragen auch die letzten drei Stücke immer eine Prise Humor – zu ernst nehmen wir uns selbst nicht. Und natürlich bleibt es nicht nur beim Tanz: In THE NEW NORMAL wird viel gesprochen, die Musik ist mindestens genauso prägend wie die Bewegung, sodass man den Raum genauso gut mit der Erwartungshaltung eines elektronischen Konzerts betreten könnte.
- 02.04.2026, 20:00–21:00
- 03.04.2026, 20:00–21:00
- 04.04.2026, 20:00–21:00
- 05.04.2026, 18:00–19:00
Orangerie Theater | Volksgartenstraße 25 | 50677 Köln