Wir leben im Zeitalter der Erb:innen: In Deutschland werden jedes Jahr rund 250 Milliarden Euro weitergegeben. Gleichzeitig geraten staatliche Strukturen unter Druck – Sozial- und Kulturbudgets schrumpfen, Ungleichheiten verschärfen sich.
Mit ihrer neuen performativen Arbeit „Showdown“ untersucht subbotnik das Erben als persönlichen und politischen Konfliktraum. Zwischen Show, Theater und Verhandlungsraum übernehmen Performer:innen die Rollen von Erbverwalter:innen – und verhandeln nicht nur Besitz, sondern auch Schulden, Traumata, Privilegien und offene Familiengeschichten.
In neu formierten Erb:gemeinschaften wird aufgeteilt, gestritten und neu gedacht: Wer bekommt was? Wer bleibt außen vor? Und was bedeutet Erben in einer Gesellschaft, in der Eigentum immer politisch ist? Ein Bürger:innenchor verdichtet dabei die Stimmen des Publikums und öffnet den Blick auf die Möglichkeit eines anderen Umgangs mit dem, was weitergegeben wird.
subbotnik im Gespräch mit Ines Langel (Orangerie Theater)
Ihr beschreibt „Showdown“ als spielerische Übung des Streits. Wo verläuft für euch die Grenze zwischen produktivem Konflikt und bloßer Eskalation – und was kann Theater hier vielleicht besser als politische Debattenräume?In der Vorbereitung der Inszenierung haben wir mit Menschen gesprochen, die eine Erbschaft erlebt haben. Dabei zeigte sich, dass Erbstreit häufig mit massivem emotionalem Stress verbunden ist, sich über Jahre hinziehen kann und ganze Familien zerbrechen lässt. Daraus entstand der Fokus auf den engen Zusammenhang von Familie, Erbschaft und Konflikt.
Eine zentrale, bewusst provokante These der Arbeit lautet: Kann man Menschen überhaupt allein mit ihrer Erbschaft lassen – und ist die Familie der richtige Ort dafür? Auf dieser Grundlage wurden individuelle Erbgeschichten untersucht und nach Formen gesucht, sie aus dem Privaten herauszulösen und im Theaterraum zu vergesellschaften.
Die Bühne fungiert dabei als Verhandlungsraum, in dem Erbe sowohl auf der persönlichen und familiären Ebene als auch als gesellschaftliches Phänomen verhandelt wird. Beides ist untrennbar miteinander verbunden: Private Erbschaften sind gesellschaftlich geprägt, gesellschaftliche Erbfragen wirken direkt in individuelle Leben hinein.
Der Streit wird dabei als notwendige Voraussetzung für Diskurs und Veränderung verstanden. Gleichzeitig wird problematisiert, dass Streit auch destruktiv werden kann, wenn er nur der Selbstbehauptung dient und keinen Austausch oder keine Veränderung mehr zulässt. Die Streitkultur wird so zum Seismographen des gesellschaftlichen Zustands.
Theater kann hier vielleicht mehr als politische Debattenräume, weil es einen spielerischen, lustvollen Zugang ermöglicht, individuelle Geschichten in ihrer Universalität sichtbar macht und das Publikum aktiv in Aushandlungsprozesse einbezieht. Das Publikum wird nicht nur Zeug*in, sondern Teil der Verhandlung.
In eurer Arbeit geht es nicht nur um Geld und Besitz, sondern auch um Traumata, Privilegien und Schuld. Wie übersetzt man so unsichtbare, emotional aufgeladene „Erbschaften“ in eine performative Form, ohne sie zu vereinfachen?
Wir verstehen Geld, Besitz, Privilegien, Traumata und Schuld als unterschiedliche Dimensionen von Erbschaft, die immer gemeinsam auftreten und sich kaum voneinander trennen lassen. Eine künstlerische Arbeit kann diese Aspekte nicht alle in gleicher Tiefe abbilden – das ist auch nicht unser Ansatz. Uns interessiert vielmehr der Modellcharakter des Vererbens selbst.
In unserer performativen Setzung sitzt das Publikum auf sich gegenüberstehenden Tribünen. Im Verlauf des Abends erhalten die Zuschauer*innen unterschiedliche Zuschreibungen, Perspektiven und Positionen. Durch diese spielerischen Einordnungen entsteht ein kollektiver, performativer Umgang mit Erbe.
Diese Anordnung ermöglicht es, verschiedene Dimensionen von Erbschaft gleichzeitig sichtbar zu machen und produktiv sowie unterhaltsam zu verhandeln, ohne sie zu vereinfachen.
Der Abend stellt die Frage: „Was bedeutet Erben in einer Gesellschaft, in der Eigentum politisch ist?“ Hat sich eure eigene Sicht auf Erben und Weitergeben durch die Arbeit an diesem Stück verändert?
Die politische Dimension von Erbschaft ist enorm. Das war uns bereits vor Beginn der Arbeit bewusst, wurde durch Recherche und künstlerische Auseinandersetzung jedoch noch deutlich offenkundiger. Das gesellschaftliche Narrativ, dass Arbeit und Leistung die zentralen Säulen unserer Gesellschaft seien, wird durch die Milliardenbeträge, die jährlich vererbt werden, grundlegend unterlaufen.
Privilegien werden innerhalb von Familien weitergegeben, privates Vermögen wächst, während öffentliche Schulden gleichzeitig immer größer werden. Diese Entwicklungen werfen drängende politische Fragen auf, auf die es gesellschaftlich Antworten braucht.
Theater kann diese Antworten nicht liefern. Aber es kann die zugrunde liegenden Probleme und Konflikte sichtbar machen, benennen und einen Raum schaffen, in dem Austausch, Reflexion und gemeinsames Nachdenken möglich werden.
Der Bürger:innenchor bringt die Stimmen des Publikums direkt in den Abend. Wie stark darf oder soll das Publikum den Verlauf und die Dynamik des Abends tatsächlich beeinflussen?
Das Publikum ist für unser Format von zentraler Bedeutung. Jeder Abend entwickelt dadurch eine ganz eigene Dynamik. Neben dem Chor wird das Publikum selbst zu einer Art aktiver Akteur:in, die den Verlauf mitprägt. Gleichzeitig gibt es auch viele Spielmomente, Szenen, in denen das Publikum ganz klassisch einfach zugucken darf.
Angesichts schrumpfender Kultur- und Sozialbudgets bekommt das Thema Verteilung eine zusätzliche Brisanz. Ist „Showdown“ für euch eher eine Diagnose unserer Gegenwart oder ein Versuch, konkrete Utopien zu erproben?
Ohne zu viel vorwegzunehmen, beginnt der Abend mit einer Bestandsaufnahme, entwickelt sich jedoch im Verlauf weiter. Dabei spielen Chor und Gesang sowie die dabei entstehenden poetischen Räume eine zentrale Rolle. Nach dem Streit steht im besten Fall eine Form von Versöhnung. Das mag vielleicht schon utopisch sein, ist aber eine Utopie, an der es sich lohnt, sich zu orientieren.
Nächste Termine
- Do, 05.03.2026 · 20:00 – 21:30 Uhr · Saal · Köln-Premiere · Tickets: https://orangerie-theater.reservix.de/p/reservix/group/528373
- Fr, 06.03.2026 · 20:00 – 21:30 Uhr · Saal · Tickets: https://orangerie-theater.reservix.de/p/reservix/group/528373
- Sa, 07.03.2026 · 20:00 – 21:30 Uhr · Saal · Tickets: https://orangerie-theater.reservix.de/p/reservix/group/528373
- So, 08.03.2026 · 18:00 – 19:30 Uhr · Saal · Tickets: https://orangerie-theater.reservix.de/p/reservix/group/528373
Sprache
Deutsch
Barrierefreiheit
Für Rollstuhlfahrer:innen geeignet
Für dieses Stück gibt es leider keine Audiodeskription. Die Aufführung ist jedoch gut hörbar: Etwa 80 % bestehen aus Text und Musik.
Touchtour (Sa & So)
Am Samstag und Sonntag bieten wir eine Touchtour an. Dabei können Sie vor der Vorstellung Bühne, Requisiten und die Künstler:innen kennenlernen.
Bei Interesse bitte an der Abendkasse melden. Beginn: 19:30 Uhr · Dauer: ca. 20 Minuten